Mittwoch, 02. Dezember 2009  Unternehmerbefragung

Deutschland gehen die Unternehmer aus - Unternehmerbefragung des Deutschen Mittelstands-Barometers

Schwierige Geschäftslage, Stellenabbau und mangelnde Freude am Unternehmertum prägen den deutschen Mittelstand

Berlin, 2. Dezember 2009 – Die Folgen der Wirtschaftskrise haben den deutschen Mittelstand voll im Griff. Nur neun Prozent der Befragten rechnen mit Neueinstellungen in den nächsten zwölf Monaten, während fast ein Viertel der Mittelständler von einer Reduzierung der Beschäftigtenzahlen ausgeht. Zu diesem Ergebnis kommt die diesjährige Befragung von mehr als 2.300 Un-ternehmern im Rahmen des Deutschen Mittelstands-Barometers (DMB), das durch die Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft (FMW) in Kooperation mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und dem Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) erhoben wird.

Die wahrgenommene Geschäftslage erreicht in diesem Jahr ihren tiefsten Stand seit 2005. Besonders alarmierend: In der Krise ist den Mittelständlern die Freude am Unternehmertum verloren gegangen. Die Zahl der Befragten, die sich – falls sie noch einmal vor der Wahl stünden – dagegen entscheiden würden, Unternehmer zu werden, vervierfachte sich gegenüber 2007. Vier von fünf Befragten würden demzufolge nicht mehr Unternehmer werden wollen. Gleichzeitig haben immer weniger Unternehmer die Absicht, potenziellen Nachfolgern aus der Familie die Weiterführung des Betriebes zu empfehlen. Die Bereitschaft zum Verkauf des eigenen Unternehmens an Dritte stieg zudem deutlich. „Der Spaß am Unternehmertum und damit die Grundlage für den Aufbau und den Erhalt eines Unternehmens ist verloren gegangen. Deutschland gehen die Unternehmer aus“, zieht Professor Michael Lingenfelder von der Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft Bilanz.

Neben dieser alarmierenden Botschaft deuten die Ergebnisse der Unternehmerbefragung auch eine drohende Entlassungswelle im Mittelstand an. Rund ein Viertel aller mittelständischen Unternehmer rechnet für 2010 mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, während nur neun Prozent der Betriebe Neueinstellungen in den nächsten zwölf Monaten planen. Immerhin zwei Drittel der Befragten glauben, dass sich die Zahl der Arbeitnehmer nicht verändern wird.

Für den Pessimismus im deutschen Mittelstand gibt es Gründe: Besonders eingeschränkt fühlen sich die Geschäftsführer kleiner und mittlerer Unternehmen durch die überbordende Bürokratie und Regulierung in Deutschland sowie durch die Steuer- und Abgabenbelastung. Daneben trübt in diesem Jahr besonders das schlechte Konjunkturklima die Stimmung im Mittelstand. Mit 56 Punkten hat der Faktor Konjunkturklima einen so negativen Einfluss auf die Unterneh-mensentwicklung wie noch nie in der sechsjährigen Geschichte der Unternehmerbefragung.

Mit Blick auf diese Ergebnisse lässt sich erhöhter Handlungsbedarf für Politik, Medien und Verbände ableiten. „Die Bundesregierung ist dabei, den Vertrauensvorschuss des Mittelstands zu verspielen. Das wichtigste Ziel ist jetzt die Stärkung der Wachstumskräfte. Dazu müssen die mittelstandstypischen Personenunternehmen entlastet werden. Das heißt vor allem Steuerfreistellung der im Betrieb verbleibenden Gewinne“, betont BVMW-Präsident Mario Ohoven. „Neben Steuererleichterungen, die durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz bereits angestoßen wurden, muss auch ein deutlich vereinfachtes Steuersystem geschaffen werden. Die Ankündigungen der Bundesregierung sollten daher rasch und konsequent umgesetzt werden“, for-dert Dr. Arno Probst von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO.  Darüber hinaus müssen Folgeregelungen für die Zeit nach Auslaufen der Kurzarbeiterregelung getroffen werden, da sonst ein umfassender Arbeitsplatzabbau im Mittelstand unausweichlich scheint. Mit Blick auf die sinkende Freude am Unternehmertum ist es dringend angeraten, dass gerade potenziellen Unternehmern durch Politik und Verbände Hilfestellung geleistet wird. Insbesondere im High Tech- und Servicesektor bedarf es neuer und innovativer Unternehmen, die die interna-tionale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sichern.

Zum Studiendesign

Für die jährliche Unternehmerbefragung des DMB wurden mehr als 2.300 Geschäftsinhaber und -führer aus ganz Deutschland zu ihrer Stimmungs- und Geschäftslage befragt. Kern der Studie bildet das so genannte Eisbergmodell, das neben der wahrgenommenen Geschäftslage und der Bereitschaft zur Schaffung neuer Arbeitsplätze auch das Gründungsklima, das wahrgenommene Unternehmerbild in der Öffentlichkeit und die Freude am Unternehmertum umfasst. Alle ermittelten Werte haben sich gegenüber dem Vorjahr – zum Teil deutlich – verschlechtert. Insgesamt beeinflussen die psychischen Faktoren die wahrgenommene Geschäftslage zu 64 Prozent. Die Schaffung von Arbeitsplätzen lässt sich ebenfalls zu 64 Prozent mit dem Eisbergmodell erklären.

Des Weiteren wurden die Unternehmer zu sechs wesentlichen Rahmenbedingungen befragt, die die unternehmerische Tätigkeit beeinflussen. Zu diesen zählen Steuer- und Abgabenbelastung, Bürokratie und Regulierung, Finanzierung, Ausbildungsniveau der Nachwuchs-kräfte, deutsches Arbeitsrecht und derzeitiges Konjunkturklima.


Das Deutsche Mittelstands-Barometer

Die Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft der Philipps-Universität Marburg (FMW) erhebt branchenübergreifend, regional und überregional wichtige Themen- und Problemfelder des deutschen Mittelstands. Das Deutsche Mittelstands-Barometer ist ein Kooperationsprojekt zwischen der FMW, dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) und der BDO Deutsche Warentreuhand AG. Die ursprünglich als Marburger Mittelstands-Barometer initiierte Untersuchung startete 2004 in Zusammenarbeit mit dem BVMW und hat in den letzten drei Jahren in Medien, Politik und der Wirtschaftspraxis deutliche Akzente gesetzt.

Einmal jährlich werden in einer umfangreichen Studie Unternehmer u.a. zu ihrer Einschätzung des Geschäftsklimas und ihrer Stimmungslage befragt. Zwei flankierende Untersuchungen im Frühjahr und Herbst geben Einblicke in die wirtschaftliche Situation der Unternehmen und Rahmenbedingungen für erfolgreiches Unternehmertum aus Sicht von Mittelstandsexperten. Die insgesamt drei Erhebungen des Barometers ermöglichen damit valide Aussagen zur faktischen und gefühlten Lage der Mittelständler im Jahresverlauf. Kurzum: Das Psychogramm des deutschen Mittelstands.

Das DMB bündelt die Perspektiven und Expertisen von Wissenschafts-, Ver-bands-, Unternehmens- und Medienseite: Mit der Forschungsstelle Mittel-ständische Wirtschaft (FMW), dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), BDO Deutsche Warentreuhand AG und dem Wirtschaftsmagazin Markt und Mittelstand schließen sich vier Kompetenzpartner im Bereich mittelständische Wirtschaft zusammen.


Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. rer.pol. Michael Lingenfelder
Tel.  06421 - 28 2-3762
Fax: 06421 - 28 2-6598
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Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft
Universitätsstrasse 24
35037 Marburg

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Leiter der Presseabteilung
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