Eine neue Gesellschaftsform

Laut KfW haben bis Ende 2020 ca 227.000 mittelständische Unternehmen einen Nachfolger. gesucht. Eine Zahl, die sich in 2021 fortsetzen wird.

Der Wendepunkt 

Als Sabine Kauffmann 2011 mit dem Ausscheiden ihres Mitgesellschafters konfrontiert wurde, war dies die Gelegenheit, etwas Neues zu beginnen. Es mussten Entscheidungen getroffen werden zur Gestaltung der Nachfolge, denn innerhalb der Familie war sie nicht geplant, und es lagen gleichzeitig noch Ideen in der Luft.

Der 1979 gegründete bio verlag ist ein klassisches mittelständisches Unternehmen in Aschaffenburg mit 75 Mitarbeitenden. Ihre Themenfelder sind: Bio Lebensmittel & gesunde Ernährung, Medien & Journalismus, nachhaltige & faire Produkte. Ihr Flaggschiff ist Schrot&Korn, das auflagenstärkste Bio-Kundenmagazin Deutschlands.

Die Frage der Nachfolge ist für viele Mittelständler ein Thema. Die gängigsten Lösungen sind derzeit, Nachfolge aus der Familie, durch Mitarbeitende, Verkauf an einen externen geeigneten Betrieb, Übergabe an Existenzgründer, Verkauf an ein Private Equity Unternehmen oder gar die Liquidation.

Für den bio verlag waren all diese Lösungen keine Option.

Sabine Kauffmann und auch dem scheidenden Gesellschafter war es wichtig, die Werte des Unternehmens zu erhalten, unabhängig zu bleiben und ihre Mitarbeitenden einzubeziehen. Die Suche nach einer alternativen Lösung war eröffnet.

Das bio verlag Modell

Der bio verlag nutzte den Anstoß zum Aufbau eines Eigentumsmodells, das sicherstellt, dass der Verlag werteorientiert wirtschaften kann und die Entscheidungen generationenübergreifend von denjenigen getroffen werden, die eng mit dem Unternehmen und dessen Zweck verbunden sind: Die jeweilige Mitarbeitergeneration. Erfreulicherweise entschieden die Mitarbeitenden, die Nachfolge anzutreten und Verantwortung zu übernehmen.

Doch dies umzusetzen war komplizierter als man denkt. Der bio verlag griff auf das Doppelstiftungsmodell zurück und entwickelte damit ein zukunftsfähiges Eigentumsmodell, das den langfristigen Fortbestand des Unternehmens sichert:

  1. Eine gemeinnützige Stiftung, die den Großteil des Vermögens, allerdings nur eine Stimmrechtsminderheit, hält und die mit dem ausgeschütteten Gewinn gemeinnützige Projekte unterstützt und
    die bio verlag Stiftung, nicht gemeinnützig, die mit Entscheidungsmehrheit die Zukunft entscheidet;
  2. Die Beteiligungsgesellschaft, über die die Mitarbeitenden beteiligt sind;
  3. Die GmbH für das operative Geschäft.

Auf dem Weg dahin gingen zwei Jahre ins Land und viele Stunden Besprechungen, Beratungen und Verhandlungen.

Seit 2011 ist der bio verlag zwar in Mitarbeiterhand, nicht aber in deren Eigentum. Die Mitarbeitenden tragen die treuhänderische Verantwortung und treffen gemeinsame Entscheidungen. Das Unternehmensvermögen liegt sicher bei den Stiftungen und die ausgeschütteten Gewinne fließen gemeinnützigen Zwecken zu, ein kleiner Teil an die beteiligten Mitarbeitenden als Dividende.

Dieses Modell war ein Experiment, das sich in den letzten 10 Jahren bewährt und als erfolgreich herausgestellt hat. Zudem unterstreicht es den sozialen Charakter des bio verlags und trägt wesentlich zur Mitarbeiterbindung bei. Es ist aber auch kompliziert.

Zukunftssicherung von mittelständischen Unternehmen

Da wir in Deutschland unseren weltweit bewunderten und geschätzten Mittelstand erhalten und stärken wollen, müssen wir uns grundsätzlich mit werterhaltenden Rechtsformen befassen. Das ist nicht nur ein Anliegen der Familienunternehmen, sondern auch der Stiftung Verantwortungseigentum. Auf deren Prioritätenliste stehen folgende Ziele:

  1. Eigenständigkeit des deutschen Mittelstands sicherstellen
  2. Den Familienunternehmen-Gedankens weiterführen, auch unabhängig von der Familie
  3. Eingebrachtes Kapital und Unternehmensgewinne sollen dem Unternehmenszweck dienen

Aktuell ist dafür eine neue Rechtsform, die Gesellschaft mit gebundenem Vermögen in der Diskussion. Diese Gesellschaftsform gäbe Unternehmern erhebliche unternehmerische Freiheit in Nachfolgefragen und sicherte die Fokussierung auf den Unternehmenszweck. Einige Bundespolitiker erwärmen sich gerade für eine solche Rechtsform. Das macht Hoffnung.


Mitarbeiter als „stille Gesellschafter“

Unabhängig davon erweist sich mit der Mitarbeiterkapitalbeteiligung als einfaches, erprobtes und erfolgreiches Unternehmensmodell. Es findet immer größere Beachtung vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels. Bundesweit wird es bereits in rund 3.000 Mittelstandsbetrieben gelebt. Hierzu gibt es ein attraktives staatliches Förderprogramm.

Der Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung AGP  ist hier ein wichtiger Partner.

Blogs zur Unternehmensnachfolge

Die professionell organisierte Unternehmensnachfolge ist eine maßgebliche Voraussetzung für den Fortbestand eines familiär geführten Unternehmens. Der BVMW hat dazu einen Expertenkreis Nachfolge eingerichtet, der aus mittelständischen Unternehmern und Unternehmerinnen gebildet wird. 

Sie stehen interessierten Betrieben als Gesprächspartner zur Verfügung und veröffentlichen regelmäßig Beiträge zu diesem Thema.