Ganztagsbetreuung - wer macht es?

Gleich zwei dicke Pakete zum Thema Bildung sind von der Bundesregierung verkündet worden. Unterschiedliche Ansätze, aber beide haben ein Problem: Wer soll es konkret machen? Eine Betrachtung zum Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung.

Foto: pixabay.com/de; EvgeniT_table-3281048_1280.jpg

Wohin mit den Kindern?

Ganz neu ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung nicht. Er wurde schon in den Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung geschrieben und immerhin hat es seit 2019 gedauert, bis die Diskussion nun an Fahrt aufgenommen hat. 

Das Ziel wurde bereits im "Entwurf eines Gesetzes zur Errichtung des Sondervermögens „Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Grundschulalter“ (Ganztagsfinanzierungsgesetz – GaFG)" wie folgt formuliert: 

"Ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Grundschulalter erhöhen die Teilhabechancen der Kinder und unterstützen die Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Trotz des Ausbaus der Betreuungsinfrastruktur in den Ländern wird der Bedarf an ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten noch nicht gedeckt."

 

Win-Win für alle

Es soll jetzt also recht schnell festgelegt werden, dass für Kinder in den ersten 4 Grundschuljahren eine Betreuung wochentags über 8 Stunden gewährleistet ist, ebenso wie in den Ferien.

Bundesfamilienministerin Giffey sieht den aktuellen Entwurf als Win-Win-Situation für alle. Ihrer Meinung nach werde das Gesetz zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen und Familien stärken. Die ganztägige Betreuung von Kindern in Schulen fördere die Jüngsten in der Gesellschaft und bringe die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie eine partnerschaftliche Familienpolitik voran. 

Bundesbildungsministerin Karlicek sieht den Entwurf ähnlich positiv wie Ministerin Giffey. Ihrer Ansicht nach sei dies

"ein wichtiger Baustein, um langfristig die Bildungschancen in unserem Land zu verbessern".

Und wichtig sei es, "weil eine Ganztagsbetreuung enorme Chancen für individuelle Förderung und Chancengerechtigkeit in der Bildung" biete. Kinder könnten individuell gefördert werden und Eltern werde dank guter und zuverlässiger Kinderbetreuung eine berufliche Entwicklung ermöglicht.

Position der Lehrer

Der BLLV hat dazu vor einiger Zeit bereits einen kritischen Blick auf Forderungen nach Ganztagsbetreuung geworfen und für eine individuelle Angebotsvielfalt geworben (Auszug): 

"Der Ruf nach einem bedarfsgerechten Ausbau des Angebots einer ganztägigen Betreuung für Grundschulkinder wird immer lauter. Allerdings muss erst einmal hinterfragt werden, um welchen Bedarf es sich dabei handelt.

Es besteht eine Gemengelage aus unterschiedlichen Motiven für eine Ausweitung von ganztägigen Betreuungsangeboten, die ebenfalls unterschiedliche Lösungsmodelle nach sich ziehen. Es kann hierbei grob unterschieden werden zwischen

 

  • dem Motiv der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wer lediglich dieses Problem lösen will, kann sich im Prinzip mit einer Aufsicht für die Kinder außerhalb der schulischen Betreuungszeiten zufrieden geben.
  • dem Motiv einer pädagogischen Antwort auf das Phänomen einer veränderten Kindheit. Hierunter sind Erscheinungen wie die Zunahme von Einzelkindern, schwindende Primärerfahrungen, Reizüberflutung, steigende soziale Gewalt­bereitschaft usw. zu verstehen. Wer solche Herausforderungen bewältigen will, muss pädagogische Konzepte für außerunterrichtliche Angebote entwickeln und umsetzen.
  • dem Motiv, den veränderten Ansprüchen an das Lernen gerecht zu werden. Eine Lösung dieses Problems liegt u. a. in einem größeren zeitlichen Angebot für schulisches Lernen, das eine Rhythmisierung des Unterrichts und zeitintensivere Lernformen erlaubt.

 

Aus diesen unterschiedlichen Motiven resultieren unterschiedliche Bedarfe und daher auch unterschiedliche Lösungsmodelle."

Qualität statt Quantität

Ausserdem fordert der BLLV ganz klare Vorgaben und Umsetzung von Qualitätsstandards. Es wird klar gemacht, dass zum einen eine Vernetzung unterschiedlicher Bildungs- und Betreuungs-Träger notwendig ist, zum anderen aber auch die individuell auf das Kind ausgerichtete Betreuung. Hierzu gehören ausgebildete Fachkräfte, mehr Lehrer, bessere Ressourcen-Ausstattung der Schulen.

Und nicht das bloße Abwälzen auf ehrenamtliche Helfer. 

Die aktuelle Position des BLLV ist recht deutlich im Interview der BLLV Präsidentin Simone Fleischmann mit dem Sender Phoenix zu hören. Das Interview ist unten verlinkt. 

Was kann der Mittelstand tun?

Grundsätzlich ist es positiv zu sehen, dass der Rechtsrahmen nun gezogen werden soll. Bessere Bildung, besser qualifizierte Fachkräfte, mehr Innovation, all das ist dringend notwendig für den Standort Deutschland. 

Die Frage dazu muss direkt gestellt werden, wie die tatsächliche Umsetzung (auf Ebene der Länder und bis hinunter zu Landkreisen, Kommunen und einzelnen Schulen) aussehen wird. Ein reiner Rechtsanspruch regelt ja noch nichts.

Damit die Ganztagsbetreuung nicht zu einem Kinderparkplatz mutiert, sondern eine wirkliche Verbesserung von Bildungschancen und individueller Entwicklung wird, sind aus Sicht der Bildungsallianz Bayern in jedem Fall mehr Lehrkräfte nötig, aber auch konkrete Investitionen in die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte.

Eine engere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und privaten Bildungsträgern sollte hier ebenso ein Weg sein, Schulen und Lehrer stark zu entlasten. MitarbeiterInnen sind eben oft "nebenbei" auch Eltern. Also stellen sich für die Unternehmen Fragen, z.B. ob die neuen Rahmenbedingungen Ihnen konkret dabei helfen, deren tägliche Probleme abzumildern.

Wie weit können Mittelständler Ihre Kräfte bündeln und selbst Betreuungsangebote für die Kinder ihrer MitarbeiterInnen anbieten? Welche konkreten Förderungen wird es für die Umsetzung privatwirtschaftlicher Angebote in Zusammenarbeit mit den öffentlichen Bildungsträgern geben? 

Das sind Fragen, die sich für den Mittelstand aus dem neuen Rechtsanspruch ergeben und zu deren Beantwortung wir gerne unsere Mitwirkung und Ideen einbringen. 

Quellen: Phoenix, Tagesschau.de, Nachrichtenagentur AFP, bllv.de

Hinweis zur Videoeinbindung:

Das BLLV Interview des Fernsehsenders Phoenix können Sie unten als eingebettetes YouTube Video ansehen. Unsere Einbettung ist als "no-cookie" Einbindung realisiert. Bitte beachten Sie trotzdem, dass eine Verbindung zu Servern des US-Anbieters YouTube hergestellt wird, sobald Sie auf das Video klicken. Dieser Video-Hoster ist für die weitere Verarbeitung Ihrer Daten verantwortlich.

In den USA ist kein angemessenes Datenschutz-Niveau gewährleistet.

Video

Um diesen Inhalt sehen zu können, müssen die Funktions-Cookies in den Cookie-Einstellungen zugelassen werden.

Cookie-Einstellungen