News Brasilien Oktober 2021

Alle wichtigen News für Sie zusammengefasst

 

POLITIK UND DEUTSCHLAND

Heute beginnt das letzte Vierteljahr des Jahres. Damit verbleibt der Regierung und dem Parlament wenig Zeit, um die Ausgangsposition der Kandidaten für das Wahljahr zu verbessern. Aber zunächst einige Worte zur Parlamentswahl in Deutschland. Wir in Brasilien beklagen uns, dass unser Parlament aus zu vielen Parteien, die weniger der politischen Willensbildung als den persönlichen Interessen der Parteioberen dienen, besteht. Wenn man das Ergebnis der Wahlen zum Bundestag in Deutschland ansieht, muss man sagen, dass es in meinem Geburtsland tendenziell ähnlich aussieht. Da ich aber über meine neue Heimat Brasilien und nicht über Deutschland berichte, will ich diese Wahlen nicht weiter kommentieren.

Aber es ist interessant zu sehen, wie die Berichterstattung über Deutschland seit den Wahlen breiten Raum in der brasilianischen Presse einnimmt.

Am 26.9.2021 brachte die Zeitung O ESTADO DE SÃO PAULO einen Artikel über die Ära Merkel mit interessanten Informationen, die die Entwicklung wichtiger Kennzahlen der deutschen Volkswirtschaft zeigen. Es ist interessant diesen Zahlen mit denen Brasiliens zu vergleichen. Dann sieht man, dass z.B. die heutigen hohen Arbeitslosenzahlen Brasiliens auch in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit der Bundeskanzlerin Kopfschmerzen bereiteten. Nur hat sich unter ihrer Regierung die Situation wesentlich verbessert, was man leider von Bolsonaro noch nicht sagen kann, obwohl eine Reduzierung erfolgte und er schon zu Beginn der Pandemie vor Beschränkungen gewarnt hatte, die die wirtschaftliche Tätigkeit negativ beeinflussen würden.

 

POLITIK UND UMWELT

Im Artikel oben ganz rechts „Meio ambiente, eixo da relação Alemanha-Brasil1“ wird darauf hingewiesen, dass Deutschland das Land sei, welches seit Rio 92 am stärksten auf die Umweltprobleme in Brasilien achtet und dass schon Helmut Kohl in einer G7-Konferenz ein Programm zum Schutz der Regenwälder Brasiliens vorschlug. Das macht es der brasilianischen Regierung sicher nicht einfacher, vor den kritischen Augen der internationalen Medien glaubwürdig zu zeigen, dass man den Umwelt- und Klimaschutz Ernst nimmt.

Dazu muss man auch wissen, dass trotz einer Budgeterhöhung von 178% für den Militäreinsatz im Amazonasgebiet die Entwaldung auf hohem Niveau weitergeht. Das Budget ist den „Operações de Garantia da Lei e da Ordem na Amazônia2" zuzuordnen, aber gleichzeitig wurde das des Umweltministeriums zur Bekämpfung der Entwaldung gleichzeitig gekürzt. 2019 betrug es 809 Mio. R$, 2020 nur noch 677. Das Militärbudget stieg von 140 Mio. R$ in 2019 auf 389 in 2020. 2019 wurden 10.100 Hektar Wald im Amazonasgebiet gerodet, 2020 immer noch 10.800. Zuletzt wurden Werte oberhalb 10.000 Hektar 2008 verzeichnet.

In Panamazonien ging zwischen 1985 und 2020 laut Mapbiomas eine natürlich bewachsene Fläche von 74,6 Mio. Hektar, welche der Größe Chiles entspricht, an Bergbau, urbaner Infrastruktur, Landwirtschaft und Viehzucht verloren. Panamazonien umfasst Gebiete in Brasilien, Kolumbien, Peru, Venezuela, Ekuador, Bolivien, Guyana und Surinam.

Vor 36 Jahren war der Anteil von Weidefläche, Äcker und Felder, Bergbaugebieten und städtischen Ansiedlungen in der Region 6%, 2020 lag der Wert schon bei 15%. In diesem Zeitraum verschwanden auch 52% der Andengletscher, die die Flüsse der Region mit Schmelzwasser speisen.

 

POLITIK UND USA

Ein ganz anderes Thema ist die Rolle der USA als Weltpolizist und die ablehnende, wenn nicht feindliche Haltung gegenüber dem brasilianischen Präsidenten.

Dass Senatoren der USA in einem Brief an ihren Außenminister schwerwiegende Konsequenzen für den Fall, dass Bolsonaro sich im Wahljahr 2022 nicht an die demokratischen Spielregeln hält, fordern, ist ziemlich einmalig. Wer sich in jüngster Zeit bewusst in Kriege einmischte oder diese sogar verursachte, sollte in seinem Glashaus besser nicht Steine auf Brasiliens Präsidenten werfen. Man kann diesem gegenüber persönlich jeder Haltung der Welt einnehmen, aber man sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass Brasilien ein souveränes Land ist, das fünftgrößte der Welt, welches sich eine solche Einmischung in seine innere Angelegenheiten sicher nicht gefallen lässt und erst recht nicht von „Gringos“. Schlagzeilen wie diese „Die USA behandeln Menschen schlimmer als Tiere: der Bericht einer nach Haiti abgeschobenen Brasilianerin.“ tragen nicht zur Beliebtheit der USA in Brasilien bei. Und ein Land, dessen oberster General heimlich mit China - sicher kein demokratisches Musterland - spricht, weil er befürchtet, dass sein Präsident kurz vor Ende seiner Amtszeit einen Krieg beginnen könne, hat sein Recht darauf verwirkt, Brasilien Lehren in Sachen Demokratie zu erteilen. Abgesehen davon hat Bolsonaro in jüngster Zeit betont, dass er das Wahlergebnis anerkennen wird, auch wenn er nicht wiedergewählt werden sollte.

Man muss ihm zugute halten, dass er ein Polterer ist und vieles von dem, was er sagt, nicht ernst gemeint ist. Das zeigen auch die vielen Rückzieher, die er seit Beginn seiner Amtszeit schon gemacht hat. Das spricht nicht für ihn als Präsidenten, aber es ist auch kein Verbrechen, ein schlechter Präsident zu sein. Und was die Rivalität der USA mit China angeht, hier müssen die USA sehr darauf achten, dass trotz ihrer sehr hohen Investitionen in Brasilien die Chinesen ihnen nicht den Rang ablaufen. Denn China investiert massiv in Brasilien, hängt dies aber nicht an die große Glocke.

Jüngstes Beispiel - ich berichtete darüber - ist der Kauf der ehemaligen Fabrik von Mercedes Benz do Brasil, in der u.a. die C-Klasse montiert wurde, an Great Wall Motor Company Ltd., Chinas größten Hersteller von Fahrzeugen des Typs SUV und Pickup. Dazu schrieb am 1.10.2021 der ESTADÃO diese Zeilen:

„Die neue Seidenstraße, Chinas Infrastrukturplan, hat die Schulden der armen Länder bei China auf 385 Milliarden Dollar ansteigen lassen - einschließlich der "versteckten Schulden", die nicht in den Bilanzen der Länder auftauchen, so die Daten des IWF und der Weltbank. Das Ergebnis einer vierjährigen Studie von AidData ergab, dass 42 Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen Schulden von mehr als 10 % des BIP haben. Die Gürtel- und Straßeninitiative (Belt and Road Iniatiative, BRI) von Präsident Xi Jinping sieht Projekte für Autobahnen, Häfen und Pipelines vor - ein Weg, den chinesischen Einfluss in der Welt auszuweiten. Der Studie zufolge gibt es Kredite an 165 Länder, einige davon mit hohem Risiko, die eine "Schuldendiplomatie" ermöglichen würden, bei der die Schuldnerregierungen gezwungen würden, das Eigentum oder die Kontrolle über wichtige Vermögenswerte an Peking abzutreten. … Seit dem Start des Programms im Jahr 2013 hat China mehr als 843 Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur von Entwicklungsländern investiert. Fast 70 Prozent dieser Gelder wurden an staatliche Banken verliehen oder über Joint Ventures chinesischer Unternehmen mit lokalen Partnern weitergegeben, so Brad Parks, CEO von AidData, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.“

 

ÖFFENTLICHER DIENST

Es bestehen Bestrebungen, die Supergehälter des Öffentlichen Dienstes zu begrenzen und zu reduzieren. Das kann natürlich nur für Bedienstete gelten, die künftig eingestellt werden, denn eine Senkung der Bezüge eines Arbeitnehmers ist in Brasilien - von Ausnahmeregelungen wie während der Pandemie mit eingehender Arbeitszeitreduzierung abgesehen - verboten. Im Senat wurde eine Gesetzesvorlage zu diesem Thema gerade gestoppt, weil der Präsident des Obersten Bundesgerichtes der Ansicht ist, dass vorher das „Lei Orgânica da Magistratura“ geändert werden müsse. Die für Justizangestellte gültige Grenze von 39.200 R$ (ca. 6.300 €) monatlich wird heute vielfach überschritten, weil es über 500 Arten von Zuschlägen gibt. Dadurch werden die Basisbezüge manchmal mehr als verdoppelt.

Gerechterweise muss angemerkt werden, dass es viele Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst gibt, die wenig verdienen. Aber auch für diese ist gesorgt, spätestens bei Ausscheiden aus Altersgründen, weil oft kurz vorher eine Erhöhung des Entgeltes stattfindet und dieses dann an den Ruheständler bis an sein Lebensende bezahlt wird. Aber Superbezüge gibt es auch in den unteren Rängen. So gibt es im Parlament von São Paulo Fahrstuhlführer (ja, diesen Beruf gibt es noch in Brasilien, aber er ist am Aussterben), die mehr verdienen als mancher Ingenieur in der freien Wirtschaft und Fahrer, die entlohnt werden wie ein Abteilungsleiter. Das gilt auch für Mitarbeiter von Staatsfirmen, in denen oft das Doppelte im Vergleich zur Privatwirtschaft bezahlt wird.

Es gibt aber auch eine ganz andere Sicht, die nämlich, dass die Privatwirtschaft zu wenig zahle. Im Vergleich zu Deutschland trifft dies für Sachbearbeiter im Büro, Fabrikarbeiter und Verkäufer im Einzelhandel - die Beispiele lassen sich ausweiten - sicher zu. Hier wird in Brasilien manchmal nur der Mindestlohn von 1.100 R$ monatlich gezahlt, das sind weniger als 180 €. Aber auch diese Zahl muss interpretiert werden, denn die Produktivität in Brasilien ist wesentlich niedriger als z.B. in Deutschland oder den USA, was bedeutet, dass für die Erledigung einer niedrig eingestuften Arbeit in Brasilien mehr Mitarbeiter benötigt werden als in den erwähnten Ländern. Außerdem sind die Lohnnebenkosten in Brasilien sehr hoch, was die Firmen sehr belastet.

 

WIRTSCHAFT UND UMWELT

Die brasilianischen Privatunternehmen tuen wesentlich mehr für die Umwelt, als es die Berichterstattung über Brasilien vermuten lässt. Umkehrlogistik oder in Brasilien logística reversa ist schon längst kein Schlagwort mehr, sondern Realität in unserem Alltag. Das hat mich und meine Mitgesellschafter dazu bewogen, in das Vertriebsprogramm unserer EUROLATINA u.a. Brikettiermaschinen von RUF und C. F. NIELSEN, Zerkleinerer (auf Neudeutsch auch Shredder) von ERDWICH und Ballenpressen von HSM aufzunehmen. Unsere Kunden gewinnen damit zum Beispiel wertvolle Kühlschmiermittel aus Metallspänen zurück, die anschließend als Brikett platzsparend transportiert und wieder ohne Abbrand eingeschmolzen werden. Damit helfen wir, die lineare Wirtschaft zugunsten der Kreislaufwirtschaft zurückzudrängen.

Alleine im Bundesstaat São Paulo arbeiten 4.300 Firmen nach Modellen der Kreislaufwirtschaft und der Staat zwingt die Firmen dazu, in dem er Umweltlizenzen nur an solche Unternehmen vergibt, die die Umkehrlogistik betreiben. Sektoren mit Produkten wie Nahrungsmittel, Agrotoxika und Elektroelektronik sind gezwungen, zu recyceln. Die von uns gegründete und betreute B3 GERMANY, Niederlassung der deutschen B3 EGINEERING in São Paulo, darf z.B. Metalldampflampen nur einführen, wenn eine Abgabe für das Recyceln bezahlt wird. In São Paulo kümmert sich die staatliche CETESB (Companhia Ambiental do Estado de São Paulo) um diese Fragen und benutzt ab 2022 als Hilfsmittel dazu das SIGOR - System. Nur Paraná arbeitet identisch, Mato Grosso wenigstens im Bereich der Verpackungen; alle anderen Bundesstaaten müssen noch nachziehen. Vor drei Jahren wurden im Bundesstaat São Paulo 9 Tonnen Abfall korrekt gesammelt und behandelt, dieses Jahr werden es über 100.000 Tonnen sein.

Durch die Coronapandemie ist das bisher praktizierte Just-in-Time heute eine nichtrealisierbare Wunschvorstellung geworden. Die Eigentümer und Geschäftsführer von Privatunternehmen engagieren sich stark in Umweltfragen und versuchen, die brasilianische Bundesregierung zu beeinflussen, denn ein Boykott Brasiliens wegen fehlenden Umweltbewusstseins würde sie schwer treffen. Auf der COP26 in Glasgow soll deshalb der Brief „Empresários pelo Clima - Unternehmer für das Klima“, der an die Regierung gerichtet ist, vorgestellt werden. Dieser Brief wird u.a. von 46 Firmen mit offenem Kapital unterzeichnet, die zusammen mehr als eine Billion R$ Umsatz im Jahr machen. Dazu gehören Schwergewichte wie Bradesco, Ipiranga, BRF, Renner, Klabin und Natura.

 

EXPORT

Der Export profitiert vom schwachen Real und erreichte Ende August für die vergangenen 12 Monate 260,61 Mrd. US$. Aber der damit zusammenhängende Exporterlös in Form von umgetauschter Hartwährung erreichte nur 214,42 Mrd. US$, was bedeutet, dass 46,19 Mrd. US$ im Ausland darauf warten, nach Brasilien transferiert oder zum Schuldenabbau im Ausland verwendet zu werden. Und wer transferiert, wartet natürlich, wenn er nicht das Geld sofort in Brasilien benötigt, auf einen günstigen Kurs, d.h. er hofft auf eine weitere Schwächung der Landeswährung. Aber die Exporteure müssen aufpassen, denn der Leitzins wurde erhöht und wird sich wegen der drohenden zweistelligen Inflation weiter erhöhen. Das sollte den Dollarkurs schwächen. Noch ein Hinweis zur Inflation, der Dieselpreis ist in diesem Jahr schon um 51% gestiegen. Kein Wunder, dass die LKW-Fahrer protestieren und die Lebensmittel teurer werden.

 

LANDWIRTSCHAFT

2022 wird der Ernteertrag von Korn- und Ölfrüchten wahrscheinlich unter der augenblicklichen größten Dürre seit 91 Jahren leiden, was die Preise in die Höhe treiben würde. Die Ernteversicherung wird voraussichtlich 924 Mio. R$ kosten. Zum Vergleich, Deutschland hat eine Fläche von 35.738.600 ha, d.h. die brasilianische Anbaufläche von Soja ist 1,2 mal größer als Deutschland. Brasilien hat eine Fläche von 851.600.000 ha, davon werden 4,7 % mit Soja bepflanzt.

 

STANDORTWAHL IN BRASILIEN

Ich habe für Pharmakonzerne Standortprojekte durchgeführt, bei denen es um die Frage ging, ob Fabriken geschlossen oder erweitert werden und ob die Produktion bestimmter Medikamente von einem Standort zu einem anderen verlagert werden sollte. Die untersuchten Länder, in denen meine Auftraggeber Fabriken hatten, waren Mexiko, Ekuador, Kolumbien, Chile, Brasilien und Argentinien. Aber bereits innerhalb eines Landes ist die Standortwahl schwierig, wenn es sich um ein Land mit den kontinentalen Ausmaßen Brasiliens handelt.

Im ESTADÃO vom 30.9.2021 wurde dazu eine interessante Rangreihenfolge veröffentlicht. Diese wurde vom Centro de Liderança Pública zusammen mit der Tendências Consultoria Integrada erarbeitet. Für die Bewertung wurden 86 Kriterien verwendet., die in die Gruppen Öffentliche Sicherheit, Infrastruktur, soziale Nachhaltigkeit, fiskalische Stabilität, Erziehung, Umweltnachhaltigkeit, Humankapital, Effizienz der Öffentlichen Verwaltung, Marktpotential und Innovation eingeteilt wurden. Sowohl 2020 als auch 2021 gewann der Bundesstaat São Paulo, die Lokomotive Brasiliens. Rio, der Bundesstaat mit der zweitgrößten Wirtschaft in Brasilien, fiel vom 11. auf den 17. Platz zurück, sicher mit eine Folge der ungehemmten Korruption in diesem Bundesstaat, dessen Gouverneure der jüngsten Zeit, vom aktuellen abgesehen, allesamt in Haft waren oder noch sind. Es ist kein Zufall, dass die Petrobrás, der Auslöser von Lulas Petrogate, in diesem Bundesstaat beheimatet ist und dass der Aufsichtsrat dieses größten heute halbstaatlichen Unternehmens Brasiliens von Lulas Nachfolgerin präsidiert wurde, als sie noch Ministerin für Bergbau und Energie war.

 

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