News Brasilien Februar 2021

Alle wichtigen News für Sie zusammengefasst

Senat und Parlament haben eine neue Führung, die den Präsidenten Bolsonaro unterstützt. Damit ist die Realisierung weiterer Reformen noch in 2021 wahrscheinlicher geworden. Angestrebt wird u.a. ein neues Steuersystem und die Durchführung von weiteren Privatisierungen.

Das Coronavirus hat wieder an Kraft gewonnen und die Höchstwerte der Vergangenheit sowohl bei den Ansteckungs- als auch bei den Todesfällen sogar überschritten. Aktuell gehen die Werte wieder zurück, aber nur sehr langsam. Die Impfung hat in Brasilien mit ähnlichen Problemen wie sie z.B. auch Deutschland hat, begonnen. Aber eine wirksame Bekämpfung hängt vor allem auch davon ab, ob die Bevölkerung sich diszipliniert verhält und die Politiker logische und nicht politische Entscheidungen treffen. Der große Anteil der Bevölkerung, der in beiden Ländern gegen eine Impfung ist, zeigt, dass die Mehrheit nicht immer das Sagen haben sollte.

Nicht nur die menschliche Gesundheit ist vom Coronavirus bedroht, auch die wirtschaftliche. DieSeefrachtkostenzwischen China und Brasilien in US$/TEU haben sich seit dem 17. Juli 2020, als der Tiefstand in 2020 erreicht wurde, vervielfacht. Einen Container von Shanghai nach Santos zu befördern, kostet z.Z. 4,5 mal mehr als Anfang 2020 und 18 mehr als zur Jahresmitte 2020, als die Frachtschifffahrt praktisch wegen der Pandemie zum Erliegen kam. Diese Frachtkostenerhöhung hat immense Auswirkungen auf den Teil der Industrie, der mit importierten Materialien und Komponenten arbeitet. Der Export von commodities wie Eisenerz und Soja ist weniger betroffen, weil diese als Schüttgut nicht in Containern verschifft werden.

Der Dieselpreis ist in Brasilien wieder Anlass zu Spekulationen über einen Streik der LKW- Fahrer geworden, der die Wirtschaft während der kurzen Regierungszeit Temers kräftig geschädigt hatte. Aber den Äußerungen von Verbandsvertretern nach hat wohl Bolsonaro ihre volle Unterstützung und es wird keinen Streik geben.

Das ehemalige Ford-Werk in São Bernado do Campo wird in ein Logistikzentrum umgewandelt. Logistik ist nach wie vor eine Branche, in der sich Geld verdienen lässt. Das weiß auch offensichtlich die US-amerikanische Exeter Property Group aus Philadelphia, dem viertgrößten Logistikunternehmen der Welt nach GLP, Blackstone und Prologis. Letztere sind bereits in Brasilien tätig und Exeter zieht jetzt nach. Exeter wird übrigens von der schwedischen EQT für 1,9 Mrd. US$ übernommen und wird bis 2024 vier Logistikzentren mit insgesamt 274.300 m2 Fläche in Betrieb nehmen.

Das Agrobusiness blüht, wächst und gedeiht ebenfalls. Alles Machado, der weltgrößte Exporteur organischen Zuckers, gegründet 1980 in Goianéisa, bereitet seinen Börsengang mit einem IPO von 900 Mio. R$ vor. Das Segment der Firma wuchs die letzten drei Jahre konstant um 15%/a.

Die Regierung hat eingesehen, dass man nicht nur ehrlich sein, sondern auch wie die Frau Cäsars als ehrlich wahrgenommen werden muss. Deshalb werden künftig Schuldverschreibungen der Regierung nur noch mit einem Zertifikat über die Einhaltung bewährter Verfahren (good practice) in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governanceemittiert.

Noch im ersten Halbjahr 2021 soll über die Vergabe der 5G - Frequenzen an Telekommunikationsfirmen entschieden werden. Sobald dies geschehen ist, wird es in Brasilien zu einem Investitionsschub kommen und auch die Vorteile von Industrie 4.0 werden uns zugute kommen.

Die Ungleichheit der sozialen Klassen in Brasilien ist nicht so sehr ein Problem der Privatwirtschaft, denn diese muss schon viel länger als in Deutschland einen Mindestlohn zahlen und wird bei betriebsbedingten Entlassungen regelrecht abgestraft. So darf Ford in Bahia trotz Werksschließung die betroffenen Mitarbeiter nicht entlassen, obwohl das Unternehmen alle gesetzlichen Zahlungen leisten würde. Ein Einzelrichter hat entschieden, dass es keine Entlassungen geben darf, bevor das Unternehmen nicht mit der Gewerkschaft einen Sozialplan vereinbart hat. Ford muss also trotz eingestellter Produktion alle Mitarbeiter weiter bezahlen, obwohl diese nicht arbeiten. Das Problem der Ungleichheit ist eher ein gesellschaftliches, denn Staatsangestellte sind in Brasilien ungleich besser gestellt als ihre Kollegen der Privatwirtschaft. Das Wirtschaftsministerium, welches weiter privatisieren will, hat jetzt die benets veröffentlicht, die die Mitarbeiter von 46 Staatsfirmen erhalten. Damit soll erreicht werden, dass auch in der Öffentlichkeit Druck gegen Staatsfirmen aufgebaut wird. Für identische Funktionen wird in Staatsformen oft mindestens das doppelte Gehalt der Privatwirtschaft bezahlt. Als Urlaubsgeld erhalten die Petrobrásmitarbeiter z.B ein volles Gehalt und nicht ein Drittel wie in der Privatwirtschaft, in der BNDES bekommen die Mitarbeiter pro Kind 1.261,65 R$ Erziehungshilfe monatlich bis es 18 Jahre alt ist. Bei der BNDES ist das Durchschnittsgehalt 29.200 R$ im Monat bei einem Höchstgehalt von 75.600 R$. Dazu bekommen die Mitarbeiter 13 mal im Jahr einen Lebensmittelkorb und die Pensionäre unbegrenzte Vergütung von Kosten im Krankheitsfall. Der erwähnte Lebensmittelkorb kostet zwischen 654,88 und 1.521,80 R$. Die Kosten für die Behandlung im Krankheitsfall betragen im Mittel 3.673,63 R$ pro Monat und Mitarbeiter einschließlich der, die schon im Ruhestand sind. Wenn man alle Staatsfirmen über einen Kamm schert, kommt auf ein Durchschnittsgehalt von 31.300 R$ im Monat, während die Geschäftsführer auf bis zu 2,9 Mio.R$ jährlich kommen. Die Liste der Sozialleistungen ist bei der Petrobrás dreieinhalb Seiten lang! Letztes Jahr betrug das mittlere Einkommen der brasilianischen Arbeitnehmer 2.500 R$ im Monat - hier tut sich ein Abgrund auf zu den privilegierten Staatsbediensteten mit ihren 31.300 R$! Und man erkennt die wahren Gründe des erbitterten Widerstandes der Bevorzugten gegen eine Entstaatlichung Brasiliens. Wehe dem Präsidenten, egal wie er heißt und auf welcher ideologischen Seite er steht, der die bestehenden Privilegien beschneiden will!

DieIndustrie hat sich schneller und nachhaltiger erholt als befürchtet. Der Einbruch zu Beginn der Corona-Pandemie ist ausgeglichen worden, aber Brasilien hat das Niveau von 2015 noch nicht wieder erreicht.

So hat sich die Veränderung der industriellen Produktion zum Vorjahr in % entwickelt. Aber die  Graphik  l inks  muss  differenziert betrachtet werden, den in der betrachteten 26 Sektoren wuchs die Produktion wie angegeben: Lebensmittel + 4,2%, Koks, fossile und Biokraftstoffe + 4,4%, Tabak  +10,1% ,  Parfümerie und Reinigungsmittel + 2,7%, Pharmazeutika + 2,0%, Papier und Zellulose + 1,3%. Aber auch die Produktion elektrischer Haushaltsartikel und anderer Produkte wuchs 2020 gegenüber 2019. Die Fachwelt war bis jetzt wegen der Aussetzung der Unterstützungszahlungen (600 R$/ Monat) besorgt, ob die positive Entwicklung weitergehen werde. Aber die Regierung hat bereits signalisiert, dass die Zahlungen wieder aufgenommen würden, wenn auch eventuell in geringerer Höhe.

Die Anzahl der bekanntgewordenen Korruptionsfälle hat sich im Vergleich zur Regierungszeit der PT-Präsidenten drastisch verringert, was jetzt zur Auflösung der staatsanwaltlichen Gruppe in Curitiba, die als car wash weltweit bekannt wurde, geführt hat. Das heißt aber nicht, dass die Korruption nicht mehr bekämpft wird. Nur ist nach der rechtskräftigen Verurteilung von fast 300 Delinquenten die Luft für white collar - Verbrecher dünner geworden und die normale Arbeit von Staatsanwälten reicht offensichtlich (hoffentlich!) aus, diesen das Handwerk zu legen.

Aber - das ist meine private Meinung - auch solchen Aktivisten muss das Handwerk gelegt werden, die z.B. Biden ein Dokument vorlegten, in dem sie fordern, dass die Verhandlungen über Handelsbeziehungen zwischen den USA und Brasilien auf Eis gelegt werden sollen und die Unterstützung einer Mitgliedschaft Brasiliens in der OECD zurückgezogen wird. Als Begründung wird die Nachbarschaft Bolsonaros zu Trump herangezogen und seine angeblich autoritäre Neigungen.

Der Rohölpreis ist seit Jahresbeginn um 11% gestiegen. Da Brasilien Exporteur ist, kann das Land als Produzent von dieser Entwicklung profitieren, aber auf der anderen Seite steigen dadurch auch die Kraftstoffpreise in Brasilien und damit die Transportkosten und die Kosten der durch Thermokraftwerke erzeugten Elektroenergie.

Zu den relativen Pandemieverlierern gehören die Banken. Itaú Unibanco, Bradesco und Santander haben 2020 mit einem um 24,6% zurückgegangenen Gewinn abgeschlossen. Insgesamt betrug der Nettogewinn der drei größten Privatbanken Brasiliens im letzten Jahr 51,8 Mrd. R$. Absolut gesehen hat Bradesco im letzten Vierteljahr des Vorjahres einen Gewinn von 6,8 Mrd. R$ verbucht, den größten Vierteljahresgewinn ihrer Geschichte.

Mit solchen Gewinnen kann man „groß“ denken. Das tut auch Marfrig, die von der BNDES fast eine Mrd. R$ zwischen 2007 und 2009 erhielten. Der Firmengründer Marcos Molina, der durch den Eintritt der BNDES seinen Anteil auf 34% schrumpfen sah, hat diesen, nachdem die BNDES ihre Anteile verkaufte, wieder auf fast 50% erhöhen können. Der Nettoumsatz des Fleischverarbeiters erreichte zwischen Juli und September des Vorjahres 16,8 Mrd. R$, davon stammten 72% aus den Aktivitäten der Gruppe in den USA. Hier sieht man wie bei WEG, dass die brasilianischen Unternehmen Erfolg haben, die eine konsequente Internationalisierung betreiben.

Wer als deutscher Unternehmer bei seiner Internationalisierung Brasilien als Zielmarkt ins Auge fasst, kann sich am 25.2.2021 auf einer BVMW-Veranstaltung über das Land informieren. EUROLATINA stellt als BVMW-Partner und Auslandsbüro auf dem DIGITAL FUTUREcongress aus und informiert Interessenten über Markteintrittsmöglichkeiten.

 

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