Fachkräftemangel - da war ja was!

Über Corona, Energiepreis-Explosion, Rohstoffmangel, Krieg und andere Bedrohungen der Wirtschaft in Deutschland wird fast ein Thema vergessen, das dem Mittelstand Sorgen macht: der Fachkräfte-Mangel, der sich zum Arbeitskräfte-Mangel ausgeweitet hat.

Foto: Pixabay.com/de; Janno Nivergall, worker-gc1143bc74_1280.jpg

Gemeinschaftsanstrengung gefordert: Arbeitskräftemangel in nahezu allen Branchen

Berlin/München – Anlässlich der Internationalen Handwerksmesse in München fordert der Mittelstand eine Gemeinschaftsanstrengung zur Überwindung des Fachkräftemangels.

„Trotz der berechtigten Sorge vor Gasmangel, leeren Lagern und überteuerter Energie: Eines der gravierendsten Probleme für nahezu alle Betriebe über alle Branchen hinweg stellt weiterhin der Fachkräftemangel dar“,

erklärt Markus Jerger, Vorsitzender des Bundesverbandes Der Mittelstand. BVMW. „Das Thema hat das Potential, sich insbesondere im Mittelstand zu einem existenzgefährdenden Tsunami zu entwickeln.“

Allein im Handwerk fehlen aktuell rund 250.000 Fachkräfte. Dazu stehen in den nächsten fünf Jahren noch in fast 200.000 kleinen und mittleren Unternehmen Nachfolgen an, für die es zum Teil noch keine Kandidatinnen und Kandidaten gibt. „Wir zahlen jetzt die Zeche für das Desinteresse der Vorgängerregierung am Fachkräftebedarf der Betriebe – falls sich überhaupt noch jemand fürs Kassieren findet“, so Jerger. „Der Mangel ist selbst gemacht und das Ergebnis einer misslungenen Zuwanderung von Fachkräften und der jahrelangen Akademisierung unserer Gesellschaft.“

Die durch Sommer-Corona bedingten Arbeitsausfälle, die alle gerade erleben würden, seien nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, was der deutschen Wirtschaft in den nächsten Jahren droht, erläutert der BVMW-Chef weiter:

„Arbeitskräftemangel in nahezu allen Branchen.“

Dass dies nicht ohne unerwünschte Rückwirkungen auf unseren Wohlstand bleibe, sei selbsterklärend.

„Alle Studienergebnisse der vergangenen Zeit zeigen, dass Deutschland eine fundierte Fachkräftestrategie braucht“, betont Jerger. Die duale Berufsausbildung müsse gefördert und die Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten für Fachkräfte verstärkt werden. „Außerdem gehört zu einer echten Fachkräftestrategie neben attraktiven Bedingungen zur Einwanderung von Arbeitskräften auch eine stärkere Aktivierung der rund 2,4 Millionen Arbeitslosen." Dabei würde es Betrieben auch helfen, wenn den Arbeitskräften nach der Arbeit mehr netto vom brutto bleibt. Jerger: „Arbeiten zu gehen muss sich lohnen. Daran hat sich nichts geändert."

Quelle: PM 45/22 BVMW vom 07. Juli 2022

Was ein Mitglied im BVMW zum Thema Arbeitskräftemangel sagt: 

Die Meinung von Elisabeth Renner, Michael Renner Bauunternehmung

"Wir haben seit 103 Jahren ein Bauunternehmen in München. In 35 Jahren hat unser Unternehmen 86 Lehrlinge erfolgreich ausgebildet. Seit 12 Jahren suchen wir aktiv nach Auszubildenden - mit immer weniger Erfolg. Seit 2010 sind gerade noch 5 ausgebildet worden.

Dieses Jahr schließt unser letzter "Lehrling", ein sehr fleißiger Mitarbeiter, der aus Nigeria geflüchtet war, seine Ausbildung zum Maurer ab. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie man Menschen bei uns integrieren und ihnen die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung geben kann. 

Wir haben bereits viele Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland und diese wollen sicher zum Großteil auch etwas arbeiten. Es wird Zeit, dass es die Politik den Unternehmen ermöglicht, diese Menschen auch langfristig zu beschäftigen!

Die Vielzahl der Studien zum Beispiel zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt ärgert mich persönlich. Es wird alles analysiert, studiert und auseinandergepflückt. Aber warum etwa ein Potential von 2,5 Mio. Arbeitslosen in Deutschland nicht ebenfalls genutzt wird um den Arbeitskräftemangel zumindest abzumildern dazu gibt es keine Aussagen. 

Ich habe den Eindruck, wir analysieren und studieren zu viel, anstatt einfach mal ins Handeln zu kommen. Das macht vieles von dem kaputt, was in den letzten Jahrzehnten mit viel Fleiß und Mühe aufgebaut wurde."

Kommentar: Fachkräftemangel, Azubi-Mangel, Arbeitskräfte-Mangel...

Es fehlt inzwischen an allen Ecken und Enden an Personal, Nachwuchs und auch Nachfolgern im Mittelstand. Dass dieses Thema nicht überraschend aufgetaucht ist, zeigt allein die Tatsache, dass sich der Mittelstand. BVMW e.V. seit Jahren mit seinen Forderungen und konkreten Vorschlägen an die Politik wendet, um die Rahmenbedingungen im Arbeitsmarkt und in der Bildungspolitik zu verbessern. 

Nun, da sich mit Corona die Situation nochmals verschärft hat und die Auswirkungen fehlenden Personals in allen Branchen auch in der Gesellschaft spürbar sind, rückt das Thema allgemein wieder in den Fokus.

Plötzlich gibt es lange Lieferzeiten, Öffnungszeiten werden gestrichen, Aufträge können nicht ausgeführt werden (nicht nur wegen Material-Mangel, sondern oft auch weil einfach die Arbeitskräfte in den Unternehmen fehlen). 

Allerdings sind jahrzehntelange Versäumnisse nicht einfach mit ein, zwei Gesetzesänderungen und einem Arbeitskreis behebbar, denn diese ziehen sich durch alle Bereiche. Angefangen mit Bildungspolitik (und einem gesellschaftlichen Idealbild) in der die akademische Laufbahn zum maximal erstrebenswerten Ziel erhoben wurde, über von der Politik ignorierte extreme Wettbewerbsverzerrungen durch Lohn-Dumping besonders im Handwerk, fehlende Reformen der Sozialsysteme, bis hin zu kaum existierender Einwanderungs- bzw. Integrations-Politik.

Und hier sei noch nicht einmal die übermäßige Belastung der Mittelschicht und des Mittelstands durch eine überproportionale Steuer-/Abgaben-Last erwähnt, was manche Tätigkeit als Vollzeit-Beschäftigung auf potentielle BewerberInnen eher uninteressant erscheinen lässt. Oder sogar verhindert, dass KMU in der Lage sind, attraktive Löhne anzubieten (im Vergleich zu teilweise stark überhöhten Gehältern in den "weißen" Berufsfeldern).

"Studiere ich oder mach ich erstmal eine Ausbildung und studiere dann?"

Klar ist - z.B. im Handwerk kann man gutes Geld verdienen und einen relativ krisen-sicheren Arbeitsplatz haben. Wenn man bereit ist, seine Arbeit nicht nur im Büro zu verrichten und sich auch mal "die Hände schmutzig zu machen". Hier ist ein Aufpolieren des Images von Handwerksberufen dringend nötig um wieder mehr Nachwuchs-Kräfte zu bekommen. In den Schulen, in den Sozialen Medien, in der Gesellschaft. Handwerk hat Zukunft. 

In anderen Bereichen wie der Gastronomie, in der Pflege, aber auch im Transport- und Logistik-Bereich, im Einzelhandel etc. sieht es da schon anders aus. Hier erscheinen neben der psychischen und physischen Belastung, die entsprechende Berufe mit sich bringen, auch die zu erwartenden Löhne nicht besonders attraktiv. Und selbst wenn diese Berufe mit Leidenschaft ausgeübt werden, reicht in einer Großstadt das Geld oft nicht für Miete und Lebensunterhalt. 

Hier gibt es auch eine allgemeine soziale Schieflage, welche den Arbeitskräfte-Mangel weiter befeuert.

Eine weitere Schieflage ist sogar dort feststellbar, wo Unternehmen noch Azubis bekommen. So fragt sich mancher Ausbildungsbetrieb, warum man viel Zeit und Geld in eine mehrjährige Ausbildung stecken sollte, nur um die fertig ausgebildeten Fachkräfte dann auf einem völlig überhitzten Arbeitsmarkt abgeworben zu bekommen. 

Vorhandenes Potential freisetzen, Arbeitsmarkt-Integration erleichtern

Auf der anderen Seite wird von Anwerbung von Arbeitskräften im Ausland gesprochen. Abgesehen davon, dass diese faktische Abwerbung für die betroffenen Länder (oft EU-Nachbarn) einen Aderlass bedeuten kann, wird das Potential der bereits im Land befindlichen Menschen mit Asylbedarf und Geflüchteten zu wenig bedacht. Hier könnte eine allgemeine Entbürokratisierung durchaus sinnvoll sein und den Betroffenen (und Unternehmen) langfristige Perspektiven eröffnen.

Es ist also eine sehr weitreichende politische, aber auch gesellschaftliche Umorientierung notwendig. Eine übergreifende Fachkräfte-Strategie, die diese Bezeichnung auch verdient, muss endlich sichtbar werden und umgesetzt werden. Und sie darf nicht allein für sich stehen, da viele weitere Faktoren mitspielen, wenn es darum geht, Beschäftigte zu finden, Arbeitsplätze (und damit auch Unternehmen) zu sichern und den Mittelstand in die Zukunft zu führen.

Konkrete Ansätze in allen Bereichen sind gefordert, um zumindest mittelfristig diese Problematik zu lösen und damit das sonst absehbare Zerbröckeln des Mittelstands in Deutschland zu verhindern. 

Autor: Wolfgang Thanner (dies stellt eine persönliche Meinungsäußerung dar und ist keine offizielle Position des BVMW e.V.)