Windkraftanlagen, Wasserstoffspeicher, Pipeline und H2-Symbol

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11.09.2026

Geschäftschancen für deutsche Unternehmen im Bereich Wasserstoff

Brasilien gehört zu den attraktivsten Standorten weltweit für die Produktion von Grünen Wasserstoff

Autorin: Dr. Cecilia Vidigal Monteiro de Barros

I - Grüner Wasserstoff - Warum Brasilien?

Brasilien gehört zu den attraktivsten Standorten weltweit für die Produktion von Grünen Wasserstoff. Grüner Wasserstoff liegt im Fokus der deutschland- und EU-weiten Förderung – der Hoffnungsträger für die Klimawende in der Industrie und für Wasserstoff Autos. Seine Herstellung geschieht im Elektrolyseverfahren oder durch die Vergärung/Reformierung von Biomasse/Biogas.

Wasserstoff enthält etwa 2,4-mal so viel Energie als Erdgas. Wird der Wasserstoff für die Industrie aus fossilen Brennstoffen wie Steinkohle, Braunkohle und Erdgas hergestellt, dann wird er als schwarzer, brauner oder grauer Wasserstoff bezeichnet. Wird er dagegen mit erneuerbaren Energien hergestellt, durch Elektrolyseverfahren, wird er grüner Wasserstoff.  Im Elektrolyseverfahren stellt Wasser das Ausgangsprodukt dar- also keine fossile Energie. Aber Elektrolyse benötigt Strom und eine nachhaltige Wasserversorgung.

Für die Produktion von grünem Wasserstoff ist Brasilien prädestiniert, einerseits wegen der guten Bedingungen für Wind- und Solarkraft, andererseits wegen des gewaltigen Potenzials für Bioenergie. Das Energiemix Brasiliens besteht zu mehr als 90% aus erneuerbaren Quellen – vor allem Wasserkraft, zunehmend aber auch Wind und Solar. Im Nordosten ergänzen sich Wind- und Solarressourcen besonders gut.

Mit dem Ausbau der Wasserstoffwirtschaft kann Brasilien künftig zu einem der wichtigsten Exporteure grüner Energie und nachhaltigerer Industrieprodukte aufsteigen. Denn ähnlich wie Australien kann Brasilien Skaleneffekte nutzen und Wasserstoff und seine Derivate sowohl zur Deckung des eigenen Energiebedarfs als auch für den Export produzieren.

Darüber hinaus der gigantischen Agrarressourcen und der Nutzung von Biokraftstoffen spielt die Bioenergie bereits heute eine bedeutende Rolle im Energiemix des Landes. Auch hier bietet sich ein immenses Potenzial für Wasserstoff. Denn zur Gewinnung hochwertiger Derivate wie E-Methanol und anderer E-Fuels bedarf es großer Mengen an biogenem Kohlenstoff.

Ausgehend von derzeit 1,6 Millionen Kubikmetern Biomethan pro Tag sollen die Kapazitäten bis 2032 auf etwa 8 Millionen Kubikmeter steigen. Laut einer aktuellen Erhebung des Branchenverbands ABiogás sind bis 2027 rund 120 neue Anlagen geplant. Wachstumstreiber ist die Land- und Viehwirtschaft, die Reststoffe verwerten und Emissionen mindern will. Die neuen Wertschöpfungsketten lohnen sich zunehmend, zumal Brasilien die lokale Produktion von Dünger fördert, welche ein typisches Nebenprodukt der Prozessketten ist.

Über 100 Milliarden Reais (17 Milliarden Euro) an Investitionen in grünen Wasserstoff (H2) wurden in Brasilien bereits angekündigt, mit einer geplanten Inbetriebnahme der ersten Anlagen bis 2030. Damit entwickelt sich der Nordosten zu einer sehr stark konzentrierten Region für emissionsarme H2-Exporthubs  mit einer Projektdichte, die weltweit ihresgleichen sucht.

II - Trotz hervorragenden Voraussetzungen, warum wurden bis 2026 relativ wenige Wasserstoff Projekte in Brasilien umgesetzt?

Die Realisierbarkeit von Grünem Wasserstoff ist in erster Linie eine Frage der Skalierung und der Kostenstruktur.

Höhere Kosten, fehlende Infrastruktur und zu wenig erneuerbare Energien sind die Hindernisse auf dem Weg zum grünen Wasserstoff. Darum ist grüner Wasserstoff höher wie Wasserstoff, der aus Erdgas hergestellt wird.

Dank der kostengünstigen Versorgung mit grüner Energie aus Wasser, Wind- und Solarkraft sowie der verfügbaren Biomasse produziert die Industrie in Brasilien schon heute wesentlich sauberer als in anderen Ländern. So liegen die CO2-Emissionen der Chemieindustrie laut einer aktuellen Studie des Branchenverbands Abiquim 10 Prozent niedriger als in Europa und bei einigen Produkten nur halb so hoch wie im weltweiten Durchschnitt.

Brasilien verfügt über einen doppelten Wettbewerbsvorteil: der Preis für erneuerbare Energie ist nicht nur niedrig, sondern insbesondere im Nordosten Brasiliens gehören die Kapazitätsfaktoren der Windparks zu den höchsten weltweit. Das erlaubt eine längere Betriebszeit der teuren Elektrolyseure und somit eine effizientere  Kostenverteilung pro Kilogramm produziertem Wasserstoff. Dennoch bleibt der CAPEX für Elektrolyseure das größte Hindernis.

Viele multinationale Konzerne haben bis vor kurzem lieber in den USA oder Mexiko investiert. Hauptgrund dafür war der Inflation Reduction Act (IRA), das milliardenschwere Subventionspaket der US-Regierung. Um die energieintensive Industrie zu halten, bieten auch Deutschland und die EU umfangreiche Fördermaßnahmen zum Ausgleich der gestiegenen Energiekosten.

Brasilien fehlt leider an Finanzkraft für umfassende Subventionen. Und günstige grüne Energie allein reicht nicht aus, um Industrieinvestitionen anzulocken. Das gesamte Wirtschaftsumfeld von der Regulierung über die Finanzierung bis zur Ausbildung von Fachkräften und dem  Ausbau der Infrastruktur muss darauf ausgelegt sein. Daher gilt es, landesspezifische Kosten zu senken. Zu dem altbekannten 'Custo Brasil' zählen hohe Steuern, eine komplexe Bürokratie, mangelhafte Logistik und die geringe Rechtssicherheit. 

III – Wasserstoff aus Brasilien – Überwundene Hindernisse

Geopolitischen Kontext. Überhaupt spielt geopolitische Kontext eine Rolle: angesichts der hohen Unsicherheit im Welthandel gewinnt die Diversifizierung der Handelspartner für Brasilien stark an Bedeutung. Süd- und Mittelamerika sind ein Lichtblick in der kriselnden Weltwirtschaft.

Deutschlands Ziel. Das Ziel, bis 2030 zwischen 50% und 70% des Wasserstoffsbedarfs durch Importe zu decken, setzt den grundsätzlichen Rahmen für die Nachfrage.

Neue brasilianische Gesetze. Der gesetzliche Rahmen für kohlenstoffarmen Wasserstoff ist seit September 2024 in Kraft, und die Durchführungsdekret zur Regulierung wurden im August 2026 im Detail gesetzlich verankert. Zwischen 2028 und 2032 stellt die brasilianische Regierung über das PHBC-Programm Steuervergünstigungen in Höhe von mehr als 3 Milliarden US-Dollar bereit. Neben den reinen Export treibt Brasilien zudem die Produktion von synthetischen Flugkraftstoff (SAF) und grünen Dünger voran, um die eigene Industrie zu dekarbonisieren.

Zwischen 2024 und 2026 schafften die Bundesstaaten im Nordosten mit eigenen Landesgesetzen bereits vollendete Tatsachen. Da die finalen Investitionsentscheidungen für viele Projekte noch 2026 erwartet werden, wird dieses Jahr zum entscheidenden Nadelöhr für die Platzierung der Zulieferer.

Laut dem Dreijahresplan des „Programa Nacional do Hidrogênio“ (PNH2) will Brasilien bis 2035 Hubs für CO2-armen Wasserstoff etablieren. In Kooperation mit Climate Investment Funds - Industry Decarbonization (CIF-ID) vergibt die Regierung derzeit Finanzmittel in Höhe von 1,09 Milliarden US$, um ein erstes Großprojekt zur Dekarbonisierung der Industrie zu fördern.

In der ersten Etappe wählte das Energieministerium Ende 2024 insgesamt zwölf aus den über 70 von Unternehmen eingereichten Vorschlägen aus. Davon sind drei Projekte im Bundesstaat São Paulo angesiedelt. Weitere Standorte sind die Bundesstaaten Bahia und Minas Gerais sowie Häfen mit Freihandelszonen (Pecém, Suape und Açu). In der zweiten Phase legen die ausgewählten Unternehmen nun detaillierte Geschäftspläne vor. Die engere Projektauswahl wird dann für die Finanzierung durch den Klimafonds in Betracht gezogen.

In Kraft traten auch das Steuerregime "Regime Especial de Incentivos para a Produção de Hidrogênio de Baixa Emissão de Carbono" (Rehidro) und das Förderprogramm "Programa de Desenvolvimento do Hidrogênio de Baixa Emissão de Carbono" (PHBC). Im Rahmen des PHBC stellt Brasilien 2028 bis 2032 mehr als 3 Milliarden US-Dollar (US$) an Steuervergünstigungen für die Produktion von kohlenstoffarmem Wasserstoff bereit.

Im Oktober 2024 feierte die Wirtschaft das Gesetz "Kraftstoffe der Zukunft", das Förderquoten zur Beimischung emissionsarmer Treibstoffe festlegt. So müssen Fluggesellschaften ab 2027 ihre Emissionen bei Inlandsflügen schrittweise reduzieren beziehungsweise ausgleichen. Damit setzt Brasilien unter anderem die Vorgaben des Klimakompensationssystems CORSIA um.

Um den Jahreswechsel 2024/25 verabschiedete Lula den Rechtsrahmen für den verpflichtenden Emissionshandel und für Offshore-Windenergie. Außerdem verstärkte die Regierung die Förderung von Biokraftstoffen (RenovaBio) und erleichterte mit dem Programm zur Beschleunigung der Energiewende (Paten) die Finanzierung.

Das Energieministerium erwartet, dass in Brasilien 2027 mindestens 1,6 Milliarden Liter SAF (Sustainable Aviation Fuel) produziert werden. Dafür würden Projekte im Wert von fast 3 Milliarden US$ realisiert. Insgesamt soll das Fördergesetz für innovative Kraftstoffe Investitionen von über 40 Milliarden US$ anstoßen.

Neues deutsche Förderprogramm. Das Programm H2Uppp ist ein Förderprogramm, das vom Bundeswirtschaftsministerium finanziert wird und unterstützt Public-Private-Partnerships für grünen Wasserstoff in Entwicklungs- und Schwellenländern. Der Schwerpunkt liegt dabei aktuell auf Brasilien.

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE sieht Brasilien neben Kolumbien und Australien ganz vorne bei der Lieferung von grünem Ammoniak, Methanol und Kerosin nach Deutschland.

EU-Mercosur Abkommen. Das liegt auch an dem EU-Mercosur-Abkommen, das seit 1. Mai vorläufig in Kraft eingetreten ist.

Sinkende Preise. Die Preise für grünen Strom und für die Herstellung von Wasserstoff mittels Elektrolyse sinken schon. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht in ihrem Wasserstoffbericht davon aus, dass der Ausbau erneuerbarer Energien in Regionen mit reichlich Sonne und Wind wie Indien, Nahen Osten und Afrika – sowie Brasilien – den Anteil von grünen Wasserstoffen deutlich erhöhen wird. Damit sinken auch die Kosten.

Laut einer Studie von Bloomberg New Energy Finance dürften im Jahr 2030 die Elektrolysekosten für grünen Wasserstoff in Brasilien die Erzeugungskosten von herkömmlichem – also grauem – Wasserstoff unterschreiten. Auch in China, Schweden, Spanien und Indien soll dies der Fall sein. In allen anderen Ländern wird dieser Punkt voraussichtlich erst später erreicht.

Stark Inlandsmarkt.  Brasilien verfügt eines starken Inlandmarkts. Die grösste Chance liegt darin, mit H2V die brasilianische Industrie zu dekarbonisieren. Für die Agrarwirtschaft, die Milliarden in Form von importierten Stickstoffdüngern ausgibt, bedeutet die lokale Produktion von grünem Ammoniak ein Element der Ernährungssicherheit, besonders in dem aktuellen geopolitischen Kontext. Die Produktion auf eine kalkulierbare lokale Nachfrage zu stützen, ist strategisch klug und verringert die Anfälligkeit für Wechselkurs- und geopolitische Schwankungen. Für die Stahlindustrie bietet H2V im Direktreduktionsverfahren (DRI) die Möglichkeit zur Herstellung von „grüne Stahl“ – einem Produkt mit hohem Mehrwert und wachsende internationaler Nachfrage. Das neue PHBC Programm mit seinen Steueranreizen ist ein geeignetes Instrument, um dieses Wandel zu fördern – einschliesslich künftigere Anwendungen in der Luft- und Schifffahrt über synthetische Kraftstoffe.

Transport. Möglich ist es, Wasserstoff in Ammoniak (NH3) zu verschiffen, das viel einfacher zu transportieren ist. Deutschland und andere Länder wollen im nächsten Jahrzehnt massiv in Wasserstoff und die erforderliche Infrastruktur investieren und die Produktion ausweiten, um einer tragfähigen Alternative zu fossilen Brennstoffen zu machen. Deutsche Unternehmen, und KMUs, sind gut positioniert, um Lösungen in den Bereichen Speicherung, Wasseraufbereitung, Transport und Konversionsinfrastrukturanzubieten.

Wasserstoff-Hubs bilden sich heraus. Die Aussicht auf Absatzchancen in Europa animierte in den vergangenen Jahren Projektentwickler und Energieunternehmen zu Investitionen in Wasserstoffprojekte. Mit Unterstützung der bundesstaatlichen Regierungen entstanden erste Vorhaben an Häfen mit Freihandelszonen wie Pecém im Bundesstaat Ceará, Suape (Pernambuco), Parnaíba (Piauí) und Açu (Rio de Janeiro). Ceará unterzeichnete besonders viele Absichtserklärungen. In Partnerschaft mit dem Hafen Rotterdam investiert der Staat in die Pecém Port Complex Integration Company (CIPP), die einen Hub für grünen Wasserstoff und Infrastruktur für Exporte nach Europa errichtet. Im Dezember 2024 schloss auch der weltgrößte Binnenhafen Duisport eine Absichtserklärung mit CIPP. Damit erstreckt sich der Green Hydrogen Corridor nun direkt von Pecém bis ins Ruhrgebiet.

Der Industriehafenkomplex Camaçari (Bahia) verfügt über keine ZPE („Zonas de Processamento de Exportação“) und fokussiert eher auf die lokale Verwertung. Auch im Wirtschaftszentrum São Paulo geht es um die grüne Industrialisierung, vorzugsweise am Petrochemiestandort Cubatão.

IV - Schlussfolgerung

Die wesentlichen Grundlagen für die Verwirklichung des Potenzials von grünem Wasserstoff als industrielle und wirtschaftliche Realität ist für Brasilien vorhanden: ein regulatorischer Rahmen, finanzierte Großprojekte und eine marktorientierte Strategie, die auch das brasilianischen starken Inlandmarkts einbezieht. 

Die Häfen im Nordosten Brasiliens haben ein klares Ziel: Investitionen in die Produktion und den Export von kohlenstoffarmem Wasserstoff. Der Technologie Transfer läuft bereits, deutsche Unternehmen bauen Präsenz und Partnerschaften in der Region auf. Größtenteils sind die Projekte im Nordosten bislang nur durch Absichtserklärungen und nicht durch verbindliche Verträge abgesichert, während die Finanzierung noch aktiv vorangetrieben wird. 

Große Unternehmen wie Siemens, Thyssenkrupp Uhde und Andritz haben sich die EPC-Großprojekte im Nordosten bereits gesichert, und so aktiv nach vertrauenswürdigen mittelständischen Zulieferern suchen, um diese in ihre Lieferketten zu integrieren.

Wer auf die vollständige regulatorische Umsetzung 2026/2027 wartet, verpasst das Zeitfenster für die Lieferantenauswahl. Deutsche KMUs mit Expertise in Wassermanagement, Sensorik, Speicherung und Derivatverarbeitung haben einen klaren First-Mover-Vorteil, solange die EPC- Konsortien noch Partner suchen.

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