Containerterminal in Hongkong, Volksrepublik China

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Außenwirtschaft
03.08.2026

Zwischen Wettbewerb und Wandel

China ist längst mehr als Produktionsstandort und Absatzmarkt. Geopolitik, Regulierung und ein neues Innovationsökosystem verändern den Wettbewerb für deutsche Firmen grundlegend.

Autor: Rudolf Scharping, Bundesminister a.D. und Ministerpräsident a.D.

Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft; internationale Arbeitsteilung und Export gehören zu seiner DNA. Beides muss man im Auge behalten und differenzieren, wenn von China die Rede ist. Dazu einige Zahlen: in China sind mehr als 5.200 deutsche Unternehmen aktiv; sie bieten deutlich über eine Million Arbeitsplätze. Deutsche Unternehmen haben in China insgesamt mehr als 130 Milliarden Euro investiert (davon mehr als 7 Milliarden allein im letzten Jahr). Das Handelsvolumen von 251,8 Milliarden Euro im Jahr 2025 ist beeindruckend, das deutsche Handelsdefizit von 89,3 Milliarden Euro und seine Ursachen sind bedenklich. Der oft vorherrschende Blick auf die Handelszahlen bietet nur einen Ausschnitt. Es müssen auch wichtige andere Elemente der wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands (und Europas) mit China berücksichtigt werden.

Disruptionen in der internationalen Ordnung

Nach der Pandemie, mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und seit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump zerbricht die bis dahin gewohnte internationale Ordnung und damit wesentliche Grundlagen für eine globale Zusammenarbeit und Arbeitsteilung – nicht nur im wirtschaftlichen Bereich. Das kostet Sicherheit und Wohlstand, erfordert neue Risikovorsorge oder auch neues Sourcing und eine risikoärmere Organisation von Lieferketten, um nur einige wesentliche Aspekte dieses fundamentalen Wandels anzusprechen.

Zurück zu den Zahlen, hinter denen ja viel mehr steckt als ein beeindruckendes statistisches Bild; ich nenne dafür ein Beispiel: Innovationskraft und Innovationstempo. Dem tragen nicht nur deutsche Firmen zunehmend Rechnung, indem sie stärker auch in Entwicklungskapazitäten in China investieren. Die Zeiten des Aufbaus von großen (neuen) Produktionskapazitäten in China sind vorbei, vor allem in den traditionellen Industrien. Führende Unternehmen und ihre Zulieferer betreiben Entwicklung in China – für weit mehr als den chinesischen Markt. Was früher als „Quantität“ verstanden werden konnte, versteht man heute besser als „Qualität“ – in einem Ökosystem von Innovation, Tempo, Risikobereitschaft und strategisch angelegter Industriepolitik.

Der deutsche Mittelstand im Wettbewerb

In diesem grob skizzierten Umfeld bewegt sich auch der deutsche Mittelstand. Was früher ein besonders attraktiver, sich schnell entwickelnder Markt war, ist heute Standort von leistungsfähigen Konkurrenten auf allen Märkten, den heimischen, den asiatischen und darüber hinaus. Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man gerne – das gilt aber nur, wenn die Bedingungen der Konkurrenz untereinander fair sind (und da ist noch viel zu tun) und wenn man auch die jeweiligen rechtlichen, steuerlichen oder andere Rahmenbedingungen des jeweiligen Marktes genau kennt, die möglichen Weiterentwicklungen eingeschlossen.

Konkurrenz belebt das Geschäft – aber nur, wenn die Bedingungen der Konkurrenz fair sind.

Auch dazu einige Hinweise. Die Regelungen für die Haftung von Geschäftsführern in chinesischen Unternehmen (auch für den deutschen „legal representative“) sind deutlich verschärft. Früher wurde vom Staat geduldet, dass Unternehmen die Zahlung von Sozialversicherung auf der Grundlage des jeweiligen Mindestlohns entrichtet, also verkürzt hatten; das hat sich in diesem Jahr geändert und wird sich weiter in Richtung der Durchsetzung geltenden Rechts verändern. Die Regeln für unzulässige Vorteilsgewährung wurden deutlich verschärft, mit sehr engen Grenzen und Kriterien. Bei Verletzung geistigen Eigentums können spezialisierte Gerichte tätig werden, auch wenn die Durchsetzung von Ansprüchen mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Nicht zu vergessen: China versucht im Zuge seiner industriepolitischen Strategien auch, auf die Standardisierung von Produkten und Techniken zunehmend Einfluss zu gewinnen. China will im wirtschaftlichen Bereich Standards setzen und berechenbarer werden.

Demografische Herausforderungen Chinas

Auch China sieht sich mit großen strukturellen und aktuellen Herausforderungen konfrontiert. Wie bei uns in Deutschland oder Europa ist die Demografie die zentrale strukturelle Herausforderung. China altert schneller als beispielsweise Deutschland. Das ist nicht nur eine gewaltige Aufgabe für die sozialen Systeme (Rente, Krankenversicherung und Pflege), die in China enorme private Leistungen und Vorsorge einfordern. Die Folge ist eine hohe Sparquote (von ca. 40 Prozent) mit der Folge, dass angesichts der aktuellen Erwartungen oder Stimmungen auch die Binnenkonjunktur lahmt.

Rasch alternde Gesellschaften fordern aber nicht nur die sozialen Sicherungssysteme und deren Balance mit wirtschaftlichen Möglichkeiten oder Erfordernissen heraus; sie sind – hier wie dort – auch eine Herausforderung für Wirtschaft und Konjunktur, für Innovationskraft und Risikobereitschaft, für unternehmerischen Mut und nicht zuletzt für die Nachfolge in Unternehmen.

Diese Entwicklung ist in Deutschland seit Langem absehbar; 1972 überstieg die Zahl der Todesfälle erstmals die Zahl der Geburten. Seither hat sich daran nichts mehr geändert. Dennoch wuchsen in Deutschland Erwerbsbevölkerung und Wohlstand. Das ist für die Zukunft nicht mehr sicher. Der Mangel an Fachkräften droht sich auszuweiten zu einem allgemeinen Schrumpfen des Potenzials an Arbeitskräften. Ob das (mindestens teilweise) ausgeglichen werden kann durch den Einsatz neuer Techniken, ob KI und anderes die Produktivität entsprechend steigern können, das ist auch in China eine der spannenden Fragen. Man hofft, durch KI, Robotik und die Qualifizierung des Arbeitskräftepotenzials (aus Landwirtschaft, Bauwirtschaft oder überdimensionierten Industrien wie der Stahlindustrie) einen gangbaren Weg zu finden. Für mittelständische Unternehmen sind solche langfristigen Entwicklungen von großer Bedeutung: sie verweisen auf ein Marktumfeld, dessen Rahmenbedingungen sich erheblich und dynamisch verändern und dessen Chancen und Risiken kontinuierlich bewertet werden müssen.

Den Gastbeitrag verfasste Bundesminister a.D. und Ministerpräsident a.D. Rudolf Scharping.

Nach seiner politischen Laufbahn fokussierte sich Rudolf Scharping auf internationale Strategieberatung und Business Development mit Schwerpunkt China. Seit fast dreißig Jahren engagiert er sich für die Zusammenarbeit mit China und berät Aktiengesellschaften ebenso wie mittelständische Unternehmen.

Dieser Artikel stammt aus unserer Verbandszeitschrift Mittelstand.
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