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Hagen, 23.09.2026 Lesezeit: 2 Minuten

Dunkle Jahreszeit, weniger Energie, mehr Fehlzeiten

Wie Unternehmen mit besseren Lichtbedingungen Gesundheit, Konzentration und Leistungsfähigkeit unterstützen können

Autor: Rolf Göbel

Wenn in der dunklen Jahreszeit Energie und Konzentration sinken und gleichzeitig die Fehlzeiten steigen, werden häufig Stress, Infektionswellen oder fehlende Motivation dafür verantwortlich gemacht. Ein Einflussfaktor bleibt dabei oft unbeachtet: Viele Beschäftigte erhalten während ihres Arbeitstages zu wenig biologisch wirksames Licht. Das kann Wachheit, Schlaf, Stimmung, Regeneration und die Regulation des Immunsystems beeinträchtigen und damit Bedingungen verstärken, die sich auf Gesundheit und Arbeitsfähigkeit auswirken.

Natürlich werden Erkältungen, Grippe und andere Atemwegsinfektionen durch Krankheitserreger verursacht und nicht durch Dunkelheit. Dass diese Erkrankungen im Herbst und Winter häufiger auftreten, hat mehrere Ursachen, zu denen die saisonale Verbreitung der Erreger, mehr gemeinsame Zeit in geschlossenen Räumen und weitere Umweltfaktoren gehören. Eine gute Beleuchtung ersetzt deshalb weder regelmäßiges Lüften noch Hygiene, Impfungen oder ausreichende Erholung. Dennoch wäre es zu kurz gedacht, Licht lediglich als Frage der Sichtbarkeit oder der Raumgestaltung zu betrachten, denn es gehört zu den wichtigsten Zeitgebern des menschlichen Körpers.

Licht steuert mehr als nur das Sehen

Licht ermöglicht uns nicht nur, unsere Umgebung wahrzunehmen und Sehaufgaben sicher auszuführen. Über spezielle lichtempfindliche Zellen in der Netzhaut übermittelt es dem Gehirn zugleich die Information, ob biologisch Tag oder Nacht ist. Diese Zellen reagieren besonders auf bestimmte Anteile des sichtbaren Lichts und wirken auf die innere Uhr, die zahlreiche körperliche Prozesse zeitlich koordiniert.

Helles Licht am Morgen und während des Tages unterstützt die Aktivierung, fördert die Wachheit und hilft dabei, den Rhythmus von Schlaf und Wachsein zu stabilisieren. Am Abend benötigt der Körper dagegen deutlich weniger Licht, damit er sich auf die Nacht vorbereiten kann. Wenn Menschen den Tag in relativ dunklen Innenräumen verbringen und am Abend lange hellem Kunstlicht oder hellen Bildschirmen ausgesetzt sind, wird der für den Körper wichtige Unterschied zwischen Tag und Nacht abgeschwächt.

Die Folgen zeigen sich nicht bei allen Menschen in gleicher Weise, können aber von Tagesmüdigkeit, Konzentrationsproblemen und Leistungsschwankungen bis zu Einschlafproblemen, einer gedrückten Stimmung und einem verschobenen Tagesrhythmus reichen. Bei einem Teil der Betroffenen entwickelt sich eine saisonal auftretende Depression, die medizinisch abgeklärt und behandelt werden sollte.

Melatonin ist nicht nur für den Schlaf bedeutsam

In diesem Zusammenhang spielt Melatonin eine wichtige Rolle, wobei die verbreitete Bezeichnung als Schlafhormon nur einen Teil seiner Funktion beschreibt. Die Ausschüttung von Melatonin steigt unter normalen Bedingungen am Abend und in der Nacht an, signalisiert dem Organismus die biologische Nacht und wirkt an der zeitlichen Abstimmung zahlreicher körperlicher Prozesse mit. Wissenschaftliche Arbeiten zeigen außerdem, dass Melatonin an der Regulation von Immunreaktionen beteiligt ist.

Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass jeder Mensch, der im Winter müde ist oder wenig Tageslicht erhält, automatisch unter einem klinischen Melatoninmangel leidet. Entscheidend ist vielmehr ein stabiler Rhythmus von Tag und Nacht mit einem klaren Wechsel zwischen einem hellen Tag und einer ausreichend dunklen Nacht. Helles Licht am Morgen und tagsüber stabilisiert die innere Uhr, während Dunkelheit am Abend die natürliche nächtliche Melatoninausschüttung ermöglicht.

Wird dieser Rhythmus durch zu wenig Licht am Tag und zu viel Licht am Abend gestört, können Schlaf und Regeneration leiden. Da erholsamer Schlaf und eine stabile innere Uhr eng mit der Regulation des Immunsystems verbunden sind, gehört eine angemessene Lichtumgebung zu den Bedingungen, die Gesundheit unterstützen können. Sie verhindert jedoch keine Infektion und darf nicht als medizinische Behandlung verstanden werden.

Wie viel Licht benötigt der Mensch in der dunklen Jahreszeit?

Diese Frage lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten, weil Licht verschiedene Aufgaben erfüllt. Für gutes Sehen und die sichere Bearbeitung einer Aufgabe gelten andere Kriterien als für die biologische Wirkung des Lichts auf die innere Uhr. Hinzu kommen die Tageszeit, die Dauer der Lichteinwirkung, das Spektrum, die Blickrichtung und die individuelle Situation eines Menschen.

Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.4 nennt für viele Büroarbeitsplätze einen Mindestwert von 500 Lux auf der Arbeitsfläche. Dieser Wert ist wichtig, weil er die Erfüllung der Sehaufgabe unterstützt. Er sagt jedoch noch nicht zuverlässig aus, wie viel biologisch wirksames Licht das Auge erreicht. Ein Schreibtisch kann normgerecht beleuchtet sein, während am Auge dennoch zu wenig Licht ankommt, um tagsüber einen starken biologischen Reiz zu setzen.

Für die Bewertung dieser Wirkung wird zunehmend die melanopische äquivalente Tageslichtbeleuchtungsstärke verwendet, die als melanopische EDI bezeichnet wird. Eine internationale wissenschaftliche Empfehlung aus dem Jahr 2022 nennt für gesunde Erwachsene mit einem üblichen Tagesrhythmus tagsüber mindestens 250 Lux melanopische EDI am Auge. Gemessen wird dabei vertikal in Augenhöhe und nicht horizontal auf dem Schreibtisch. 

Die Internationale Beleuchtungskommission unterstützt diese grundsätzliche Richtung und empfiehlt tagsüber eine hohe und am Abend eine deutlich reduzierte Lichtwirkung auf das circadiane System.

Diese 250 Lux melanopische EDI sind kein deutscher gesetzlicher Grenzwert und auch keine kurze Lichtdosis, die morgens für wenige Minuten erreicht werden muss. Sie stellen vielmehr eine wissenschaftlich begründete Orientierung für die Lichtverhältnisse während des Tages dar. Wie viel klassische Beleuchtungsstärke dafür erforderlich ist, hängt vom Spektrum der Lichtquelle und von der konkreten Raumsituation ab. Deshalb genügt es nicht, ausschließlich auf Luxwerte eines Leuchtenprospekts oder auf die Farbtemperatur zu schauen.

Die häufig genannte Zahl von 10.000 Lux gehört in einen anderen Zusammenhang. Sie wird bei speziellen Lichttherapiegeräten verwendet, insbesondere zur Behandlung einer saisonalen Depression, und bezieht sich in der Regel auf eine zeitlich begrenzte Anwendung am Morgen. Sie ist weder der allgemeine Zielwert für einen Büroarbeitsplatz noch ein Argument dafür, Arbeitsräume den ganzen Tag extrem hell auszuleuchten. Eine Lichttherapie sollte bei bestehenden Erkrankungen, Augenerkrankungen, einer bipolaren Erkrankung oder der Einnahme lichtsensibilisierender Medikamente fachlich begleitet werden.

Warum ein Fensterplatz allein nicht genügt

Tageslicht ist für den Menschen die wichtigste natürliche Lichtquelle, doch die Aussage, ein Arbeitsplatz befinde sich am Fenster, beschreibt die tatsächliche Lichtsituation nur unzureichend. Bereits die Entfernung zum Fenster, die Blickrichtung, die Größe und Beschaffenheit der Verglasung, der Sonnenschutz, die Jahreszeit und die Helligkeit der Raumoberflächen verändern erheblich, wie viel Licht am Auge ankommt.

Gerade im Herbst und Winter kann die Lichtmenge innerhalb eines Raumes schon wenige Schritte vom Fenster entfernt deutlich abnehmen. Deshalb sollten Unternehmen vorhandenes Tageslicht bewusst nutzen, Arbeitsplätze sinnvoll anordnen und darauf achten, dass Beschäftigte nicht dauerhaft in dunkle Raumzonen oder auf ungünstige Helligkeitskontraste blicken. Gleichzeitig müssen Blendung und Überhitzung vermieden werden, denn mehr Licht ist nicht automatisch besseres Licht.

Kurze Aufenthalte im Freien sind besonders am Morgen oder während der ersten Tageshälfte sinnvoll. Auch bei bedecktem Himmel ist es draußen in der Regel deutlich heller als in einem üblichen Innenraum. Wenn Pausen, kurze Gespräche oder Wege gelegentlich nach draußen verlegt werden, verbindet sich der Lichtreiz außerdem mit Bewegung und einer Unterbrechung langer Sitzzeiten.

Können biodynamische Leuchten helfen?

Biodynamische Beleuchtung, die häufig auch als Human Centric Lighting bezeichnet wird, verändert Helligkeit und spektrale Zusammensetzung im Verlauf des Tages. Am Morgen und während der aktiven Tagesphase kann ein höheres und biologisch wirksameres Lichtniveau die Aktivierung unterstützen, während die Beleuchtung gegen Abend wärmer und weniger intensiv gestaltet werden kann. Richtig geplant, kann ein solches System besonders in innenliegenden Bereichen, in Gebäuden mit wenig Tageslicht und an Arbeitsplätzen mit langen Aufenthaltszeiten eine sinnvolle Ergänzung sein.

Entscheidend ist jedoch, dass nicht allein die sichtbare Lichtfarbe verändert wird. Eine Leuchte kann kühl und tageslichtähnlich erscheinen und trotzdem zu wenig biologisch wirksames Licht am Auge erzeugen. Umgekehrt kann eine hohe Lichtwirkung zur falschen Tageszeit den Schlafrhythmus beeinträchtigen. Gute biodynamische Beleuchtung orientiert sich deshalb an der Nutzung des Raumes, an Arbeitszeiten, Sehaufgaben, Blickrichtungen, vorhandenen Tageslichtanteilen und den Bedürfnissen der Beschäftigten.

Besondere Sorgfalt ist bei Schichtarbeit erforderlich, weil Licht hier gezielt zur Aktivierung eingesetzt werden kann, eine ungeeignete Planung aber zugleich die Anpassung an notwendige Schlafzeiten erschweren kann. Standardprogramme, die unabhängig von Schichtplan und Chronotyp immer denselben Tagesverlauf abspielen, werden dieser Aufgabe nicht gerecht.

Die bisherige Forschung spricht dafür, dass geeignete Lichtkonzepte Wachheit, Wohlbefinden und den circadianen Rhythmus unterstützen können. Die Wirkung hängt jedoch stark von Intensität, Spektrum, Zeitpunkt, Dauer und individueller Situation ab. Biodynamische Leuchten sind deshalb weder ein Heilmittel noch eine Garantie für sinkende Krankenstände. Sie können aber Teil eines Gesamtkonzeptes sein, das biologische Arbeitsbedingungen verbessert und damit Belastungen reduziert, die Müdigkeit, Schlafprobleme, eine beeinträchtigte Regeneration und eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit begünstigen.

Was Unternehmen jetzt konkret prüfen sollten

Eine professionelle Bewertung sollte nicht mit dem Austausch einzelner Leuchten beginnen, sondern mit einer Analyse der tatsächlichen Bedingungen. Dazu gehören die Beleuchtungsstärke auf den Arbeitsflächen, die vertikale Beleuchtung am Auge, das Spektrum, die Gleichmäßigkeit, mögliche Blendung, die Nutzung des Tageslichts sowie die zeitliche Nutzung der Räume. Auch Rückmeldungen der Beschäftigten zu Müdigkeit, Konzentration, Schlaf, Regeneration und Wohlbefinden können wichtige Hinweise liefern.

Auf dieser Grundlage lassen sich Maßnahmen priorisieren, die von einer besseren Anordnung der Arbeitsplätze und einer bewussteren Nutzung des Tageslichts über angepasste Pausen bis zu einer neuen Lichtplanung reichen können. Wenn Unternehmen die Wirkung solcher Veränderungen anhand geeigneter Kennzahlen überprüfen, wird aus Beleuchtung ein steuerbarer Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Neben subjektivem Wohlbefinden können beispielsweise Konzentrationsfähigkeit, Fehlerhäufigkeit, Schlafqualität, Beschwerden und die Entwicklung krankheitsbedingter Fehlzeiten betrachtet werden, wobei immer berücksichtigt werden muss, dass diese Kennzahlen von mehreren Faktoren beeinflusst werden.

Gute Lichtbedingungen können zur Senkung von Fehlzeiten beitragen

Unternehmen können Krankenstände nicht mit einer einzelnen Leuchte verhindern. Sie können jedoch Bedingungen schaffen, die Beschäftigte in der dunklen Jahreszeit besser unterstützen. Wer tagsüber für ausreichend wirksames Licht sorgt, Tageslicht konsequent nutzt und am Abend unnötig hohe Lichtreize vermeidet, stärkt den Rhythmus von Tag und Nacht und verbessert eine wichtige Grundlage für Wachheit, Schlaf, Regeneration und die Regulation des Immunsystems.

Eine gute Beleuchtung kann damit Teil einer wirksamen Strategie sein, um gesundheitliche Belastungen und krankheitsbedingte Fehlzeiten zu reduzieren. Ihre Wirkung entfaltet sie im Zusammenspiel mit guter Arbeitsorganisation, Führung, Bewegung, Erholung, Raumqualität und einem angemessenen Infektionsschutz. Genau deshalb sollte Licht nicht als dekoratives Element oder reine Investition in Technik betrachtet werden, sondern als Bestandteil der Arbeitsbedingungen, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit jeden Tag mitprägen.

Wer diese Bedingungen misst, gezielt verbessert und die Ergebnisse anhand geeigneter Kennzahlen überprüft, schafft eine belastbare Grundlage für mehr Energie, bessere Konzentration, stabilere Arbeitsfähigkeit und langfristig auch für die Reduktion vermeidbarer Fehlzeiten.

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