Sven Enger zur Digitalisierung

Trotz vieler Annehmlichkeiten, die die Digitalisierung uns in den vergangenen Jahrzehnten beschert hat, sind Ängste und Abwehr mit Blick auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformationspotenzial nicht selten.

Die exponentielle technologische Entwicklung der letzten 30 Jahre versetzt viele Menschen in Angst. Dabei ließe sich die Digitalisierung auch ganz anders erzählen, nicht als Bedrohungsgeschichte, sondern als ein utopischer Fortschrittsroman.

Wir stehen an der Schwelle einer Zeit, in der Menschheitsprobleme wie Energieversorgung, Klimawandel, Armut, Hunger, Krieg gelöst werden können. Ist das nur naive Träumerei? Ein derart hoffnungsfroher Optimismus klingt fremd, zumal in einer von schlechten Nachrichten geprägten Gegenwart. Viel eher sind wir geneigt, uns als Opfer zu sehen und den Weltuntergang zu erwarten. Diese Haltung ist mindestens so befremdlich wie die Träumerei. Wir alle haben so viele Wunder ganz praktisch miterlebt, dass unsere Hoffnung auf Weltverbesserung eigentlich unerschütterlich sein müsste.

Nutzen- und Profitmaximierung sind nicht mehr die alles beherrschenden Prinzipien 

Ein zentraler Aspekt der Digitalisierung ist die Netzwerkkommunikation, die neben einigen hässlichen Begleiterscheinungen – Manipulation, Mobbing, Gewaltverherrlichung – eine neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität hervorbringt und künftig noch stärker hervorbringen wird. Wikipedia oder Facebook sind Beispiele für eine Ökonomie, in der Geld entweder keine Rolle mehr spielt oder nicht der vorrangige Wertmaßstab ist. Wer konnte sich vor 30 Jahren vorstellen, dass wir unser vielbändiges Lexikon heute jederzeit und gratis mit uns herumtragen können, auf einem Gerät mit einer Rechenleistung, für die man vor 30 Jahren mehr als fünftausend Desktop-Computer hätte zusammenschalten müssen? Dieses gemeinschaftlich geschriebene Werk umfasst mittlerweile 38 Millionen Seiten und wird monatlich von knapp neun Milliarden Besuchern zu Rate gezogen. Zigtausende ehrenamtliche Redakteure korrigieren und aktualisieren die Inhalte permanent und haben es praktisch unmöglich gemacht, mit einem kommerziellen Lexikon-Produkt noch Geld zu verdienen. Damit ist Wikipedia ein radikales Allmendeprodukt: Es kann frei genutzt, aber weder besessen noch ausgebeutet werden und es entsteht kollaborativ; jeder kann einen Beitrag leisten und die meisten tun dies, weil sie ihr Wissen mit anderen teilen wollen.

Das ist ein erstaunliches Motiv, das die bisherige Mainstream-Ökonomie unterminieren wird. Gemeinschaftliche Belange, wie etwa das Wohnen oder die Absicherung von Risiken, könnten wir schon heute ganz leicht organisieren, ohne die Dienste eines Unternehmens in Anspruch zu nehmen. Solche Transaktionen sind bereits alltäglich und belegen damit beeindruckend, dass Nutzen- und Profitmaximierung nicht die alles beherrschenden Prinzipien sind, dass der Markt nicht die einzig denkbare Ordnung ist. Es geht auch anders, und dieses andere erweist sich unter dem Vorzeichen der Digitalisierung als sehr viel leistungsfähiger, weil es effizienter ist, flexibler, selbstbestimmter und deutlich weniger externe Kosten verursacht als der herkömmliche Markt.

Neue nachhaltige, nutzenstiftende Produktionsweisen

Sobald die technischen Möglichkeiten bereitstanden, Dinge oder Leistungen ohne den Markt zu produzieren und anderen zur Verfügung zu stellen, haben die Menschen damit begonnen, genau das zu tun. Das ist Segen und Fluch: Segen, weil es eine neue, nachhaltige Produktionsweise verspricht, die vielen Menschen einen Nutzen bringt, ohne die Nachteile des klassischen Marktsystems, wie Ungleichverteilung von Macht und Wohlstand, in Kauf zu nehmen. Fluch, weil die digitale Ökonomie in einer Übergangsphase viele Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt verdrängen, den Marktpreis von Gütern drücken und herkömmliche Profitmodelle zerstören wird. Die Digitalisierung wird in ihrem Verlauf ebenso viele Verwerfungen wie Chancen mit sich bringen. Bislang werden vor allem die Verwerfungen beschworen, die nur deshalb so bedrohlich erscheinen, weil wir an Arbeit und Lohn sowie Geld und Eigentum festhalten und uns das Neue nicht vorstellen mögen oder können. Das sollten wir aber, damit wir die Chancen nutzen können.

 

Sven Enger
Impulsgeber & Speaker
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