Günther Enger im Interview mit European Media Partners

Vier Fragen an den BVMW-Representanten Günther Enger.

1. Mittelständische Unternehmen beklagen die mangelnde Flexibilität des deutschen Arbeitsmarktes. Welches sind hier aus Ihrer Sicht die größten Probleme?

Der Mittelstand ächzt unter der Bürokratie. Während sich große Konzerne ganze Abteilungen halten können, die sich um die Erfüllung von Richtlinien kümmern und eifrig dokumentieren, wie viele Büroklammern verbraucht wurden und wie groß die Abstände zwischen den Schreibtischen der Mitarbeiter sind, macht in mittelständischen Unternehmen häufig der Chef den Papierkram selbst. Da müssen die Grundsätze zur ordnungsgemäßen Führung und Aufbewahrung von Büchern (GoBD) beachtet und selbstverständlich dokumentiert werden. Dann müssen beispielsweise Handwerksbetriebe Buch darüber führen, wie viele Kilometer sie verfahren. Geregelt wird das in der Tachographen-Verordnung der EU. Und natürlich ändern sich ab bestimmten Mitarbeiterzahlen die Anforderungen an das Unternehmen. Seit Kurzem kommen das Elterngeld Plus und der Mindestlohn nebst Dokumentationspflicht noch hinzu.

 

2. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlev Scheele, äußerte gerade, dass wir „jedes Jahr 400.000 Zuwanderer netto“ bräuchten. In welchem Maße würden Mittelständler davon wirklich profitieren?

Das Grundsatzproblem sind qualifizierte Arbeitskräfte und Verständnis im Umgang mit der Digitalisierung. Von daher dürfte die Zuwanderung nicht wirklich Abhilfe schaffen, eher schon der Einsatz der Arbeitskräfte innerhalb der EU, also aus Spanien, Portugal oder Osteuropa.

 

3. Am 6. November 2018 organisiert der BVMW in Hamburg die Veranstaltung „Arbeitswelten der Zukunft“. Welche Themen stehen hier im Mittelpunkt?

Die Digitalisierung verändert die Rahmenbedingungen für den Mittelstand zunehmend und das spüren auch unsere Mitglieder. Vor diesem Hintergrund ist für uns als BVMW besonders entscheidend, das die Teilnehmer die Möglichkeit bekommen, miteinander Erfahrungen auszutauschen und durch mögliche Kooperationen neue Geschäftsfelder und Marktzugänge erschließen. 

Thematisch wird ein Schwerpunkt das digital Leadership einnehmen, also neben dem Umgang als Unternehmer mit den sogenannten digital natives, vor allem auch das Verständnis von sich verändernden Führungsfähigkeiten, die mehr bedeuten als nur online zu sein. 

 

4. Was müsste die Regierung aus Sicht des BVMW vordinglich ändern, um die Lage der Mittelstandsunternehmen nachhaltig zu verbessern?

Der Mittelstand braucht vordringlich qualifizierte Fachkräfte, weil sie der unverzichtbare Erfolgsfaktor für mittelständische Betriebe und Unternehmen sind, insbesondere vor dem Hintergrund der digitalen Möglichkeiten. Die Ausbildungsschwerpunkte, sowie die Geschwindigkeit neue Lehrinhalte an Hochschulen zu integrieren, müssen sich deutlich erhöhen um dem technologischen Wandel, aber auch dem sich verändernden und notwendigen Mindset  von Fachkräften gerecht zu werden.
Dazu müssen die berufliche Aus- und Fortbildung massiv gestärkt sowie bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und für eine qualifizierte Zuwanderung geschaffen werden. Notwendig ist zudem, dass Arbeitszeit flexibler verteilt werden kann und Arbeitsplätze nicht gesetzlichen Anforderungen folgen, sondern den Ansprüchen der künftigen Mitarbeiter. Hier ist mehr Flexibilität gefordert, insbesondere wenn wir immer mehr über die Selbstverantwortung von Mitarbeitern sprechen.

 

5. Welcher Schaden entsteht Mittelständlern jährlich durch den zögerlichen Breitbandausbau?

Der entstehende Schaden ist schwer zu greifen, weil nicht meßbar ist, welche digitalen Geschäftsmodelle nicht entstanden sind, welche Mittelständler sich nicht neue Märkte erschließen können oder welche Unternehmen sich aus Märkten zurück ziehen oder den Standort wechseln oder wechseln müssten. Was in jedem Fall darin deutlich wird, das zwischen „analoger“ und „digitaler“ Wirtschaft faire Wettbewerbsbedingungen herzustellen sind. Für alle Unternehmen muss gewährleistet werden, dass sie uneingeschränkten Zugang zu marktrelevanten Daten und Plattformen haben - wobei Berufsgeheimnisschutz und Datenschutz gewahrt bleiben müssen. Der Mittelstand braucht einen praxistauglichen Verbraucherschutz. Die Förderung eines leistungsfähigen Breitbandes sichert ein hohes Beschäftigungsniveau, die Qualität von Dienstleistungen und damit die soziale Sicherheit.