Gabriela Roßbach, SPD

Gabriela Roßbach ist Spitzenkandidatin der SPD Kronberg. Ihre Antworten (s.u.) hat sie uns am 21.12.2020 zur Verfügung gestellt. Wir danken für ihren Input und ihren Dialog mit dem Mittelstand. Weitere Infos auf der Website SPD Kronberg.

 

Frage 1:
Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die wirtschaftliche Entwicklung in Kronberg dauerhaft zu sichern?


Alles hängt mit allem zusammen. Unternehmen schweben nicht im luftleeren Raum, sie sind organischer Bestandteil der Gesellschaft und der Stadtgesellschaft. Der wichtigste Erfolgsfaktor von Unternehmen sind die Menschen, die dort arbeiten. Es herrscht Fachkräftemangel, die Unternehmen konkurrieren um die Menschen (was für die Menschen gut ist). Wenn jemand Arbeit sucht und zwei vergleichbare Angebote aus zwei Städten hat, wo wird sie oder er einen Arbeitsvertrag unterschreiben, länger oder langfristig bleiben wollen, sich mit dem Unternehmen identifizieren? Wahrscheinlich da, wo sie oder er auch wohnen kann, damit sie oder er keine Freizeit mit Fahrtzeit verliert, die Kinder einen kurzen Weg zu Kita/Kiga/Schule haben, Mama oder Papa nicht erst um 20:00 nach Hause kommt, sie oder er einen Verein findet, wo sie oder er ihr oder sein Hobby ausüben kann. Das schickste Employer Branding bringt nichts ohne das Umfeld, also einen Standort, an dem die Menschen nicht nur arbeiten, sondern auch leben können und wollen.


Und dann gibt es noch die Fälle, in denen abends nach der regulären Arbeitszeit noch dringend was erledigt werden muss, ein Pitch oder eine Ausschreibung oder ein:e Patient:in, die oder der noch Hilfe oder jemanden zum Reden braucht – das können und wollen eher Mitarbeiter:innen leisten, die einen Heimweg von 5 Minuten haben als solche, die noch eine halbe Stunde oder länger heimreisen müssen und dabei vielleicht sogar noch Anschluss-Probleme haben, wenn sie mit den Öffentlichen fahren. Als Selbständige kenne ich die Situationen aus eigenem Erleben.


Die Unternehmen brauchen die Stadt und die Stadt die Unternehmen, nicht nur wegen der Gewerbesteuer, die eine gute Daseinsvorsorge und möglichst viele und gute freiwillige Leistungen erst ermöglicht. Sondern weil sie Leben und Kitt – Zusammenhalt, Zusammengehörigkeitsgefühl – in die Stadt bringen, Arbeitsplätze schaffen, ausbilden, und weil gerade die mittelständischen Handwerksbetriebe das Rückgrat der Feuerwehr bilden.


Kronberg muss also auch ein Ort zum Leben sein. Da ist Kronberg in vielerlei Hinsicht unschlagbar. Außer bei dem essenziellen Punkt Boden- und Wohnpreise. Die sind exorbitant und steigen unkontrolliert. Deshalb ist es vital, dass der von Grünen, FDP, UBG und SPD gestellte und beschlossene Antrag zur Gründung eines städtischen Wohnbau-Eigenbetriebs jetzt umgesetzt wird. Wohnungen, die in naher Zukunft aus der Sozialbindung zu fallen drohen, müssen dort gehalten, die Sozialbindungen verlängert werden. Der hessische Wirtschaftsminister ist leider auch 2020 der Ansicht, Kronberg brauche keine Mietpreisbremse. Dann müssen wir eben weiter Druck machen.

 

Ein Indikator für den Wohnungsmangel in Kronberg ist der Ein-/Auspendlersaldo: +7.912. 56 % der in Kronberg Beschäftigten wohnen nicht in Kronberg.


Kronberg ist die Stadt mit der zweitstärksten Kaufkraft in ganz Deutschland. Aber nur 50% der in Kronberg wohnenden Kaufkraft bleiben in Kronberg (in Bad Homburg: 90,4 %, in Eschborn: 209,6 %!).


Das integrierte Stadtmarketing ist die richtige Antwort, um Kronberg als Standort zu stärken. Es soll Wirtschaft, Tourismus, Kultur und Gesundheit/Sport/Soziales zusammenführen – gemeinsam ist man stärker.


Das gibt es zu tun:


-> Den städtischen Wohnbau-Eigenbetrieb zum Laufen bringen: Wohnungen bereitstellen, die ein:e Normal- oder leider wenig Verdienende:r sich leisten kann, das sind auch junge Menschen in Ausbildung, Menschen in sog. systemrelevanten Berufen, die aber schlecht bezahlt sind, Menschen, die eine Zeitlang arbeitslos sind uvm.


-> Unterstützen, dass mehr Menschen mehr und lieber in Kronberg einkaufen statt nur in Frankfurt, im MTZ, bei Amazon. Zum Beispiel dadurch, dass wir die Einzelhändler:innen mit ihren Vereinigungen (BDS) dazu motivieren, ihre Öffnungszeiten anzupassen und auszuweiten: mittags offen halten, abends und samstags länger offenhalten.


-> Gewerbeflächen schnell ausweisen, dazu brauchen wir Ausgleichsflächen, deshalb werden wir nicht dem Antrag einer Fraktion zustimmen, den Grünen Weg aus dem Regionalen Flächennutzungsplan zu streichen (Ausgleichsfläche = bleibt grün, geht nur mit Flächen, die im FNP enthalten sind)


-> Gewerbesteuer stabil halten bei mäßigen 357 Punkten


-> Kronberger Rathausgespräche beibehalten und intensivieren


-> ein Forum der Unternehmen in Kronberg einführen: ein Treffen der mittelständischen und großen Unternehmen zum Austausch untereinander und mit Bürgermeister und Stadtverwaltung bzw. der städtischen Wirtschaftsförderung – auch ein Vorschlag des Stadtmarketing-Konzept-Erstellers Dr. Eggers


-> Stabsstelle Stadtmarketing umsetzen


-> unterstützen, dass es einen alltagstauglichen Branchenmix und mehr Geschäfte mit alltagstauglichen Preisen gibt und mehr Unternehmen (Einzelhandel) mit Publikumsverkehr


-> dem Leerstand entgegenwirken

 

Frage 2:
Was ist ein wesentliches Anliegen des Mittelstands, dem Sie sich als Spitzenkandidat widmen wollen?


Die Antwort ergibt sich aus der obigen: Die Rahmenbedingungen verbessern


-> bei Wohnen, um Arbeitskräfte zu gewinnen und zu halten


-> bei Öffentlichem Nahverkehr (mehr Busse, die öfter fahren, mit besserem Anschluss an die S-Bahn und an die AKS)


-> bei den Öffnungszeiten der Geschäfte


-> die Mobilfunklöcher schließen (geht über den Kreis, da sind wir seit Längerem dran)


-> Verbesserung des Breitbands (dito Kreis, der ist dran)


-> Platz schaffen für Kronberger Unternehmen, die mehr Platz brauchen, und für weitere, neue Unternehmen


-> noch mehr ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben (Sache der Verwaltung)

 

Frage 3:
Bei welcher Herzensangelegenheit wünschen Sie sich die Unterstützung der mittelständischen Wirtschaft vor Ort?


In diesen gerade für Unternehmen schweren Zeiten wünsche ich mir etwas FÜR die Unternehmen, gerade die mittelständischen: Dass die beschlossenen Finanzhilfen zügig ankommen und ausreichen und dass es mit gesamtgesellschaftlicher Anstrengung und Impfungen gelingt, aus der Pandemie möglichst schnell wieder herauszukommen. Die Kronberger Unternehmer:innen zeigen viel Kreativität, Zusammenhalt, finden Lösungen: Lieferservices, Abholstationen, telefonische Terminvereinbarung, Schaufensterkauf, die Homepage wirliebenkronberg.de des BDS. Ich wünsche mir, dass die Kronberger Unternehmen die Pandemie überleben.


Ich wünsche uns allen, dass wir eine gute Stadtmarketingmanagerin oder einen guten Stadtmarketingmanager bekommen und dass das Stadtmarketing gelingt und damit dem Mittelstand einen Schub gibt.


Ich denke, dass – nach Corona – ausgeweitete Öffnungszeiten helfen können, dass mehr Menschen mehr in Kronberg einkaufen. Wie oft kam es vor, dass ich schnell was brauchte und trotz Beeilung war es schon 18:00 / 18:30 – und ich weiß, dass ich in Kronberg Dinge finde, die ich sonst nirgends finde. Es gibt hier wunderbare Geschäfte mit wunderbaren Inhaber:innen, selbst, wenn ich noch nicht weiß, was ich genau will, hier finde ich tolle einzigartige Sachen und tolle persönliche Beratung.


Digitalisierung kann viel bewirken: Geschäfte, die ein digitales Schaufenster und einen Online-Shop haben. Die gibt es und seit Corona gibt es immer mehr davon. Hier könnte ein Forum (siehe oben) helfen: Erfahrungs- und Wissensaustausch. Niemand muss bei Amazon bestellen, wenn sie oder er es in Kronberg bestellen kann (weil vielleicht die Zeit fehlt, hinzugehen / die Mobilität nicht da ist / ein Geschenk direkt an den Bruder in Italien versandt werden soll, etc)


Hilfreich wäre die mentale Unterstützung des Mittelstands bei der Schaffung und beim Halten von sog. bezahlbarem Wohnraum. Es geht auch um die Auszubildenden, um die eigenen Kinder, die sich das Wohnen in Kronberg nicht mehr leisten können.


Und damit die Erhaltung und Stärkung des Ehrenamts und der Vereine. Aus dem außergewöhnlichen Engagement so vieler Menschen bezieht Kronberg seine kulturelle und soziale Stärke. Damit das nicht gefährdet ist, damit das in den nächsten Generationen weitergeht, braucht es auch junge Menschen, die in Kronberg arbeiten UND leben.

Gabriela Roßbach

 

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