Zufrieden und dennoch Befürchtungen für die Zukunft

Jenaer Neujahrsempfang der Wirtschaft offenbart Zweifel an politischen Akteuren

Ehrengast Jens Spahn

Für Unternehmerin Evelin Reklies und auch Firmenchef Matthias Wetzel gehört der Neujahrsempfang der Wirtschaft der Region zu den stets gern wahrgenommenen Pflichtterminen. Es sei das eher zufällige Treffen von guten Bekannten sowie Kennenlernen neuer Akteure und natürlich der Austausch über Erreichtes und Zukünftiges in zwangloser Atmosphäre. Matthias Wetzel beispielsweise könne nach eigenen Worten auf das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte zurückblicken. Er wisse auch von herausragenden Geschäftsergebnissen seiner Unternehmerkollegen. Zudem lockte natürlich Bundesfinanzstaatssekretär Jens Spahn als Hauptredner des von der Interessengemeinschaft der Gewerbegebiete Jena-Süd (IGJS) und dem Kreisverbund Jena/Saale-Holzland-Kreis des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) ausgerichteten Abends etwa 250 weitere Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und sogar Sport am 24. Januar 2018 in die Jenaer Sparkassen-Arena.

Die exzellente Geschäftslage in der Wirtschaft sei nach den Worten von IGJS-Sprecher Frank Heuer natürlich ein Grund zum Feiern. Schnell kam er in seinen Begrüßungsworten von der durchaus besorgniserregenden instabilen Weltlage und dem Immer-Noch-Fehlen einer handlungsfähigen und handlungswilligen Bundesregierung auf den Standort Jena. Die Partnerschaft von Wirtschaft und Wissenschaft funktioniere, doch fehle es innerhalb der Ortsgrenzen der Stadt Jena inzwischen an dringend benötigten Erweiterungsräumen. Endlich müsse mit Visionen und vor allem endlich mit Blick und Handreichungen über Jenaer Berghänge hinaus eine Technologieregion Jena mit Saale-Holzland-Kreis und durchaus auch mit Weimar und Apolda gelebt werden. Schließlich gäbe es beispielsweise bei Infrastruktur und Straßenplanungen Zeiträume bis 2040, richtete er seinen eindringlichen Appell an alle aktuellen Entscheider in der Jenaer Stadtverwaltung sowie an die anwesenden Bewerber um den Mitte April 2018 zu wählende Posten des OB. Hierfür prägte er sein Idealbild eines „Visionärs mit Bodenhaftung“. Für die fairen Auseinandersetzungen mahnte Heuer die Besinnung auf typische Tugenden unserer Nation an, in denen „Fresse“ und anderer Slang nicht länger Wortwahl und Stil in der Öffentlichkeit und damit die Wahrnehmung von außen prägen dürften.

BVMW-Kreisgeschäftsführer Dietmar Winter brachte mit dem Fachkräftethema das mehr denn je brennende Thema und die Besorgnis der Unternehmer auf den Punkt. Das aufgehobene Kooperationsverbot sei zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung, hoffte er auf eine nun einheitlichere Bildungspolitik.

Von „Abi-Wahn“ bis Zuwanderungspolitik nahm sich auch Jens Spahn des Schicksalsthemas Unternehmensfortbestand an, sprach sich für eine höhere Wertschätzung der dualen Berufsausbildung und des Facharbeiterstandes aus. Zudem plädierte für die selbstbewusste Bewahrung sowie das Umsetzen und Einfordern unserer nationalen Umgangskultur, völlig unabhängig von Herkunft und Glauben. Selbst wenn gerade immer neue Rekorde eingefahren würden, dürfe nicht nur verteilt und genossen werden, sondern jetzt mit Ehrgeiz und Willen zur Dynamik der Zukunftserfolg fundamentiert werden. Der aktuelle Wohlstand dürfe durchaus gewürdigt, jedoch nicht ausschließlich in der Gegenwart verprasst werden. Dazu gehöre nach seiner Auffassung Investieren in Infrastruktur mit einer wieder gesunden Balance zwischen Umweltschutz und Investpolitik ebenso wie die Digitalisierung, die bei den informationstechnischen Voraussetzungen bereits in den Schulen beginne, also weit mehr sei, als nur Breitbandausbau und Glasfasernetze.

Beifall brandete bei allen seinen Kernaussagen auf, zeugte damit aber auch von Unzufriedenheit mit den derzeitigen Politikentscheidern aller Ebenen und Zweifel an deren Fähigkeiten zur Umsetzung des aktuell und strategisch Notwendigen.

Seine Zustimmung gab auch Matthias Wetzel den für ihn „überraschend offenen Ausführungen insbesondere zur Umgangskultur“ des Ehrengastes. Den zu begrüßenden wirtschaftlichen Aufschwung und die angekündigten Standorterweiterungen in Jena betrachteten er und seine Unternehmerkollegen allerdings auch mit einer gewissen Sorge um die eigenen Fachkräfte. Hier stehe die Gefahr der Abwerbung aus dem Mittelstand durch die „Großen“. Auch dürften Behörden ihre Verantwortung und ihre Arbeit nicht länger auf die Betriebe verlagern. Bürokratie, Fehlinformationen und falsche Urteile, wie jüngst im Fall des afghanischen Lehrlings könnten durch einheitliche Verantwortung und anstelle von häufigem unabgestimmtes Behördenaktionismus vermieden werden.

Mit Sicherheit werden die Zukunftssorgen der Wirtschaft nicht in lethargisches Verharren, sondern zum weiteren strategischen Gestalten führen, sodass auch der Neujahrsempfang 2019 wiederum zum Pflichttermin von (eigentlich) zufriedenen Wirtschaftsakteuren werden wird.

www.igjs.de
www.jena.bvmw.de

Text: Karsten Seifert, FAKT Kommunikation
Fotos: Jürgen Scheere