DFB-Präsident: Wir sind Spiegelbild der Gesellschaft

Deutschlands Fußballnationalmannschaft erlebte bei der WM in Russland einen historischen Tief-punkt - Aus in der Vorrunde. Im NRW-Wirtschaftssenat blickte DFB-Präsident Reinhard Grindel auf sportliche Aspekte und zog einen Bogen hinein in gesellschaf...

Wer in die Historie des deutschen Fußballs blickt, sieht den Wandel der Zeiten, gezeichnet in bunten Metaphern. So wie man das „Wunder von Bern“, den Titelgewinn 1954 emotional und psychologisch mit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre spiegelt, so stand der Titelgewinn 1974 Pate für ein ökonomisch starkes Land, das sich in einer Phase internationaler Konsolidierung befand. 1990 dann der Triumph des wiedervereinigten Deutschlands in Rom, 2014 der Sieg eines kosmopolitischen Deutschlands. Man sollte diese Küchenpsychologie dann aber doch nicht zu weit treiben. Im gegenwärtigen Zustand der Fußballnationalmannschaft dürften wir uns wohl auf eine tiefe Rezession gefasst machen. Also zurück zum Tagesgeschäft!

Das kennt zahlreiche Baustellen wie die sportliche Talfahrt der Nationalmannschaft, die nach wie vor kreisende Diskussion um den Rückzug Mesut Özils nach der „Fotoaffäre“ mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und den Evergreen des Fußballs, wenn es sportlich eng wird: Die Trainerfrage. Doch zunächst sah sich DFB-Präsident Reinhard Grindel in seinem Heimspiel im Dortmunder Fußballmuseum mit seiner politischen Vergangenheit konfrontiert. An diesem historischen Tag, dem angekündigten Rückzug von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom CDU-Parteivorsitz im Dezember, wollte Moderator Jörg Zajonc selbstverständlich genau wissen, wie der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Grindel die politische Großwetterlage einschätzt. Die Zukunft der Berliner Koalition scheint dabei ähnlich unklar wie die der Nationalmannschaft. Über beiden ziehen sich seit längerer Zeit dunkle Wolken zusammen – die drohenden Unwetter werden Veränderung bringen.

Das Wort des DFB-Präsidenten hat Gewicht. Über sieben Millionen Menschen sind hierzulande in den etwa 25.000 Fußballvereinen aktiv. Der Fußball, institutionalisiert in seinem Dachverband DFB, bringt mehr Menschen zusammen als jedes andere Event. Und so geht der Fußball als Breitensport in seinen unzähligen Vereinen in der Integration als interkultureller Brückenbauer voran. Über 70.000 Flüchtlinge habe man in den aktiven Spielbetrieb integriert, so Grindel, was mehr als beachtlich ist und was auch zeigt, dass der Sport mehr ist als bloßes Gekicke. Er ist eine Plattform zum Kennenlernen, zum besseren Verstehen und zum Erlernen wichtiger sozialer Kompetenzen wie Teamgeist und Verantwortung. Und dieses Miteinander lebe nicht zuletzt vom Ehrenamt, betonte der DFB-Präsident und warnte zugleich vor einer Erosion dieser unverzichtbaren Institution bürgerschaftlichen Engagements, die sich dem Zeitgeist der gesellschaftlichen Partikularisierung entgegenstemme.

Text und Bild: Thomas Kolbe