Infektion mit Utopismus

Ein Virus geht um in Deutschland und in weiten Teilen der vormals freien Welt. Politiker und Medienmacher haben zu großen Teilen das Vertrauen in die Kraft der Freiheit verloren. Eine Glosse von Thomas Kolbe.

Das Überkommene, es kehrt zurück im Panikgewand eines kaum hinterfragten Kollektivismus. Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer brachte es in seiner jüngsten Kolumne auf den Punkt: Die „relevanten Teile der Bundesregierung“ denken über das Verhältnis von Gesellschaft und Wirtschaft „wie ich es aus dem Gemeinschaftskunde-Unterricht der Oberstufe“ kenne, so Fleischhauer in seiner Kolumne „der Schwarze Kanal“ (Anm. d. Redaktion: Hier können Sie den Text lesen: https://bit.ly/2Kx3SGr). Fleischhauer benennt als einer der wenigen seiner Zunft in diesen Krisentagen ein intellektuelles Problem im politischen System, das nun unverhüllt vor uns steht: In Politikerkreisen hat sich ein kindlicher Manichäismus, ein Denken in „Wir (die Guten) und die da (die Bösen in der Wirtschaft) eingenistet. Die beinahe schon dem Gewohnheitsrecht folgende seicht-oberflächliche Politikerrhetorik in Wirtschaftsfragen soll suggerieren, es sei ein leichtes, die verschiedenen Ebenen und zu komplexer Form amalgamierten Teile der modernen Gesellschaft mit einem Zungenschlag zu separieren und einzeln einer Diagnose sowie Therapie zu unterziehen. Im moralisierenden Säuselton, mit Mietendeckeln, Mindestlöhnen, Grundsicherungen und Pflichtversicherungen vernebeln Neu-Sozialisten ihr kollektivistisches Ansinnen, das, blickt man auf das Schicksal sozialistischer Armutswirtschaft, doch mehr als altbacken daherkommt.

Handelt es sich bei diesen Imponderabilien möglicherweise um fehlende Sachkenntnis oder falsche Bettlektüre? Viele Bürger beschleicht ja nicht erst seit den schrägen Sozialisierungsträumen eines Kevin Kühnert der Verdacht, dass sich eine durchaus bedenkliche Zahl an ökonomischen Analphabeten in der Politik zusammengefunden hat und, nolens volens, ein unappetitliches Süppchen braut. Ihnen allen ist eines gemein: Der Traum von der kybernetischen Kontrollgesellschaft, einer technokratischen Umsetzung utopistischer Heilslehren, die gerade in unserer Zeit wieder Hochkonjunktur erleben.

Das Simple obsiegt, der sozialistische Marktschreier bannt die Menge und jongliert mit Rezepten aus den Giftküchen dunkelster Zeiten. Ein omnipotenter Staat soll es richten, er soll retten, was die bald schon leeren Kassen hergeben – ein Einstieg in den Ausstieg der Wirtschaftsblockade gilt in höchsten Politikerkreisen nachgerade als Anmaßung! Es ist keine Rede mehr von der Kraft der Freiheit, der Eigenverantwortung und der Kreativität von Menschen, die durch ihr autonomes Handeln grosso modo das Gute erst in Stand setzen. Stecken wir in einer medieninduzierten Hysteriefalle, ist uns die Kraft zur demokratischen Abwägung mit der temporären Suspension fundamentaler Bürgerrechte abhandengekommen? Wir werden es schon bald wissen.

Wir wären gut beraten, die Bedrohung unseres freiheitlichen Gesellschaftsentwurfs ernst zu nehmen, den Kollektivisten und Utopisten mutig und in klarer Sprache zu begegnen und im Anschluss an die Krise die Architektur der gesellschaftlichen Kräfte so zu justieren, dass der freie und eigenverantwortliche Bürger wieder zum Leitbild politischer Entscheidungen avanciert. Nur so bringen wir als Gesellschaft die Kraft auf, der wirtschaftlichen Depression zu entgehen, stabile öffentliche Daseinsvorsorge zu gewährleisten, zu der nicht zuletzt ein starkes Gesundheitssystem rechnet. Wer ernsthaft glaubt, ein adäquates Gesundheitssystem auch mit einer Bettelwirtschaft am Leben zu halten, sollte sich Gedanken darüber machen, dass das beste Immunsystem gegen Krankheiten, Epidemien und armutsinduzierten Läsionen seit jeher eine vitale und prosperierende Bürgergesellschaft war und diese notwendigerweise scheitern muss, zieht sich die Politik nicht bald aus dem Wirtschaftsgeschehen zurück und lässt die Menschen ihre autonomen Entscheidungen treffen. In diesem Sinne: Kampf dem ökonomischen Analphabetismus!