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Landesverband Hessen

Business in Brasilien

Nachrichten aus Rio de Janeiro

Von Gisela Puschmann, Rechtsanwältin

So kennt die Welt diese Stadt: Der Zuckerhut steht an der Bucht von Guanabara so, als sei er dort nur platziert worden, um die ein- und ausfahrenden Schiffe zu grüssen und als Aussichts- und Anziehungspunkt für die Besucher der Stadt zu dienen. Um ihn herum die Traumstrände Ipanema, Copacabana, Botafogo, Flamengo. Der botanische Garten, Floresta de Tijuca und nicht zu vergessen, das Maracana Stadion. Und über all diese Schönheit breitet die Christusfigur auf dem Corcovado schützend Ihre Arme aus.

Rio ist eine Naturschönheit, eine wunderbare Stadt oder wie die Cariocas sagen, ihre Cidade Maravilhosa. Rio trägt den Klang von Leichtigkeit, von Lebenslust und Exotik in seinem Namen. Als ich ankomme, wird an der Copacabana gerade die Tribüne abgebaut, die für die Abschlussmesse des Weltjugendtages als Freiluftaltar gedient hat.

Aufbruch in eine neue Zeit

Der Geist der Botschaft von Bescheidenheit und Demut hat sich an der Copacabana und in den feinen Vierteln der Stadt nicht lange gehalten; dieser Geist ist allenfalls Lokalkolorit um einen Papst, dessen Botschaften für die Reichen, Schönen und Mächtigen dieser Welt unerhört klingen müssen, zumal es bei den Botschaften nicht bleibt; dieser Papst ist so kühn und lebt sie auch noch. In den Häuserschluchten der Stadt hängt sie jedoch wie zäher Kleister, der Protestplakate an Hauswände klebt, deren Reste nicht einmal nach Jahren weichen wollen.

Doch die päpstlichen Botschaften werden gehört; vor allem von jungen Leuten und der Mittelschicht, deren kritische Auseinandersetzung mit ihrem Land, vor allem mit ihren Politikern schon vor dem Papstbesuch begonnen hatte.

So wundert es nicht, dass ich in Niteroi mitten in einen Protestzug der Lehrer stolpere, die für bessere Ausstattung ihrer Schulen und bessere Gehälter demonstrieren. Die Schulen sind geschlossen, die Lehrer in ihrem Protest auch. Die Grundforderung: Bildung ist kein Luxusgut, Bildung muss für jeden zugänglich und möglich sein; die Demonstration bleibt friedlich.

Einige Tage danach fallen mir Hundertschaften der PM (Policia Militar) auf der Avenida Rio Branco auf; besonders konzentriert rund um die Rua da Assembleia, in der es tags zuvor bei einer Demonstration zu Ausschreitungen gekommen war. Auslöser war ein Pfefferspray Angriff eines Polizisten auf friedliche Demonstranten und Passanten.

In der Presse werden die Demonstrationen überwiegend begrüßt; jedoch gibt es auch Artikel, in denen zu den Demonstrationen zum Teil die Meinung verbreitet wird, die Demonstrationen seien durch das Ausland geschürt. Alleine die Tatsache, dass die Brasilianer ein stolzes und selbstbewusstes Volk sind, sollte deutlich machen, dass sich diese Demonstranten nicht durch das Ausland manipulieren lassen.

Die Milliardenbeträge, die in die Fußballstadien im ganzen Land und den Olympia gerechten Umbau von Rio geflossen sind und noch fließen, die Erhöhung der Buspreise, die immens gestiegenen Lebensmittelpreise sind für die Brasilianer Anlass genug zu demonstrieren; es bedarf keiner Steuerung von außen.

Die Realität

Tatsächlich schnüren steigende Preise zB für Grundnahrungsmittel dem Durchschnittsbrasilianer die Luft ab. 200 Gramm Butter für knapp 2 Euro, der Liter Milch ebenso. Selbst einheimisches Obst hat exorbitante Preise. Der Mindestlohn liegt derzeit bei ca. 700 Real also etwa 230 Euro; eine Fahrt mit der U Bahn kostet im Schnitt 4 Real, der Transfer von und nach Niteroi 9 Real.  Der Mindestlohn reicht demzufolge nicht einmal, um alleine über die Runden zu kommen, geschweige denn mit einer Familie.

Angesichts der schwieriger werdenden Lebensumstände des Durchschnittsbrasilianers, der gigantischen Milliardenbaumaßnahmen, von denen selbst der Fußball begeisterte Brasilianer nicht weiß, wie all die Stadien anschließend genutzt werden könnten, des überbordenden Lebensstils mancher Politiker, der Korruption im Lande, wird auch dem friedliebenden Brasilianer deutlich, dass jeder aufgerufen ist, an dieser Gesellschaft zum Wohle aller mitzuarbeiten.

Wo Bildung und Gesundheit zum Luxusgut werden, dass nur den Privilegierten vorbehalten ist, kann der Normalbürger nicht still zu Hause bleiben und seinem eigenen Untergang mit Samba entgegen treten.

Es gibt also ausreichend Gründe, um zu demonstrieren. Die Brasilianer nutzen lediglich –in kluger Einschätzung der ihnen zuteilwerdenden internationalen Aufmerksamkeit- die Gunst der Stunde, um ihrem Protest mehr Nachdruck zu verleihen.

Die Demonstranten gehen grundsätzlich nicht gegen die Schicht der Privilegierten vor, sind nicht von Neid oder Missgunst bestimmt sondern treten vielmehr für die Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse, für Chancengleichheit, jedoch auch gegen die überbordende Korruption und die Selbstbedienung der Politiker ein.

Ergebnis der jahrzehntelangen feudalistischen Selbstbedienungsstrukturen sind mangelnde Bildung breiter Bevölkerungsschichten, mangelhafte Gesundheitsfürsorge und damit manifeste Armenviertel, die man heute nicht mehr Favelas sondern vornehm Comunidades nennt, als würde dies am Elend der Bewohner irgendetwas ändern.

Wir rumpelten über eine holperige Strasse, gesäumt von staubigen und mit Müll und Unrat verunstalteten Straßenrändern, umgeben von einer Blechlawine, die sich mit uns in Richtung Feira de Sao Cristovao bewegte, wir fuhren durch Rio, ein anderes Rio, fern von den Touristenzentren. Unser Ziel war die Favela Tuiuti, in der Nähe. Dorthin hat sich garantiert noch kein Favela Tourismus verirrt; dorthin verirrt man sich nicht.

Nur eine kleine Station des "Instituto Nova Chance" hat dort einen Standort begründet, mit Platz für Klassenzimmer, bescheidener Bibliothek, Physiotherapie Raum, kleiner Krankenstation und Möglichkeit u.a. Fussball und Tanz, also Sport zu betreiben und einigen engagierten Bürgern, die sich ehrenamtlich in diesen Bereichen für die Kinder und Jugendlichen, aber auch insgesamt die Bewohner der Favela einsetzen. Ein kleines Zentrum für Zahnheilkunde soll noch installiert werden.

Beim Gang durch die Favela kann man die Armut, Hoffnungslosigkeit, bis hin zur Lethargie, die Tristesse nicht übersehen.  Sie dringt aus jedem Winkel, aus jeder Ecke, sie hockt in den verrußten Behausungen und weht mit der Wäsche, die hier und da an primitiven Vorrichtungen aufgehängt ist durch das ganze Viertel. Eine Zugangstreppe zu einer Wohnung ist so schmal, dass man diese nur an der Hauswand entlang sich nach oben hangelnd überwinden kann. Die Frau des Hauses zeigt uns die Unterkunft; dunkel, verrußt, und nicht in jede Ecke will man wirklich schauen. Brasilianische Lebensfreude stellt man sich anders vor.

Einzig im Instituto Nova Chance sieht man Gesichter von Kindern, in denen so etwas wie Freude zu sehen ist, wenn auch sehr verhalten. Aus welchen Elternhäusern sie auch immer kommen, dort spiegelt sich die Freude und Fröhlichkeit, die Sonne Brasiliens unter dem Zuckerhut jedenfalls ganz sicher nicht.

Freude und ein wenig Hoffnung bietet Instituto Nova Chance, in dessen Räumen sie für wenige Stunden ihren tristen Alltag vergessen können, bei Tanz, Judo, Fussball, wo sie medizinische Hilfe erhalten, betreut werden oder im Dialog mit einem Lehrer treten können. All dies sind aktive Hilfen, um den Teufelskreis der lähmenden Armut aber auch der Kriminalität zu durchbrechen und bietet einen Ausweg aus dieser Misere.

Lehrer und Betreuer, Ärzte und Physiotherapeuten sind ehrenamtlich im Einsatz. Sie sind Vorbild, wie eine Gesellschaft durch tätige Mithilfe, Anleitung zur Selbsthilfe funktionieren kann. Ob die Politik noch als Vorbild dient, ist zu bezweifeln, denn schöne Reden hilft denjenigen, die in den Favelas leben jedenfalls nicht.

Neue Demokratie und alte Strukturen

Gar zu sehr hat sich die Selbstbedienungsmentalität der Politiker verselbständigt. Nun wächst eine Schicht heran, die hinterfragt, die kritisch ist, sich nicht mit leeren Polit Phrasen zufrieden gibt. Die ihr Land, ihre Städte und die Politiker genau ansehen und nicht übersehen, dass die vielen Sonntagsreden, die Politiker halten nichts weiter sind, als inhaltloses Geschwätz, das nur der Sedierung der Bevölkerung dienen soll.

Wirkliche Politik fängt beim Bürger an, deshalb sollte, insbesondere in den Großstädten, so auch Rio, jeder Politiker verpflichtet sein, mindestens 1x pro Monat zum Beispiel an der Sauberkeit der Stadt mitzuwirken durch eigene tätige Mithilfe, also mit gutem Beispiel vorangehen. Stattdessen begnügt sich die Politik damit, öffentliche Gebäude mit riesigen Plakaten zu verunstalten, die Bürger auffordern, ihre Stadt sauber zu halten.

Bürger, wie diejenigen, die im Instituto Nova Chance ehrenamtlich tätig sind, sind Vorbilder, wie eine Gesellschaft zum Wohle aller funktionieren kann; hieran sollten sich insbesondere die Politiker orientieren, die nichts weiter sind, als auf Zeit gewählte Vertreter des Volkes. 

Man muss kein Prophet sein, um für Brasilien stürmische Zeiten der realen Demokratisierung und gesellschaftlichen Veränderungen vorauszusagen, zumal im Dunstkreis der anstehenden Großereignisse das Land große internationale Aufmerksamkeit erfährt, damit die ideale Bühne für Veränderungen gegeben sein wird.

Brasilien ist ein mutiges Land, was sich nicht zuletzt auch kürzlich in der Person der Präsidentin äußerte, als sie den Machenschaften der NSA offen gegenüber dem amerikanischen Präsidenten gegenübertrat.

Brasilien besitzt Innovationskraft und die Energie, positive Veränderungen der noch immer bestehenden feudalistischen Gesellschaftsstrukturen zu erreichen, mit der nötigen Besonnenheit und auf der Basis der zutiefst friedlichen Gesinnung der brasilianischen Bevölkerung; dann wird Demokratie gelingen und jedem Bürger Brasiliens die Chance gegeben, einen eigenen, mit dem Wohl des gesamten Volkes verknüpften Lebensweg zu finden.

Hessen

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