Ort des Diskurses

Erinnern, lernen, austauschen – das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin wurde im Juni eröffnet. Im Fokus steht das Thema Flucht, Vertreibung und Migration vor allem im 20. Jahrhundert in Europa und darüber hinaus.

Foto: © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Markus Gröteke
Foto: © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Markus Gröteke

Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung – der Name ist Programm. Der neue Lern- und Erinnerungsort hat seinen Sitz im Deutschlandhaus in Berlins Mitte. Wer das denkmalgeschützte, aufwendig sanierte Gebäude betritt, sollte zuvor im Wortsinn einen Blick zurückwerfen. Gegenüber ragt ein Fragment der Eingangshalle des Anhalter Bahnhofs in den Himmel. Von dort traten während der NS-Herrschaft Emigranten ihren Weg in das unfreiwillige Exil an, von dort erfolgte die Deportation von nahezu 10.000 Berliner Juden in das KZ Theresienstadt. Nur einen Steinwurf vom Anhalter Bahnhof entfernt zeugt ein Hochbunker vom Schrecken des Bombenkriegs. An seiner Außenwand mahnt weithin sichtbar ein Graffito „Wer Bunker baut wirft Bomben“. Das bundeseigene Deutschlandhaus wurde von Konrad Adenauer mit der „nationalen Pflege der ostdeutschen Kultur“ betraut. Nach dem Mauerbau 1961 diente das Gebäude als Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Ost-Berlin und der DDR. Hier hatten die Landsmannschaften des Bundes der Vertriebenen ihre Büros, bis 1999 die finanzielle Förderung durch die Bundesregierung versiegte. Die Entstehungsgeschichte von Stiftung und Dokumentationszentrum ist reich an internen Konflikten und öffentlich ausgetragenen Debatten über Aufgaben und Ausrichtung. Von Anfang an mussten sich die Protagonisten des Verdachts erwehren, das Projekt trage zur Relativierung der Nazi-Verbrechen bei, indem es Ursache und Wirkung verkehre.

Vergangenheit und Gegenwart

Ein haltloser Vorwurf. Die im Sommer dieses Jahres eröffnete Dauerausstellung zeigt eindrücklich, dass die Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Deutschen aus den früheren Ostgebieten und Osteuropa Ergebnis eines mörderischen Krieges ist, der von Deutschland ausging. Den Besucher erwartet harte Kost. Neben der nüchtern-historischen Information über die Ursachen von Vertreibung, Flucht und Migration sind es gerade die persönlichen Erinnerungsstücke, die den Betrachter berühren: Tagebuchaufzeichnungen, verblichene Familienfotos, eine Puppe, die wenigen Habseligkeiten, die Flüchtlinge auf den Treck mitnehmen konnten. Säuberlich beschriftete Koffer von Sudentendeutschen schließlich, die nach Kriegsende ihre Heimat verlassen mussten.

Zur Eröffnung schrieb der frühere Bundestagspräsident und gebürtige Breslauer Wolfgang Thierse in der WELT, er hoffe, dass das Dokumentationszentrum „zu einem Gesprächsort wird zwischen den Generationen und Nationen“. Damit werde das Ziel des Projekts erreicht – „das Unrecht von Vertreibungen
für immer zu ächten“. Hier schließt sich der Kreis vom 20. Jahrhundert als dem des Völkermords und der Vertreibung bis zu den Flüchtlingsströmen der Gegenwart.

 

Eberhard Vogt
BVMW Pressesprecher, Chefredakteur DER Mittelstand.
eberhard.vogt@bvmw.de

Gut zu wissen

Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Stresemannstraße 90, 10963 Berlin
am S-Bhf. Anhalter Bahnhof

Öffnungszeiten Di – So 10 – 19 Uhr

www.flucht-vertreibung-versoehnung.de