Brexit - Chaos für alle und überraschende Perspektiven

Das Abkommen zwischen der EU und Großbritannien gelangte vergangenes Jahr als Last-Minute-Geschenk auf den weihnachtlichen Gabentisch. Zehn Monate später sind beide auf dem Kopfsteinpflaster der Anpassung unterwegs und verhandeln härter denn je.

Die Einigung war zwar da, brachte aber leider nicht nur Erleichterung, sondern auch die ersten Probleme. Britischen Unternehmen blieb nur eine Woche Zeit, sich auf die neue Zollgrenze vorzubereiten. Das Bewusstsein, dass UK zum Drittland geworden ist, stellt sich nur sehr langsam ein.

Zollgrenze trotz Abkommen

Erst nach dem Austrittsdatum realisierten viele, dass das Abkommen eben kein Freihandels-, sondern ein Handels- und Kooperationsabkommen ist, das wegen der finalen Eile noch intensive Nachverhandlungen erfordert.
Dass unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen über das Abkommen ab 1. Januar 2021 Zollformalitäten notwendig sein würden, war für zahlreiche Firmen eine Überraschung. Selbst bei gut vorbereiteten Unternehmen mussten sich die neuen Prozesse erst einspielen.
Die Ursprungsregeln (Rules of Origin) sind der neue Standard, um in den Genuss der Zollfreiheit zu kommen. Kein einfaches Unterfangen für Unternehmen, die bisher durch den Binnenmarkt keine Erfahrung mit Export-Regeln haben.
Da in UK seit Januar 2021 das CE-Kennzeichen nicht mehr gilt, müssen sich die Unternehmen in EU und UK mit den Regelungen und Übergangsfristen für das UKCA- und die UK-REACH Zertifizierung auskennen (siehe Kasten Gut zu wissen).
Das neue Einwanderungsgesetz mit Regeln für Visa und Aufenthaltsgenehmigungen hat die Rahmenbedingungen für die Entsendung von Service- oder Montagepersonal deutlich verschärft.
Für viele Unternehmen in UK ist eine Gründung im EU-Raum eine Alternative, wieder Zugang zum gemeinsamen Markt zu erhalten. Dies gilt besonders im Hinblick auf Distribution, Markenrechte, Zertifizierung und Mitarbeiterentsendung.
Einen Sonderfall stellen in UK registrierte Limiteds mit Niederlassung in Deutschland dar, da diese durch den Fortfall der Niederlassungsfreiheit Probleme mit der Haftungsbeschränkung und Vertretung vor Gericht haben. Auch hier besteht Handlungsbedarf.
Besonders kritisch ist die Umsetzung des Nordirland-Protokolls. Die UK-Regierung weigert sich beharrlich, den EU-Gerichtshof als Instanz für Handelsstreitigkeiten anzuerkennen. Neue Verhandlungen begannen im Oktober. Der Ausgang mit Einfluss auf das gesamte Handelsabkommen ist ungewiss.

„Neue Verhandlungen begannen im Oktober. Der Ausgang mit Einfluss auf das gesamte Handelsabkommen ist ungewiss.”


Die EU ist mit der Realität konfrontiert, dass UK bestrebt ist, unabhängig vom Ausgang der Gespräche die neu gewonnene Autonomie für den Ausbau der Position im internationalen Standort-Wettbewerb zu nutzen.
Es lohnt sich, einige Brennpunkte im UK-Markt zu betrachten, da sich überraschende Perspektiven auftun.

Medizintechnik

Der britische Medizintechnikmarkt (zwölf Milliarden Euro) ist nicht nur der drittgrößte Absatzmarkt Europas, sondern auch der sechstgrößte der Welt und für deutsche Anbieter wegen seiner Marktgröße interessant. Hohe Investitionen (vier Milliarden) in neue Krankenhäuser, Warteschlangen für Termine und Engpässe im öffentlichen System treiben den britischen Gesundheitsmarkt an. Die Nachfrage nach digitalen Lösungen im öffentlichen Gesundheitssystem wächst, und private Gesundheitsdienstleister gewinnen im Bereich Consumer-Health an Bedeutung.

Bauwirtschaft

Die Wachstumsprognosen sind äußerst positiv. Laut der Construction Products Association (CPA) soll die Bauwertschöpfung 2021 um 12,9 Prozent und 2022 um 5,2 Prozent (205 Milliarden) ansteigen. Allein das Schienenprojekt HS2 zählt mit geschätzten Projektkosten von über 116 Milliarden Euro zu Europas größten Infrastrukturprojekten und gilt als wesentlicher Auftraggeber für die Bauwirtschaft.

Automobilwirtschaft

Die Fahrzeughersteller sind mit Regierungsplänen konfrontiert, ein Verkaufsverbot für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren ab 2030 einzuführen. Alternativ steht das Elektromobilitätsprogramm der Regierung (2018 Road to Zero Strategy), für das vor Kurzem das Zieljahr um zehn Jahre auf 2030 vorgezogen wurde.

Finanzmarkt und IT-Sektor

Finanzmarkt und IT-Sektor werden in UK zukünftig mit einer andere Ausrichtung weiterentwickelt. Die Entwicklung digitaler Lösungen wird sich eher an der Anwendung orientieren, als die DSGVO-Vorgaben strikt in den Mittelpunkt zu stellen. Im Finanzbereich ist eine Äquivalenz mit der EU nicht geplant.

Der grüne Zehn-Punkte-Plan der Regierung

Der Zehn-Punkte-Plan wird staatliche Investitionen in Höhe von 12 Milliarden Pfund und potenziell die dreifache Summe aus dem Privatsektor mobilisieren, um bis zu 250.000 grüne Arbeitsplätze zu schaffen (im Kontext mit der UN Umweltkonferenz COP26 in Glasgow):

  1. Förderung der Offshore-Windenergie
  2. Förderung des Wachstums von kohlenstoffarmem Wasserstoff
  3. Entwicklung neuer und moderner Kernenergie
  4. Beschleunigung der Umstellung auf emissionsfreie Fahrzeuge
  5. umweltfreundliche öffentliche Verkehrsmittel, Radfahren und Fußwege
  6. „Jet Zero" und umweltfreundliche Schiffe
  7. umweltfreundlichere Gebäude
  8. Investitionen in Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung
  9. Schutz unserer natürlichen Umwelt
  10. umweltfreundliche Finanzierung und Innovation

 

Gut zu wissen

 

  • Die CE-Kennzeichnung zeigt die Einhaltung von Anforderungen zur Gewährleistung von Gesundheitsschutz, Sicherheit und Umweltschutz an, dabei handelt es sich um Mindestanforderungen an die Sicherheit, unsichere Produkte dürfen nicht in Verkehr gebracht werden
  • Eine der veränderten Vorgaben nach dem Austritt aus der EU stellt die Einführung des United Kingdom Conformity Assessed (UKCA) dar. Produkte, die nach Großbritannien (England, Wales und Schottland) ausgeführt werden, müssen ab dem 1. Januar 2023 UKCA-Zertifiziert sein. Bis dahin gilt eine Übergangsfrist innerhalb derer bis zum 31.12.2022 Produkte mit einer gültigen CEKennzeichnung in Großbritannien in Verkehr gebracht werden dürfen. Final sollen Produkte ab 01. Januar 2024 ein UKCA-Label tragen. Die genannten Fristen gelten Stand September 2021. Eine Ausnahme hiervon stellt Nordirland für Produkte dar, die in UK hergestellt wurden
  • Hersteller und Importeure müssen europaweit im Rahmen der Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals (kurz REACH)-Verordnung sowie der britischen UK-REACH Verordnung zahlreichen Pflichten nachkommen

 

Der Zehn-Punkte-Plan ist abrufbar unter: https://bvmw.info/The_Ten_Point_Plan

Ralf Lange
Executive Director motionfinity
BVMW-Mitglied

www.motionfinity.com