Nachgefragt: Winfried Kretschmann

Sie wollten schon immer mal Politiker und Politikerinnen besser kennenlernen? Wir stellen Ihnen in dieser Reihe jeweils eine politische Persönlichkeit vor, die einige Fragen zu ihrer Person und ihrer politischen Karriere beantwortet.

baden-württembergischer Ministerpräsident Winfried Kretschmann
Foto: © Staatsministerium Baden-Württemberg

Dieses Mal den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Haben Sie Vorbilder?

Hannah Arendt hat mich vom Linksradikalismus befreit. Als Student war ich eine Zeit lang der maoistischen Sekte verfallen. Arendt hat mich dann viel über das Wesen des Totalitarismus gelehrt und ist bis heute mein politischer Kompass.

Gibt es ein Buch, das Sie besonders beeindruckt hat?

Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist mit weitem Abstand mein Lieblingsbuch. Es ist ja ein Werk aus Umbruchzeiten, aus dem Kontext des Prager Frühlings. Die Abkehr von linksradikalen Verirrungen spielt eine entscheidende Rolle

Haben Sie einen Lieblingsfilm?

Im vergangenen Herbst, mitten im Stress der zweiten Corona-Welle, habe ich mit meiner Frau abends gerne James-Bond-Filme geschaut. Bei Filmen, die ich schon kenne, kann ich sehr gut entspannen.

Ohne welche App könnten Sie nicht leben?

Sicherlich die App für Kurznachrichten und die Mail-App. Aber da ich beruflich ja ständig online sein muss, bin ich immer heilfroh, wenn ich mich nicht auch noch in meiner Freizeit ständig mit dem Smartphone beschäftigen muss.

Was ist Ihr Lieblingsort?

Als passionierter Wanderer entdecke ich meine Heimat gerne auf Schusters Rappen. Es lohnt sich etwa ein Ausflug ins obere Donautal, das Tor zum Donaudurchbruch. Die Traufgänge bieten in dieser Gegend die schönsten Touren. Buchenwälder und Wacholderheiden wechseln sich ab, die Ausblicke sind einfach fantastisch.

Was essen Sie am liebsten?

Das schwäbische Nationalgericht: Käsespätzle, am liebsten von meiner Frau handgeschabt. Und dazu ein frischer Endiviensalat.

Musterschüler oder Wildfang?

Ein Musterschüler war ich nie. Nach einer sehr engen Zeit im katholischen Internat bin ich aufs Gymnasium gewechselt. Da habe ich dann versucht, vieles nachzuholen und mich häufiger im Wirtshaus als über meinen Büchern wiedergefunden. Und in der elften Klasse musste ich dann sogar eine Ehrenrunde drehen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Während der Gartenarbeit kann ich gut abschalten. Mein Garten ist für mich so etwas wie ein „Hortus conclusus“ – also ein Ort, an dem ich mich zurückziehen und auch mal Abstand vom schnelllebigen Alltag als Ministerpräsident nehmen kann.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen oder Niederlagen um?

Da hilft mir mein Glaube. Als Politiker muss man ja immer damit rechnen zu versagen. Aber in solchen Momenten bin ich als Mensch vor Gott oder meinen Lieben ja noch längst nicht gescheitert. Außerdem weiß ich als Christ auch: Zwischen „Hosianna“ und „Kreuzige ihn“ können nur drei Tage liegen.

Wie stark sind Sie mit Ihrem Heimatort Egesheim verbunden?

Meine Heimat, die Gegend rund um Spaichingen, bedeutet mir sehr viel. Sie ist Ort und Gefühl zugleich, ein wichtiger Bezugspunkt für mein Leben. Der Platz, wo ich bei meiner Familie sein und schwäbisch schwätzen kann – oder wie Karl Jaspers es einmal ausgedrückt hat: Wo ich verstehe und verstanden werde.

Visitenkarte

Winfried Kretschmann (Jg. 1948) studierte Biologie und Chemie für das Lehramt an Gymnasien. 1979 gründete er mit anderen die Grünen in Baden-Württemberg. Der hessische Umweltminister Joschka Fischer holte ihn 1986 als Grundsatzreferent ins erste grüne Umweltministerium. Nach zwei Jahren kehrte Kretschmann 1988 in den baden-württembergischen Landtag zurück und wurde zum Fraktionsvorsitzenden der Partei gewählt. Im Mai 2021 wurde er zum dritten Mal im Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg bestätigt. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.