Der Wettlauf um globale Standards

Der politische Diskurs zur zukünftigen China-Politik verharrt überwiegend in den traditionellen Themen von Wertekonflikten und machtpolitischem Wettbewerb. Doch wer wird in Zukunft die Standards für Zukunftstechnologien setzen?

Viele Aspekte der derzeitigen Chinadiskussion werden weder der Bedeutung dieses Marktes noch der riesigen Herausforderung im politischen und wirtschaftlichen Umgang mit diesem Land gerecht. Noch ist China für viele deutsche Unternehmen einer der wichtigsten Märkte auf der Welt. Die unbequeme Wahrheit aber lautet: Schon in den nächsten fünf Jahren werden chinesische Unternehmen zu den leistungsfähigsten und damit gefährlichsten Wettbewerbern nicht nur auf dem chinesischen Markt, sondern auch auf unseren eigenen Märkten und erst recht auf Drittmärkten werden. Das gilt für große Konzerne genauso wie für den Mittelstand. Und die Normierung technischer Standards dürfte zu einem zentralen Wettbewerbsinstrument in Regulierung, Zertifizierung und öffentlichem Beschaffungswesen werden.

Dominanz des Westen wird infrage gestellt

Die Gefahr, von immer effizienteren chinesischen Wettbewerbern übertrumpft zu werden, ist real und wie so manches an der Entwicklung Chinas lange übersehen und falsch eingeschätzt worden: Bei der Auseinandersetzung mit dem Aufstieg Chinas mag es auch um Werte, Interessen und Einflusszonen gehen, vor allem aber geht es sehr viel weniger spektakulär, aber zukunftsentscheidend um die Macht, die technologischen Standards der Zukunft zu bestimmen. China hat sich zunächst fast unbemerkt und buchstäblich auf leisen Sohlen die Fähigkeit erarbeitet, etwa bei 5G, aber auch bei Elektromobilität, autonomem Fahren und nicht zuletzt mit seiner Gesichtserkennungs- und Überwachungssoftware die gewohnte Dominanz des Westens in solchen Fähigkeiten infrage gestellt. Während sich China-Kritik im Westen auf eine letztlich fruchtlose Menschenrechtsdebatte kapriziert, stellen Unternehmen zunehmend fest, wie eine erfolgreiche Wertepolitik tatsächlich aussieht: Die Nation, die ihre technologischen Standards durchsetze, setze damit auch ihre Wertvorstellungen durch, schrieb unlängst völlig zu Recht das „Handelsblatt".

„Unternehmen allein können in diesem Wettbewerb gegen einen handlungswilligen Staat wie China nicht bestehen.”


Ein besonders markantes Beispiel findet sich derzeit in der Debatte um die strategische Ausgestaltung von Elektromobilität. Während man in Deutschland fast ausschließlich über Ladesäuleninfrastruktur diskutiert, entwickelt ein Unternehmen wie NIO in China eine andere und offensichtlich außerordentlich wettbewerbsfähige Technologie, indem es SWAP-Stations-Batterien, statt sie zeitaufwändig aufzuladen, innerhalb weniger Minuten automatisiert austauscht. In China arbeiten bereits über 500 dieser Stationen erfolgreich, in Norwegen wird gerade die erste in Europa gebaut, und im nächsten Jahr will das Unternehmen mit dieser Technologie auch auf den deutschen Markt.

Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) glaubt, dass die Chinesen die globale Entwicklung vorgeben könnten. „Wenn einer einen Technologiewechsel durchsetzen kann, dann ist es China“, sagt er. „China ist Königsmacher durch seinen riesigen Binnenmarkt. China definiert den Standard.“ Und Amelie Richter, Mitglied der Redaktion von China Table, sekundiert: „Wer Standards setzt, gibt die Richtung vor.“ Damit drohen deutsche Unternehmen in die Sandwichfalle aus Standardisierungswettbewerb und Entkopplungszwängen zu geraten.

Es geht um die Durchsetzung von Normen und Standards

Das Problem liegt weniger an China – die chinesische Regierung tut das, was sie legitimer Weise als ihre Interessen definiert. Die USA und andere einflussreiche Nationen, uns selbst in Europa inbegriffen, haben das auch getan, solange wir es konnten. Und bislang fehlt es im transatlantischen Verhältnis an dem Willen, in diesem Wettbewerb die notwendige Koordinierungsbereitschaft an den Tag zu legen.

Der machtpolitische Wettbewerb findet also nur oberflächlich auf der Ebene einer Wertedebatte statt. Der eigentliche Wettbewerb dreht sich um die Durchsetzung von Normen und Standards insbesondere im Bereich der sich rasant entwickelnden digitalen Technologien. Hier ist dringend politisches Handeln gefragt. Unternehmen allein können in diesem Wettbewerb gegen einen handlungswilligen Staat wie China nicht bestehen. Es wird höchste Zeit für eine politisch unterstützte Kooperation zwischen Unternehmen, Regulierungsbehörden und politischen Entscheidern in Parlamenten und Administration, um die schwindende Chance einer erfolgreichen Gegenwehr zu wahren. Gerade der Mittelstand braucht eine Initiative, die ihn davor schützt, Schritt für Schritt gegenüber chinesischen Mitbewerbern ins Hintertreffen zu geraten.

 

Gut zu wissen

 

  • Chinas technologische Ambitionen sind kein Geheimnis. Sie werden in den Programmen „Made in China 2025“ und „China Standards 2035“ klar formuliert
  • Bei einem jährlichen Zuwachs der Normierungsanträge von durchschnittlich 20 Prozent reichte China im Jahr 2019 830 technische Dokumente bei ISO und IEC ein (mehr als Südkorea, Japan und die USA zusammen)
  • Das Dokument „Batteriewechselstationen für Elektroautos – China setzt einen neuen Standard“ ist abrufbar unter: bvmw.info/China_Batterienwechselstationen

Prof. Dr. Eberhard Sandschneider
BVMW Senior Foreign Policy Advisor China
eberhard.sandschneider@bvmw.de

 


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