Qualität kann man lernen: ISO 9001

Das Qualitätsmanagementsystem ISO 9001 kann auch kleinen Unternehmen zu einem Qualitätssprung verhelfen.

qualität kann man lernen iso 9001

Der deutsche Mittelstand ist weltweit bekannt für die hohe Qualität seiner Produkte – schließlich entscheidet die Produktqualität über die Markt- und Konkurrenzfähigkeit von KMU. Warum also sollten Unternehmerinnen und Unternehmer Zeit, Personal und Geld in ein Zertifikat investieren, das erst einmal das Endprodukt nicht entscheidend verbessert? Nun, ISO 9001 (genauer: DIN EN ISO 9001:2015) ist ein Qualitätsmanagement System (QMSystem), das auf Produktionsprozesse und -abläufe abzielt, nicht so sehr auf das Produkt. Denn die Norm ist produktunabhängig, branchen- und länderübergreifend, eine Art Passepartout des Qualitätsmanagements.

Eine Norm für alles?

Wolfgang Wielpütz, Geschäftsführer beim BVMW-Mitglied TÜV NORD CERT, zertifiziert zahlreiche Unternehmen gemäß ISO 9001 und weiß, dass die Norm keine bürokratische Schikane, sondern innerhalb moderner, globalisierter Märkte schlicht eine vertrauensbildende Maßnahme ist: „Unternehmen müssen heute reproduzierbare Qualität herstellen. Die ISO Norm macht daher gar keine Detailvorgaben für das Endprodukt, sondern stellt eine abstrakte Systematik
zu Verfügung. Diese Systematik ist in allen Managementsystemen die so genannte High-Level-Stucture. Ein Beispiel dafür ist der PDCA-Zyklus.“ Ein Terminus, der schlicht besagt: Plan, Do, Control, Act – Planen, Durchführen, Kontrollieren, Korrigieren. In ständiger Abarbeitung dieses Zyklus´ soll kontinuierlich eine Prozessoptimierung erreicht werden, die die gleichbleibende Qualität des Endprodukts garantiert. Das Qualitätsmanagement nach ISO 9001 stellt die qualitätsrelevanten Prozesse des Unternehmens in den Mittelpunkt. Die Norm verlangt, dass Wechselwirkungen dieser Prozesse dargestellt
werden.

Verlässlichkeit durch Normengleichheit

In einer zunehmend globalisierten Wirtschaft kann gerade für Mittelständler, die auf Vorprodukte angewiesen sind und zugleich anderen Unternehmen zuliefern, ISO 9001 eine vertrauensbildende Maßnahme sein, betont Wielpütz: „Ich weiß dann, dass mein Lieferant seine Prozesse nach den gleichen Merkmalen strukturiert hat: Qualitätskennzahlen, regelmäßige Reviews und Bewertung der Prozesse nach gesicherten Standards. Daher kann ich mich auch auf eine strukturierte Beschwerdestruktur verlassen. ISO 9001 sorgt für vertragsrechtlich gesicherte Verhältnisse.“ Wichtig für Unternehmen, die eine Zertifizierung anstreben: Organisationen wie etwa der TÜV Nord prüfen und stellen Zertifikate aus, bieten jedoch keine Beratung. „Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass wir keine Hilfestellung geben. Die Hauptarbeit liegt in der internen Vorbereitung des Betriebes. Und das bedeutet: die Norm umzusetzen und hinreichend zu dokumentieren. Sechs Monate Zeitaufwand sind dafür realistisch. Der TÜV selber arbeitet dann recht zügig: In einem ersten ‚Stufe 1 Audit' reden wir mit der Geschäftsführung und klären, ob das Unternehmen zertifizierungsfähig ist. In Stufe 2 Audit wird erstmal nach Papierlage geklärt, ob das Unternehmen die Normenumsetzungen durchgeführt hat. Vor Ort prüfen wir dann, ob die Herstellungsprozesse auch der Dokumentation entsprechen.“ Das Zertifikat ist drei Jahre gültig, doch der TÜV nimmt einmal jährlich ein kurzes Audit vor, um zu prüfen, ob das QM-System noch existiert und der Dokumentation gemäß durchgeführt wird. Zur Einarbeitung in den Anforderungskatalog von ISO 9001 bietet der TÜV Schulungen an. Auch andere Dienstleister organisieren Beratungen und Schulungen, zahlreiche Veröffentlichungen informieren detailliert über den Aufbau einer Dokumentation, die dann vor dem TÜV bestehen kann. Manche Unternehmen schicken einen Mitarbeiter auf einen Lehrgang und leisten sich dann einen eigenen Qualitätsmanagementbeauftragten.

Viel Aufwand, viel Wirkung

Ein ISO Zertifikat kostet. Und vermutlich wird kein Konsument sich für ein Produkt entscheiden, weil der Hersteller zertifiziert ist. Und doch ist Wielpütz überzeugt, dass sich ISO 9001 auszahlt: „Da können durchaus Wettbewerbsvorteile entstehen. Bei staatlichen Ausschreibungen etwa galt lange: Der beste Preis gewinnt. Aber mehr und mehr kommen Qualitätskriterien ins Spiel. Auftraggeber schauen mittlerweile hin, ob ein Anbieter zertifiziert ist und sich jedes Jahr einer externen, unabhängigen Prüfung stellt.“ Der TÜV NORD-Geschäftsführer ist auch sicher, dass gegenüber dem Endkunden Unternehmen mit ISO werben können. „Dass ISO im B2C Bereich kaum eine Rolle spielt, ist nicht das Problem der Norm. Es muss nur besser beworben werden.“ Die Norm adressiert auch ein anderes virulentes Problem des Mittelstands: den Fachkräftemangel. Sie stellt konkrete Anforderungen auch an das Human Resource Management, nicht nur an Produktionsprozesse. Wie wird Know-how im Unternehmen geteilt und erhalten, wie funktioniert das interne Wissensmanagement, wie wird die Nachfolgeplanung geregelt? Diese Maßnahmen normgerecht zu strukturieren, erleichtert die Fachkräfteakquise und den Ersatz von abgegangenen Fachkräften.

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

Gut zu wissen

■ In Deutschland waren 2020 64.658 Unternehmen nach dem Standard ISO 9001 zertifiziert
■ Die ISO 9001 Zertifizierung ist nicht verpflichtend, doch viele Branchen fordern den Nachweis von ihren Zulieferern, etwa die Auto- oder Pharmaindustrie
■ Unternehmen dürfen das Zertifikatssiegel werbewirksam einsetzen
■ Die Dauer einer Zertifizierung beträgt drei bis sechs Monate, abhängig von Branche und Unternehmensgröße