Wie das Niveau der Ausbildung erhöht wird

Um erstklassige Ausbildung zu ermöglichen, sollten auch mal eingefahrene Wege verlassen werden, sagen Experten wie Stephan Eckert – er zeigt auf, wie es geht.

zahlenbild

Und ein Bildungsunternehmen aus Baden-Württemberg, das Azubis mit speziellem Förderbedarf ausbildet, ist mit einer außergewöhnlichen Rundumversorgung erfolgreich.

Über 98 Prozent der Auszubildenden des SRH Berufsbildungswerks Neckargemünd bestehen auf Anhieb ihre IHK- oder Kammer-Prüfungen, und 70 Prozent können bereits nach einem Jahr in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis vermittelt werden. Das ist mehr als beachtlich. Denn das Bildungsunternehmen – Mitglied im BVMW – hat sich auf die Ausbildung junger Menschen mit speziellem Förderbedarf spezialisiert: Die aktuell über 900 Azubis, die für mehr als 40 Berufe kompetenzorientiert qualifiziert werden, haben allesamt körperliche oder seelische Handicaps. „Unsere berufliche Bildung unterscheidet sich erst einmal nicht so wesentlich von einer Ausbildung bei irgendeinem Arbeitgeber in der freien Wirtschaft“, sagt Joachim Trabold, Mitglied der Geschäftsleitung und Prokurist. Der entscheidende Unterschied sei die begleitende Unterstützung durch ein interdisziplinäres Expertenteam aus Allgemeinmedizinern, Psychologen, Ergo- und Physiotherapeuten oder Motopäden. „Durch die Leistungen und Angebote dieses Teams gelingt es, dass unsere jungen Teilnehmenden Experten im Handling ihrer persönlichen Herausforderungen werden.“ Die medizinische Rundumversorgung im Internat am SRH-Campus stellt sicher, dass sich schwerer beeinträchtigte Azubis ganz auf ihre qualitativ hochwertige Ausbildung konzentrieren können.

„Abklärung der persönlichen Eignung und Neigung“

In unterschiedlich langen Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BVB) erlangen die Teilnehmenden vor der eigentlichen Ausbildung die Ausbildungsreife, also die Entwicklung sämtlicher persönlicher Kompetenzen, die zur Aufnahme einer Ausbildung benötigt werden. „Daneben“, so Trabold, „geht es um die Abklärung der persönlichen Eignung und Neigung, auf deren Basis dann eine fundierte Entscheidung über die Berufswahl getroffen werden kann.“ In Neckargemünd sind in diesem Jahr rund 200 Jugendliche in BVB gestartet – potenzielle Nachwuchskräfte, auf die sich Unternehmen in der dynamisch wachsenden Metropolregion Rhein-Neckar freuen dürfen. Denn dort ist längst bekannt, dass das SRH Berufsbildungswerk erstklassig ausbildet.

„Positive und wertschätzende Haltung“

Fehlende Berufsorientierung, keine Ausbildungsmessen, kaum Praktika, zurückhaltende Unternehmen: Die Coronakrise hat insbesondere den Ausbildungsmarkt schwer getroffen. 2020 kamen nur 465.000 Ausbildungsverträge zustande, 50.000 weniger als im Jahr zuvor – ein bislang einzigartiger Einbruch. Jetzt muss gegengesteuert werden, damit die Betriebe nach Corona wieder Fachkräfte haben – vor allem auch über die Steigerung der Qualität betrieblicher Ausbildung. „Dazu braucht es in erster Linie eine positive und wertschätzende Haltung den Azubis gegenüber“, sagt der Coach und Consultant Stephan Eckert, Mitglied im BVMW Beraternetzwerk Mittelstand. „Unserer Erfahrung nach stecken so viele schlummernde Potenziale, Stärken und Ressourcen in jungen Menschen, die nur darauf warten, geweckt zu werden.“ Zusammen mit seinem Kollegen Volker Witzleben betreibt Eckert die Projektinitiative Fokus-Azubi und entwickelt mit weiteren Netzwerkpartnern Workshops, Trainings und Lernkonzepte rund ums Thema Ausbildung. So schlägt er beispielsweise Betrieben einen Kennenlern- Tag vor, zu dem mehrere Bewerber gleichzeitig eingeladen werden. „Wenn ein Moderator die Bewerber spielerisch mit Aufgaben eindeckt, erkennen die beobachtenden Ausbilder sehr schnell die jeweiligen Kompetenzen der Jugendlichen“, sagt Eckert, „wobei vor allem auf die Teamfähigkeit der Bewerber zu achten ist, weniger auf deren schulische Leistungen. Wie stark intro- oder extrovertiert zeigt sich ein Bewerber – beides kann je nach Ausbildungsberuf von Voroder Nachteil sein –, wie gehen die einzelnen jungen Menschen innerhalb eines Teams beim Lösen komplexer Probleme vor?“

Ausbilder sollen vor allem zur Motivation beitragen

Ein anderes Fokus-Azubi-Konzept nennt sich Power-Azubi-Schmiede und besteht aus sechs Bausteinen, die aufeinander aufbauen und ineinander verzahnt sind – von „Ankommen“ über „Kommunikation“ bis „Finale“. „Alle von uns angebotenen Trainingsformate basieren auf der Methode des erfahrungsbasierten Lernens, also dem Lernen durch aktives Tun in Lernprojekten und der daran anschließenden Reflektion mit der Teilnehmergruppe sowie dem Praxistransfer der gewonnenen Erkenntnisse.“ Und mit dem Trainingsprogramm „Train the Ausbilder“ wird Ausbildern vor allem beigebracht, was nach den neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung zur Motivation junger Menschen beiträgt. „Zur rein fachlichen Ausbildung können auch andere, erfahrene Kollegen hinzugezogen werden“, so Eckert. „Beides zusammen, also die menschliche und die fachliche Komponente, stellt eine hohe Qualität der Ausbildung sicher und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass der Azubi am Ende der Ausbildung als Fachkraft dem Unternehmen erhalten bleibt – was ja meist auch das Ziel der Ausbildung ist.“

 

Almut Friederike Kaspar
Journalistin

mittelstand@bvmw.de

Gut zu wissen

■ 2020 kamen wegen der Corona-Pandemie nur 465.000 Ausbildungsverträge zustande, 50.000 weniger als im Jahr zuvor

■ Das SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd informiert über Angebote und seine Arbeitsweise auf www.bbw-neckargemuend.de unter anderem mit einem virtuellen Rundgang durch das Bildungsunternehmen

■ Über die Website www.fit4performance.de kommt man an Informationen über die Projektinitiative Fokus-Azubi