Mädchen und MINT

Das Jahr 2022 stellt den deutschen Mittelstand vor zahlreiche Herausforderungen. Neben Corona ist das der Fachkräftemangel, im Besonderen der Mangel an Fachkräften aus dem MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Ein Drittel aller Bachelor-Abschlüsse in MINT-Fächern wurden 2019 von Frauen erreicht. Zwei Drittel entfielen auf Männer.

Eine frühe Förderung von Mädchen und jungen Frauen könnte den Fachkräftemangel abmildern.

Ende letzten Jahres stellte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) seinen MINT-Herbstreport 2021 vor. Das Ergebnis ist, sogar pandemiebereinigt, ernüchternd. Allein die demographische Entwicklung sorgt dafür, dass immer weniger Nachwuchs auf freie Stellen kommt. Die pandemiebedingten Lernlücken verschlechtern die ohnehin schwache Bilanz deutscher Schülerinnen und Schüler in den Kompetenzfeldern Mathematik und Naturwissenschaft, die schon die letzte PISA-Studie von 2018 aufzeigte. Doch der innovative deutsche Mittelstand braucht junge Mathebegeisterte, Physikfanatiker und Ingenieurstüftler. Die Co-Autorin des MINT-Reports, Dr. Christina Anger, Senior Economist für Bildung und MINT am IW, hat das Drama in Zahlen gegossen: Im Oktober 2021 wurden 460.900 freie Stellen in MINT-Berufen verzeichnet, gemessen an MINT-interessierten Arbeitslosen und nach Bereinigung des qualifikatorischen Mismatches verbleibt eine Fachkräftelücke von 276.900 Personen – eine Steigerung um 155 Prozent zum Vorjahr.

Zu wenig Frauen in den Technikberufen

Doch der Report lenkt den Blick auch auf das Geschlechterverhältnis innerhalb der MINT-Berufe: Der Anteil der Frauen in diesen Branchen ist in den letzten sieben Jahren von 13,8 auf lediglich 15,5 Prozent gestiegen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Studienanfängern: Je nach MINT-Bereich schwankt der Frauenanteil um 20 Prozent, nur im mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen erreichen Frauen 50 Prozent. Für Dr. Christina Anger liegt hier ein Potenzial, das man bergen sollte, denn „laut den Kompetenztests des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen weisen Mädchen der neunten Klasse ähnliche Kompetenzen auf wie die Jungen". Dennoch können sich nur 8,3 Prozent Mädchen vorstellen, später in einem MINT-Beruf zu arbeiten, wie eine PISA-Befragung 2018 ergab. Woher kommt das weibliche Desinteresse?

„Mädchen trauen sich weniger zu, obwohl die Voraussetzungen für beide Geschlechter in der Schule gleich sind. Eltern neigen dazu, ihre Söhne von vorneherein besser einzuschätzen als die Töchter – und die setzen das für sich fort, obwohl sie vielleicht technikinteressiert sind." Anger vermutet, dass die se Stereotypisierung im Elternverhalten eine mögliche Ursache ist. Nun kann und will keiner den Eltern die Erziehung vorschreiben, doch auf institutioneller Eben sieht die Ökonomin Handlungsmöglichkeiten: „Kindergärten und Schulen, Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer können Initiativen ergreifen, um bei den Mädchen ein Bewusstsein für MINT-Talente und ein entsprechendes Selbstbild zu wecken und zu fördern." Auch die Eltern können in diesem Bereich ihre Töchter unterstützen, denn „bei den Neuntklässlern sind die Eltern die wichtigste Informationsquelle für den späteren Berufswunsch. In einer Verantwortungspartnerschaft von Schule und Eltern sollten Eltern in die Berufsberatung mit eingebunden werden. Positives Feedback für MINT-interessierte Mädchen kann die Berufswahl maßgeblich einflussen". 

Klimaschutz als Anreiz?

Eine aktuelle Entwicklung kann das Geschlechterungleichgewicht in den MINT-Berufen vielleicht ändern: Der steigende Bedarf an Ingenieuren und Informatikern im Rahmen des wirtschaftlich-industriellen Umbaus hin zu Erneuerbaren Energien und nachhaltigen Technologien kann ein Motiv für junge Frauen sein. Denn Anger weiß: „Ihnen ist Klima- und Umweltschutz wichtig, das zeigen unsere Daten. So könnten wir jungen Frauen einen Zugang zu MINT-Berufen eröffnen. Der Zusammenhang zwischen MINT und Klima sollte mehr in die Berufsberatung und -orientierung einfließen." Am Ende bleibt die Einsicht, dass immer die eigenen Interessen und Neigungen den Berufswunsch entscheiden. Man kann junge Frauen schwerlich in die Ausbildung zur Fluggerätemechanikerin zwingen, wenn die Leidenschaft im Modedesign liegt.

Doch gerade kleine und mittlere Unternehmen, die ein veritables Interesse an MINT-Nachwuchs haben, können helfen, Geschlechterklischees abzubauen. Anger rät Betrieben, den Kontakt zu den lokalen Berufsberatungszentren zu suchen und Kooperationen einzugehen. Auch der bekannte „Girls´Day" ermöglicht gerade Unternehmen im MINT-Bereich, ihre Tore für Schülerinnen zu öffnen und über untypische Frauenberufe zu informieren. Die Plattform „Schulewirtschaft", getragen unter anderem vom IW Köln, bietet Zugang zu einem breiten Netzwerk lokaler Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen. So richtig es ist, das Potenzial weiblicher MINT-Fachkräfte auszubauen, so bleibt die Ökonomin Anger realistisch. Instrumente wie die Quote haben bei der Rekrutierung von Fachkräften nichts zu suchen: „Geschlecht darf nicht das Einstellungskriterium sein. Am Ende müssen Bewerberinnen und Unternehmen eben zusammenpassen."

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

Gut zu wissen

■ Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in MINT-Berufen ist von 2012 bis 2021 von 875.100 auf 1.079.600 um 23,4 Prozent gestiegen. Der Frauenanteil in allen MINT-Berufen hat sich von 13,8 auf 15,5 Prozent erhöht
■ Anteil der Frauen unter Studienanfängern 2020: Informatik 22,9 Prozent, Maschinenbau/ Verfahrenstechnik, 22,5 Prozent, Elektrotechnik 16,3 Prozent, Mathematik/ Naturwissenschaften über 50 Prozent