Der kleine Unterschied

Seit Jahren tut sich nur wenig beim Frauenanteil im Bundestag. Doch dafür sind nicht alle Parteien gleichermaßen verantwortlich.

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Als Marie Juchacz am 19. Februar 1919 als erste Frau überhaupt eine Rede vor einem demokratisch gewählten deutschen Parlament hielt, war sie eine von 37 weiblichen Abgeordneten in der Weimarer Nationalversammlung; der Frauenanteil lag bei knapp neun Prozent. Als Lenelotte von Bothmer am 14. Oktober 1970 als erste Frau im Hosenanzug eine Bundestagsrede hielt, nachdem Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger ein halbes Jahr zuvor noch erklärt hatte, keine Frau in Hosen im Plenum zu dulden, war sie eine von 34 weiblichen Abgeordneten. Der Frauenanteil? Gut sechs Prozent.

Gemessen daran lesen sich die 35 Prozent Frauen, auf die der neue Bundestag kommt, wie eine Sensation. Tatsächlich aber geht es schon seit geraumer Zeit kaum noch voran in Sachen Parität – auch wenn dieser Bundestag auf vier Prozentpunkte mehr Frauen kommt als der vorherige. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Studie, die an diesem Mittwoch veröffentlicht werden soll, die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte analysiert. Demnach ging es zwischen 1980 und 1998 zunächst rasant bergauf; der Frauenanteil stieg von weniger als zehn auf gut 30 Prozent. Seither aber bewegt sich kaum noch etwas; der Anteil schwankte stets um ein Drittel.

Die Unterschiede zwischen den Fraktionen sind dabei groß: Die Grünen lagen seit ihrem Einzug in den Bundestag 1983 stets deutlich über dem Durchschnitt, die Linke, wann immer sie vertreten war, ebenfalls. Die SPD hat sich seit Ende der 80er-Jahre über den Durchschnitt hinausgearbeitet, die CDU und zuletzt die AfD lagen stets darunter, die FDP bis auf eine sehr kurze Phase am Anfang dieser Zeitspanne ebenfalls. Mindestens Parität erreichten nur Grüne und Linke. Bei der Union haben Kandidatinnen weniger Chancen als ihre männlichen Kollegen Für die meisten Parteien gilt über die Jahre hinweg, dass der Anteil der Frauen in der Fraktion im Großen und Ganzen dem der Kandidatinnen entspricht (bei Grünen und Linken liegt er sogar etwas höher). Anders sieht es bei der Union aus: Der Anteil der Kandidatinnen ist zwar seit 1980 von gut 15 auf mehr als 37 Prozent gestiegen. Sie haben aber verglichen mit ihren männlichen Kollegen schlechtere Chancen, tatsächlich in den Bundestag zu kommen: Am Ende lag der Frauenanteil in der Fraktion laut DIW stets unter dem Frauenanteil im Kandidatenfeld. Schon die Wahlwahrscheinlichkeit für Frauen auf einem Listenplatz ist bei der Union seit 1980 fast immer geringer gewesen als für Männer. Hinzu kommt der Faktor Direktmandat: In der Unionsfraktion, wo Direktmandate eine große Rolle spielen, hatten Frauen nie mehr als ein knappes Fünftel dieser Mandate inne. Auch in der SPD waren es mit einer Ausnahme nie mehr als ein Drittel. Die Union aber hat offenbar schon ein Nominierungsproblem: Der Anteil der Frauen unter den Direktkandidaten lag mit 25 Prozent zuletzt deutlich niedriger als der Anteil aller Unionskandidatinnen. Wolfgang Schäuble (CDU) betonte in seiner Rede als Alterspräsident vor kurzem, dass Abgeordnete die gesamte Gesellschaft zu vertreten hätten, unabhängig von ihrer eigenen Person. Die DIW-Forscher aber sehen das anders. Sie verweisen auf Studien, wonach Frauen in der Politik durchaus einen Unterschied machten: von der Ausrichtung politischer Maßnahmen über die politische Partizipation von Frauen – bis zum Rollenverständnis junger Menschen.

 

Henrike Roßbach
Journalistin Süddeutsche Zeitung
mittelstand@bvmw.de

Der Beitrag erschien in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung im Oktober 2021.

Gut zu wissen

■ Am 19. Februar 1919 hielt Marie Juchacz als erste Frau überhaupt eine Rede vor einem demokratisch gewählten deutschen Parlament
■ Von 16 Posten im Bundeskabinett werden aktuell acht von Frauen besetzt
■ Den höchsten Frauenanteil haben die Grünen
■ Frauen haben grundsätzlich schlechtere Chancen, in den Bundestag zu kommen