Frauen in der Finanzbranche

Ja, es gibt sie, die Frauen an der Spitze in der Finanzbranche. Von einer echten Chancengleichheit sind wir jedoch noch weit entfernt. Wo stehen wir heute? Eine Bestandsaufnahme und die Aussichten.

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Als „oberste Instanz der obersten Instanz“ kann sicherlich Christine Lagarde bezeichnet werden: Seit über zwei Jahren ist sie Präsidentin der Europäischen Zentralbank und die erste Frau, die dieses Amt ausübt. Bereits seit 2016 ist sie gemäß Forbes-Liste eine der zehn mächtigsten Frauen der Welt, auch 2021 konnte sie wieder Platz drei einnehmen. Isabell Schnabel, Bankerin und seit 2020 Mitglied des EZB-Direktoriums, galt zumindest lange Zeit als Favoritin für die Nachfolge von Bundesbank-Chef Weidmann. In den USA bekleidet Janet Yellen seit Januar 2021 das Amt der Finanzministerin, in Spanien María Jesús Montero bereits seit 2018. Eigentlich kann es doch um die Qualifikation der Frauen in der Finanzbranche gar nicht so schlecht stehen.

Papier ist geduldig

Dennoch muss man sie in der deutschen Wirtschaft nach wie vor als Männerdomäne bezeichnen: Laut Destatis lag der Frauenanteil in Vorständen von großen Versicherungen in Deutschland im Jahr 2020 bei 11,8 Prozent, bei großen deutschen Banken bei 10,5 Prozent. Sicherlich auch deshalb hat sich die neue Regierung im Koalitionsvertrag ein wichtiges Ziel gesetzt: „Unsere Maxime ist eine freie Gesellschaft, in der die Gleichstellung von Frauen und Männern verwirklicht ist." Allerdings war die Gleichstellung auch im Koalitionsvertrag 2018 bereits Inhalt: „Wir wollen noch vorhandene strukturelle Hemmnisse abbauen und werden dazu eine ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie entwickeln und mit einem Aktionsplan umsetzen.“ Gleichstellung also im Schneckentempo?

Renditekiller Top-Managerin?

Häufig liegt das Ziel eines höheren Frauenanteils in den Führungsetagen dann auch nicht im Interesse der Aktionäre. Und schlimmer noch: Nicht selten gelten Frauen gar als „Renditekiller“, weil die Aktienkurse sinken, sobald eine Frau in den Verwaltungsrat berufen wird, bevor sie überhaupt tätig wurde. Eine schwierige Situation, denn Aktienpreise gelten nun mal als Frühindikatoren, und Analysten, Algorithmen, Händler und Investoren beeinflussen sie naturgemäß mit ihren Erfolgserwartungen. Und sie trauen einer Frau offenbar häufig immer noch keinen oder weniger Erfolg zu. Sachlich nachvollziehbar ist das nicht, und drastisch ausgedrückt scheint die Finanzwirtschaft zu Fehleinschätzungen zu neigen, wenn eine Frau auf die Teppichetage kommt, denn Studien zeigen, dass zwar die Aktienkurse sinken, die operative Performance aber stabil bleibt. Insgesamt belegen Studien, dass die Performance eines Unternehmens im Branchenvergleich überdurchschnittlich ist, wenn mehr als eine Frau in die Firmenführung integriert ist.

Situation im Mittelstand

Schaut man auf den deutschen Mittelstand, so sieht das Ergebnis besser, aber auch bei weitem nicht gut aus: Laut Analyse von KfW Research zu Chefinnen im Mittelstand standen im Jahr 2020 lediglich in 16,8 Prozent der KMU Frauen an der Spitze. Der Anteil ist damit vom Höchststand im Jahr 2013 mit 19,4 Prozent weit entfernt. Auch hier gibt es also offenbar noch viel zu tun. Und das nicht nur um der Quote willen. Die Finanzbranche sollte sich die Sichtweise von Frauen, insbesondere auch auf die weibliche Zielgruppe fast jeden Unternehmens, durchaus zu eigen machen und nicht per se 50 Prozent der Bevölkerung, der Human Resources, nicht einschließen. Ein Appell geht jedoch auch an die Frauen selbst: „Die seit Jahren bestehende Zurückhaltung von Frauen bei Gründungen bremst den Zuwachs an Unternehmenslenkerinnen perspektivisch“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW, im Rahmen der KfW-Studie. Die Frauen sollten sich also trauen. Kommen wir zu Christine Lagarde zurück und rufen uns eine ihrer Aussagen zur Finanzkrise von 2008 in Erinnerung: „Wenn es die Lehman Sisters anstatt der Lehman Brothers gewesen wären, sähe die Welt heute wohl anders aus.“

 

Kristina Borrmann
Geschäftsführende Inhaberin Unternehmensberatung SOLVENZNAVIGATION

BVMW-Mitglied

www.solvenznavigation.com 

Gut zu wissen

Nach Jahren der Konzernzugehörigkeit in der Finanzbranche, in der es keine weitere Entwicklungsmöglichkeit nach oben gab, ging die Autorin Kristina Borrmann vor zehn Jahren mit ihrer spezialisierten Unternehmensberatung an den Markt.