DER.Mittelstand: Editorial 02/2022

Liebe Unternehmerinnen und liebe Unternehmer,

kaum zu glauben, es ist wieder Krieg in Europa. Mitten vor unserer Haustür. So liegt schon heute ein Teil der Ukraine in Trümmern – genauso wie unsere Partnerschaft mit Russland. Freundschaften, Geschäftsbeziehungen, Handelswege. Alles, was in den vergangenen 30 Jahren aufgebaut wurde, funktioniert auf einmal nicht mehr, hat sich aufgelöst. Was hingegen da ist, ist die Angst. Die Angst um die Menschen in der Ukraine. Die Angst um die Menschen in Russland. Und die Angst, dass dieser Krieg auf andere europäische Länder, auf uns überschwappen könnte.

Die Katastrophe, die dieser Krieg bislang angerichtet hat, zeigt sich in den Bildern, die die Medien fluten. Sie zeigt sich in der Hoffnungslosigkeit der Flüchtlingsströme, die zunehmend unsere Städte erreichen. Sie zeigt sich aber auch in der Hilfsbereitschaft, die allerorten zu spüren ist – in den zahlreichen Spendenaktionen, die von einzelnen Menschen wie auch von Unternehmen organisiert werden, und die von Kleidersammlungen über Fahrten zur ukrainischen Grenze bis zu ganzen Unterkünften reichen, die den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden.

Die Auswirkungen der Katastrophe zeigen sich zudem in den wirtschaftlichen Kennzahlen: So haben die deutschen Konjunkturforscher die Wachstumsaussichten für die hiesige Wirtschaft in einem ersten Schritt bereits um bis zu einem Prozent nach unten gesenkt. Zum einen leiden Unternehmen an den abgebrochenen Geschäftsbeziehungen zu ihren russischen Partnern, sie leiden aber vor allem an den hohen Energiepreisen, die in Folge des Konfliktes immer neue Rekordmarken in atemberaubender Geschwindigkeit erklimmen – allein Anfang März verteuerte sich Diesel um 39,9 Cent in nur einer Woche. Und auch der Gaspreis kennt seit Ausbruch des Krieges nur noch eine Richtung: nach oben.

Dabei hat die Wirtschaft schon zuvor zu Recht über die hohen Energiepreise gestöhnt, gerade weil sie ohnehin durch die Corona-Nachwehen mit über Monate eingebrochener Kundennachfrage, extrem hohen Rohstoffpreisen und deutlich gestiegenen Logistikkosten geschwächt war. Die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und die damit verbundenen exorbitanten Steigerungen der Energiepreise haben sich für viele Mittelständler mittlerweile zu einer existenziellen Frage entwickelt.

Deshalb muss die Bundesregierung unverzüglich eingreifen: Egal ob Energiepreisbremse, Steuerreduzierungen oder temporäre Kostenentlastungen – in dieser Situation darf es keine Denkverbote geben, um Verbraucher wie Unternehmen zu entlasten. Denn wenn jetzt nicht konsequent gehandelt wird, werden wir viele Unternehmen und damit Arbeitsplätze verlieren, die für den Erhalt des mühsam aufgebauten Wohlstands in diesem Land notwendig sind. Ein kleiner Lichtblick in dunklen Zeiten ist daher das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM). Dass das wichtigste Förderprogramm für unsere Unternehmen beibehalten und möglicherweise sogar aufgestockt wird, hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gegenüber unserem Verband bestätigt (Seite 9).

Auch ohne Krieg und Energiepreisexplosion sieht sich die Wirtschaft, sieht sich der Mittelstand aktuell vielen Herausforderungen gegenüber. Da sind die Lieferketten, die nicht mehr einwandfrei funktionieren (Seite 22). Da ist der Rohstoffmangel, der auch ohne den Ausfall Russlands in immer stärkerem Maße den Alltag vieler Mittelständler bestimmt – so ist etwa um einen einfachen Rohstoff wie Papier mittlerweile ein regelrechter Verteilungskampf entbrannt (Seite 21) – und da ist der Fachkräftemangel, unter dem der Mittelstand neben der kostenbelastenden Bürokratie besonders leidet.

Viele diese Punkte haben wir bei unserem Tag des deutschen Mittelstands (Seite 10), der coronabedingt wie im Vorjahr digital stattfand, diskutiert. Dass Sie, liebe Unternehmerinnen und Unternehmen, diese Themen umtreibt, zeigt die große Beteiligung an unserer Veranstaltung: Über 100.000 Teilnehmer haben sich über die unterschiedlichen Portale und Kanäle zugeschaltet. An dieser Stelle daher vielen Dank für Ihr aktives Interesse.

Es fällt angesichts des furchtbaren Geschehens in der Ukraine schwer, sich Aspekten der Ästhetik zuzuwenden. Wir halten dennoch am Hauptthema dieser Ausgabe fest: Design (ab Seite 37). In einer absatzgetriebenen und modernen Welt kommen gutes Design wie Innovationen – die bestenfalls Hand in Hand gehen – eine wachsende Bedeutung für den Erfolg einer Unternehmung zu. Gutes Design macht sichtbar, es unterscheidet vom Wettbewerber, es macht erfolgreicher und trägt zur Umsatzsteigerung bei. Ohne Ästhetik – ob bei Fahrzeugen, bei Smartphones, der Mode oder Webseiten – geht nichts, es ist ein integraler Baustein erfolgreicher Produkte.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und verbleibe mit der Hoffnung, dass Menschlichkeit in diesen Zeiten die Oberhand behält und das Verständnis zurückkommt, dass die Zusammenarbeit in einer globalen Wirtschaft die beste Zukunft bietet. Kein Krieg ist der größte Sieg!

Ihr Markus Jerger