Schnell neu denken - und handeln

Ohne einen tatkräftigen und innovativen Beitrag des Mittelstands werden sich die wachsenden Herausforderungen der Gegenwart nicht meistern lassen. Oliver Gürtler und Alexander Britz von Microsoft Deutschland zeigen dafür konkrete Wege auf.

Eine Mitarbeiterin inspiziert den Serverraum eines elektrischen Umspannwerks in einem Windpark mithilfe der HoloLens 2.

DER Mittelstand.: Nachhaltigkeit und Rentabilität wurden in der Wirtschaft lange als Widerspruch aufgefasst. Diese Ansicht hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Oliver Gürtler: Diese Einschätzung ist teilweise noch verbreitet. Dabei können Nachhaltigkeit und Rentabilität mit dem Einsatz digitaler Technologie so verknüpft werden, dass beide voneinander profitieren. So machen intelligente Datenanalysen Fertigungsschritte präziser, Logistikprozesse koordinierter und die Steuerung von Wartungsintervallen vorausschauender. Das steigert die Effizienz, reduziert die Emissionen und senkt die Kosten.

Digitale Technologien haben bekanntermaßen einen immensen Energiebedarf. Wie können digitale Technologien Unternehmen dabei unterstützen, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?

Alexander Britz: Unterm Strich muss der Beitrag digitaler Technologien an der Nachhaltigkeit eines Unternehmens größer sein als deren ökologischer Fußabdruck. Deswegen ist es so wichtig, digitale Technologien möglichst klimaneutral zur Verfügung zu stellen. Der Beitrag, den datenbasierte Anwendungen durch die Verarbeitung einer Vielzahl unternehmensbezogener Daten beisteuern können, wird dann umso relevanter.

Welche Chancen bietet eine digitale Nachhaltigkeitsstrategie gerade im Mittelstand, und wo sollten Unternehmen ansetzen, die mit großen Lieferketten operieren?

Gürtler: Die Chancen sind so vielfältig wie die Maßnahmen selbst: von Innovationsfähigkeit über Kundenbindung bis zur Reputation. Nachhaltigkeit kann sogar zum neuen Markenzeichen der Digitalisierung Made in Germany werden und einen Vorsprung gegenüber Marktbegleitern sichern. Ein gutes Beispiel ist die Cloud-Nutzung: Durch den Wechsel von einer On-Premise-Infrastruktur zu Azure kann die Energieeffizienz um bis zu 93 Prozent verbessert werden.

Britz: Ganz allgemein: Je umfangreicher die Lieferkette, desto komplexer die Aufgabe, alle emissionsbezogenen Daten zu sammeln und auszuwerten. Diese Transparenz ist aber die Grundlage, um wirkungsvolle Maßnahmen zu identifizieren. Dafür sollten die eigenen Prozesse analysiert und angepasst sowie die Partner- und Zulieferunternehmen in den Blick genommen werden.

Wo liegen in mittelständischen Unternehmen die Schlüsselbereiche, die eine nachhaltige Umweltleistung mithilfe digitaler Technologien ermöglichen?

Gürtler: Mit datenbasierten Erkenntnissen lässt sich die Effizienz in nahezu allen Produktionsprozessen mit wenig Aufwand steigern. Das gilt nicht nur für den Energieverbrauch, sondern auch für die Nutzung natürlicher Ressourcen oder der Entstehung von Abfall. Durch vorausschauende Wartung können Maschinen beispielsweise länger genutzt werden.

Was bedeutet das mit Blick auf die Dienste und Anwendungen von Microsoft? Wo liegen die Vorteile von datenbasierten Technologien?

Britz: Die Effizienz betrieblicher Prozesse datenbasiert zu steigern, ist ein effektiver Beitrag zum Klimaschutz. Ich denke zum Beispiel an einen Prototyp, der nicht vor Ort getestet wird, sondern im digitalen Zwilling einer Fabrik – Basis ist die Cloud. Kollaborationsplattformen wie Microsoft Teams oder Fernwartung via HoloLens 2 ermöglichen hybrides Arbeiten, sparen Reisekosten und -wege und reduzieren den ökologischen Fußabdruck.

Wie werden aus der Vielzahl unternehmensbezogener Daten die relevanten herausgefiltert, und welche verwertbaren Erkenntnisse lassen sich daraus gewinnen?

Britz: Nehmen wir als Beispiel unsere Cloud for Sustainability: Durch die Zusammenfassung und Analyse aller relevanter Daten können Unternehmen ihren ökologischen Fußabdruck besser verstehen und Verbesserungsmaßnahmen einleiten. Umweltauswirkungen werden so im Blick behalten und passgenaue Maßnahmen können gefunden werden.

Microsoft hat sich selbst sehr ambitionierte Klimaziele gesteckt. Sie wollen bis 2030 CO2-negativ sein und bis 2050 sogar alle CO2- Emissionen seit Unternehmensgründung wieder zurückholen. Ist das nicht utopisch?

Gürtler: Anders kommen wir nicht zum Ziel. Gleichzeitig erleben wir als Technologieanbieter jeden Tag das Potenzial digitaler Lösungen und wollen gerade für kleinere und mittlere Unternehmen eine Vorreiterrolle einnehmen. Schließlich sammeln auch wir auf unserem Weg immer wieder neue Erkenntnisse, die wir ganz bewusst transparent machen und teilen.

Was tut Microsoft konkret, um diese Ziele zu erreichen?

Britz: Wir greifen auf eine große Bandbreite an Maßnahmen zurück. Das beginnt mit der drastischen Reduzierung unserer CO2-Emissionen. Darüber hinaus investieren wir in Projekte zur CO2 -Entfernung aus der Atmosphäre. Dazu gehört auch die Unterstützung der Entwicklung neuer Technologien, wie etwa Direct-Air-Capture, ein Verfahren, bei dem CO2 durch Filterung der Umgebungsluft dauerhaft entzogen wird.

Kann ein nachhaltiger ökologischer Wandel im Mittelstand mithilfe des digitalen Wandels zeitnah gelingen?

Gürtler: Er kann und muss gelingen. Wichtig ist, erste Schritte zu gehen. Die Beispiele Fernwartung und Lieferketten-Management zeigen: Fortschritt ist auch mit kleinen Investitionen möglich. Deswegen bin ich optimistisch: Wer digitale Technologien heute gezielt einsetzt, kann morgen schon Verbesserungen erzielen. Wenn Europa bis 2050 klimaneutral sein soll, brauchen wir jetzt den Beitrag des Mittelstands.

 

Das Interview führte Friederike Pfann, BVMW Redaktion DER Mittelstand.

Oliver Gürtler ist Leiter des Mittelstandsgeschäfts bei Microsoft Deutschland und Mitglied der Geschäftsleitung.

Alexander Britz ist Head of Digital Business Transformation and Artificial Intelligence bei Microsoft Deutschland.

 


Foto: © Microsoft