Klimaschutz im Mittelstand - da tut sich was

Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Das stellt die Wirtschaft vor große Herausforderungen. Eine Studie hat nun erstmals aufgeschlüsselt, was der deutsche Mittelstand tut – und was nicht.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat im Rahmen ihres Mittelstandspanels ermittelt, in welchem Umfang der Mittelstand im Jahr 2020 bereits Klimaschutzinvestitionen getätigt hat oder kurzfristig plant. Von den rund 3,1 Millionen mittelständischen Betrieben haben rund 460.000 insgesamt 22 Milliarden Euro, das sind elf Prozent der Gesamtinvestitionen, in Klimaschutzmaßnahmen gesteckt, wobei die durchschnittliche Summe pro Unternehmen bei 72.000 Euro lag. Von jenen Unternehmen, die bislang untätig waren, planen 490.000 bis Ende 2022 Ausgaben für den Klimaschutz. So summiert sich die Summe der Unternehmen, die die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit ernst nehmen, auf eine stolze Million oder zwölf Prozent. Das heißt zugleich, 82 Prozent lassen sich von dieser Investitionsdynamik nicht beeindrucken.

„Von den rund 3,1 Millionen mittelständischen Betrieben haben rund 460.000 insgesamt 22 Milliarden Euro in Klimaschutzmaßnahmen gesteckt.”

Große Mittelständler geben mehr Geld aus

Es nimmt erst mal nicht Wunder, dass große Mittelständler eher mehr investieren. Lediglich zehn Prozent der Unternehmen mit unter fünf Beschäftigten sind im Klimaschutz aktiv, während 36 Prozent der Betriebe mit 50 und mehr Mitarbeitern auch deutlich mehr investieren: über acht Milliarden Euro insgesamt, im Unternehmensschnitt 346.000 Euro. Kleinstunternehmen geben lediglich 29.000 Euro aus. Die Schwergewichte in Sachen Klimainvestition finden sich im verarbeitenden Gewerbe: 33 Prozent der Unternehmen haben 2020 Vorhaben umgesetzt und dabei ein Gesamtvolumen von 3,6 Milliarden Euro erreicht. Kein Wunder, schließlich hatten Industrieunternehmen am deutschen Endenergieverbrauch 2020 einen Anteil von 28 Prozent, 24 Prozent machten ihre Treibhausgasemissionen aus. Allerdings zählen lediglich 249.000 Mittelständler zu diesem Wirtschaftszweig.

Dienstleister leisten in der Summe mehr

Vielmehr sind es die Dienstleister, die mit knapp drei Millionen Unternehmen 76 Prozent aller Mittelständler ausmachen. Und sie trugen 2020 mit 15,6 Milliarden Euro den Löwenanteil von 71 Prozent der mittelständischen Klimaschutzmaßnahmen. Im Vergleich dazu schrumpfen die Anstrengungen der größeren verarbeitenden Gewerbe auf 16 Prozent der KMU-Bemühungen insgesamt – nicht, weil sie zögerlich investieren, sondern schlicht, weil sie weniger sind.

Die große Anzahl deutscher Dienstleister indes, so legt die Studie nahe, räumen dem Klimaschutz große Bedeutung ein und werden so zu einem wichtigen Akteur auf dem Weg zur Klimaneutralität. Betrieblicher Gebäudebestand, Fuhrpark, IKT-Infrastruktur, Dachflächen und Fassaden der in dieser Branche selbst genutzten Gebäude bieten zahlreiche Ansätze, um Klimaschutz zu betreiben. Die kleineren Akteure unter ihnen fokussieren natürlich auf schnell und kostengünstig umzusetzende Maßnahmen. Dr. Fritzi Köhler-Geib ist die Chef-Ökonomin der KfW und beobachtet die Entwicklung genau. Sie meint: „Dazu zählt beispielsweise der Wechsel des Energieversorgers. Das spiegelt sich direkt in der Kostenstruktur des Unternehmens wider. Auch die verstärkte Nutzung von Erneuerbaren Energien spielt eine große Rolle sowie die verstärkte Ausrichtung auf energieeffiziente Produkte oder Dienstleistungen und auf klimafreundliche Mobilität."

Der Klimawandel erreicht die Wirtschaft jetzt schon

Zahlreiche befragte Unternehmen gaben an, nicht nur Maßnahmen zur Erreichung künftiger Klimaneutralität zu ergreifen, sondern sich auch auf die unmittelbaren aktuellen Auswirkungen des Klimawandels vorzubereiten. Sie passen sich an: an steigende Temperaturen, Extremwetterereignisse, Dürre, Hochwasser. Ein knappes Drittel aller KMU will in den kommenden Jahren verstärkt in die Anpassung an den Klimawandel investieren: Isolierung und Klimatisierung von Gebäuden und Anlagen, dezentrale Energieversorgung, Notstromaggregate, Aufstockung der Lagerbestände aufgrund vulnerabler Lieferketten. Auch hier zeigt sich: Unter dem Drittel der aktiven Unternehmen sind 46 Prozent große Unternehmen (vorwiegend im forschungsintensiven verarbeitenden Gewerbe) und 25 Prozent Kleinstbetriebe mit weniger als fünf Beschäftigten. Branchenspezifisch fühlt sich das Baugewerbe am wenigsten von den aktuellen Folgen des Klimawandels bedroht – lediglich ein Fünftel plant Anpassungsmaßnahmen.

Doch Mittelständler alleine können schwerlich die Infrastruktur einer gesamten hochwassergefährdeten Region ertüchtigen. Auch Dr. Köhler-Geib plädiert für gesamtgesellschaftliche Anstrengungen: „Investitionen von Bund, Ländern und Kommunen in die öffentliche Infrastruktur können helfen, negative Auswirkungen des Klimawandels abzumildern – etwa durch Erhöhung von Deichen, Anpassung der Kanalisation an Extremwetterereignisse und ähnliches." Doch der Staat kann nicht jedem mittelständischen Betrieb individuell helfen. „Die Anfälligkeit ist abhängig vom Unternehmensstandort. Angesichts möglicher wetterbedingter Beeinträchtigungen der Produktion etwa durch Überhitzung von Maschinen, fehlendem Kühlwasser oder Unterbrechungen der Logistikkette durch Extremwetterereignisse braucht es spezifische Anpassungsinvestitionen in den jeweiligen Unternehmen." Hier gelte es, die Kosten gegenüber den Schäden von Klimaereignissen abzuwägen. Denn nichts zu tun, ist für den deutschen Mittelstand günstig – kann aber mittelfristig sehr teuer werden.

 

Gut zu wissen

 

  • Drei von zehn Unternehmen planen, in Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu investieren
  • Die KfW schätzt die erforderlichen Investitionen zu Erreichung der EU-Klimaziele bis 2050 auf fünf Billionen Euro
  • Die Studie der KfW ist abrufbar unter: bvmw.info/investitionen_mittelstand_klimaschutz

Bernd Ratmeyer
Journalist

mittelstand@bvmw.de