Explodierende Energiepreise und die Folgen

Ein Großteil der deutschen Industrieunternehmen sieht in den explosionsartig gestiegenen Energiepreisen eine starke oder sogar existenzbedrohende Herausforderung für die Zukunft.

DER Mittelstand. sprach mit Mitgliedsunternehmern über den aktuellen Stand und die Forderungen an die Politik.

„Unterstützung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien“

Vetschau im Spreewald: Der Geschäftsführer des Keramikunternehmens Porcelaingres GmbH, Fabian Schäfers, langjähriges BVMW-Mitglied, kann nur noch mit Kopfschütteln auf die aktuelle Lage an den Energiemärkten für sein Unternehmen schauen: „Die Situation ist aufgrund der Energiepreise sehr schwierig und angespannt. Ein Quadratmeter Fliese hat einen Energieanteil zwischen 20 Prozent und 30 Prozent. Dieser Anteil hat sich in den zurückliegenden neun Monaten teilweise verzehnfacht.“ Diese volatile Situation mache zudem ein sauberes und kontinuierliches Arbeiten und Produzieren nahezu unmöglich und führt dazu, dass bereits drei Mal die Preise erhöht werden mussten, so Schäfer. Die Firma sei gesund und auch für diese Herausforderungen gut aufgestellt, jedoch werde es in der gesamten Industrie auch zu Marktbereinigungen kommen. Seine Forderungen: Unterstützung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien, eine Reduzierung der Regulierungen und höhere Förderung, sodass schnellstens eine gewisse Unabhängigkeit erreicht würde.

„Wir brauchen Geld, Förderungen und Subventionen“

BVMW-Mitglied, Geschäftsführer und Bäckermeister Ronny Laudenbach aus Gera spricht davon, dass es nicht nur betriebswirtschaftlich hart für ihn wird, sondern ihn das ganze Thema auch persönlich beschäftigt. Irgendwann sei man mit seinen Kräften einfach am Ende, erzählt er. „Ein Sack Sonnenblumenkerne hat im vergangenen Oktober noch 44 Euro gekostet und plötzlich 113 Euro. Da hilft es nicht, einfach nur die Preise für Brötchen zu erhöhen.“ Bäcker seien Grundversorger und besonders energieintensiv, genau wie Fleischer. Sie verbrauchen enorm viel Gas. „Betriebswirtschaftlich wird es mittlerweile extrem eng“, so Laudenbach weiter. Er habe bereits eine Filiale wegen Personalmangels schließen müssen. In Gera liegt die Arbeitslosigkeit bei zehn Prozent, hier wird man in Zukunft sogar vietnamesische Bürger einfliegen und ausbilden. Laudenbach: „Ich will einfach, dass es weitergeht. Wir haben Verantwortung, gerade auch für unsere Mitarbeitenden.“ Seine Forderungen an die Politik sind klar und deutlich: „Wir brauchen Geld, Förderungen und Subventionen, dass es weitergeht. Die Politik muss richtig Gas geben. Der Mittelstand muss entlastet werden, und eine Grundversorgung muss sichergestellt werden.“

„Wir sind systemrelevant“

Dirk Howe, Mitglied im Bundeswirtschaftssenat und Sprecher der Geschäftsführung der Siempelkamp Gießerei GmbH, und sein Mit- Geschäftsführer Dr. Georg Geier berichten grundsätzlich ganz begeistert von ihrem Unternehmen. Die Gießerei in Krefeld steht mit 375 Mitarbeitenden für sichere Industriearbeitsplätze in der Region. Das Unternehmen ist unmittelbar von der Energiewende betroffen, und zwar ganz am Anfang der Wertschöpfungskette, wenn es darum geht, Kupfer, Gold, Nickel, seltene Erden, Lithium und Eisenerz zu fördern. Doch auch hier schlagen die Energiepreise zu. Die Siempelkamp Gießerei verbraucht so viel Strom wie eine Stadt mit 20.000 Einwohnern. Entsprechend wichtig sei das Thema Energie und Strom für den Betrieb, so Howe und Geier: „Unser Unternehmen ist systemrelevant, man bräuchte ein neues Marktdesign, das den neuen Bedingungen an den globalen Energiemärkten gerecht wird. Und wir fordern zugleich die Einfügung eines Industriestrompreises. Die Politik muss schnellstens umdenken, ohne Aussicht auf Reduktion von Stromkosten wird es schwer.“

Höhere Energiepreise wegen Russland-Sanktionen

Die Forderungen der Mittelständler decken sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Unternehmerumfrage des Verbandes Der Mittelstand. BVMW. Sie zeigt, dass sich die mittelständische Wirtschaft kaum noch höhere Energiepreise leisten kann: Für einen Verzicht auf russische Energielieferungen würde nach eigener Einschätzung weniger als ein Drittel der 1.200 befragten Unternehmer einen Aufschlag von bis zu 30 Prozent gerade noch akzeptieren. Lediglich 14 Prozent könnten sich einen Aufschlag von 50 Prozent vorstellen. Dabei ist ein Verzicht auf russisches Erdöl eher denkbar (52,2 Prozent) als auf russisches Erdgas (40 Prozent).

Gegen höhere Bezugskosten bei Erdgas für ein sofortiges Ende russischer Energieimporte sprechen sich 56 Prozent aus. Zwei Drittel der Unternehmen bekunden jedoch Verständnis, wenn im Falle eines Versorgungsengpasses systemrelevante Unternehmen bevorzugt werden.

„Die Ergebnisse und die rege Teilnahme an unserer Energieumfrage zeigen, dass die Frage der Energieversorgung die mittelständische Wirtschaft gerade sehr bewegt“, erklärt BVMW-Verbandsvorsitzender Markus Jerger. „Das Verständnis unter den Unternehmen angesichts der aktuellen politischen Situation ist da – viele können es sich aber einfach nicht leisten, noch höhere Energiepreise zu zahlen.“

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den aktuellen Tankkosten. Die Preise an den Zapfsäulen bewegen die mittelständischen Unternehmer ungeachtet eines Importstopps sehr: Mit 82 Prozent befürworten sie ein stärkeres Vorgehen gegen eine Gewinnabschöpfung der Mineralölunternehmen, die sinkenden Ölpreise nicht an die Kunden weitergeben.

Jeder zweite Mittelständler spricht sich zudem für eine schnelle Umsetzung des angekündigten Entlastungspaketes aus. Für diese Unternehmen käme eine Entlastung erst im Sommer zu spät. Jerger: „Die Unternehmen leiden an den hohen Energiepreisen und brauchen eine spürbare Entlastung auf der Kostenseite. Eine schnelle Umsetzung der geplanten Maßnahmen der Regierung wäre ein erster Schritt.“

 

Hier können Sie die Ergebnisse der Umfrage herunterladen: Energie: Mittelstands-Umfrage des BVMW

 

Alem-Adina Weisbecker
Redaktion DER Mittelstand.
alem-adina.weisbecker@bvmw.de

 


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