"Das deutsche Erfolgsmodell muss neu justiert werden"

Editorial "DER Mittelstand" Juni / Juli 2022

Seit mehr als zwei Jahren befinden wir uns im Krisenmodus. Erst die Corona-Pandemie, dann der Ukraine-Krieg. Die vermeintlichen Auswirkungen sehen wir nicht nur in den Medien, sondern mittlerweile auch in unseren Supermärkten: Leere Regale, deutlich gestiegene Einkaufspreise, Hamsterkäufe bleiben als Bild nach jedem Einkauf zurück.

Nicht alles, was wir jetzt an wirtschaftlichen Verwerfungen in Form von gestörten Lieferketten oder Rohstoffmangel in Deutschland sehen, ist Folge des Krieges. Viele Ursachen der derzeitig schwierigen wirtschaftlichen Situation unseres Landes liegen tiefer. Sie sind vielmehr Ausdruck einer über Jahre verschleppten Transformation, die letztendlich das Wachstums- und Innovationspotenzial der deutschen Unternehmen vermindert hat und uns nun in unserer Anpassungsfähigkeit beschränkt.

Die Politik muss nun die Rahmenbedingungen setzen für eine veränderte Welt(ordnung). Das deutsche Erfolgsmodell muss neu justiert werden, die Unternehmen brauchen wieder mehr Luft zum Atmen, um sich stärker auf ihr Geschäft konzentrieren zu können, und es braucht eine stärkere Diversifikation bei der Belieferung von Rohstoffen. Überhastete Unabhängigkeitsbestrebungen wie ein sofortiges Gasembargo für russisches Erdgas sind dabei wenig hilfreich.

Eine reine Autarkie würde nur Wohlstand kosten. Zum einen hat Deutschland selbst nicht genügend (Energie)-Rohstoffe, um wirklich autark zu sein. Zum anderen ist unsere Wirtschaft gerade in der Veredelung von Produkten sowie durch weltweiten Vertrieb und weltweite Logistik stark geworden. Als Wirtschaftsverband setzen wir uns daher weiter für weltweiten Handel, für die Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg ein.

Eine größere Unabhängigkeit von Energie- und Rohstoffimporten würde Deutschland durch eine zeitgemäße Kreislaufwirtschaft bekommen. Welche Möglichkeiten es für grüne Aktivitäten im Mittelstand gibt, lesen Sie in unserer aktuellen Ausgabe (Seite 8). In unserem Schwerpunkt erzählen drei Unternehmer von ihren Erfahrungen in der Arbeit der Mittelstandsoffensive Wasserstoff, der mittlerweile rund 100 BVMW-Mitgliedsunternehmen angehören, und was den Energieträger der Zukunft ausmacht (Seite 38). Darüber hinaus unterstützt der Expertenkreis Nachhaltigkeit alle Mitgliedsunternehmen bei Fragen rund um das Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung.

Der deutsche Mittelstand kann viel. Ich bin überzeugt, gerade die kleinen und mittleren Unternehmen können auch grün.