Starke Frau: Melanie Baum

Wie wird man Unternehmerin? Welche Erfahrungen kennzeichnen diesen Weg? Darüber sprach DER Mittelstand. mit Melanie Baum, Inhaberin des Familienunternehmens Baum Zerspanungstechnik.

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DER Mittelstand.: Wie sind Sie dazu gekommen, Unternehmerin zu werden?

Melanie Baum: Schon in meiner Kindheit und Jugend hatte ich den Drang, Dinge anzupacken, zu gestalten und zu unternehmen. Dabei habe ich mich nie nur für mich allein verantwortlich gefühlt, sondern die Zusammenarbeit mit Menschen geliebt. 2009 bin ich dann pünktlich zur weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise in unser Familienunternehmen eingestiegen. Wir waren damals wirtschaftlich hart getroffen. Das hat einiges von mir abverlangt und am Ende meine Entscheidung sogar gestärkt, Unternehmerin zu werden – in guten wie in schlechten Zeiten. 2014 habe ich die Geschäftsführung übernommen und 2016 dann das gesamte Unternehmen. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch und sehr gerne mit anderen Menschen zusammen. Beides kann ich als Unternehmerin ideal leben.

Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie denselben Weg noch einmal gehen?

Es sind genau die schwierigen Dinge im Leben, die Tiefpunkte und Krisen, an denen wir am meisten wachsen können. Ich bin sehr dankbar für mein Leben und weiß auch jede bittere Erfahrung und jeden Umweg als wertvoll zu schätzen. Deshalb nein, ich würde nichts anders machen. Für mich gilt es, alle Erfahrungen anzunehmen und als Lernaufgabe zu sehen. Dabei bevorzuge ich ganz klar die Frontscheibe, den Blick nach vorn, und nicht den Rückspiegel.

Welche Entscheidung würden Sie für sich als die wegweisendste bezeichnen oder auch die, aus der Sie am meisten gelernt haben?

Mich hat sehr geprägt, dass ich mit Mitte 20 in ein sanierungsfälliges Unternehmen eingestiegen bin und schlichtweg den Fortbestand des Unternehmens dann auch in kürzester Zeit zu verantworten hatte. Das waren viele Nächte voller Grübeln, viele Momente voller Tränen, harte Kämpfe mit den Geschäftspartnern und kräftezehrende Erfahrungen im privaten Bereich. Und all das möchte ich nicht missen, weil ich in wahnsinniger Geschwindigkeit so viel dabei gelernt habe. Vor allem, dass es sich lohnt zu kämpfen, auch wenn Situationen noch so ausweglos erscheinen. Dass man nicht alleine ist und große Unterstützung durch Wegbegleiter erfahren kann und dass ein aktuelles Risikomanagement und transparentes Wissensmanagement wertvolle Hilfen sein können – bei uns sehr deutlich nach dem plötzlichen Tod meines Vaters. Ich bin heute dankbar für eine gewisse Krisenresilienz und fühle mich vorbereitet, gewissermaßen für all das trainiert, was noch kommt.

Womit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?

Mit dem Zukunftsthema Fachkräftemangel. Es wird eine zentrale Herausforderung sein, ausreichend und gut qualifiziertes Personal zu finden und zu halten. Der Wettbewerb um kompetente Fachkräfte und engagierte Nachwuchskräfte zwischen Konzernen und Mittelstand ist längst entfacht. Unabhängig von der derzeitigen pandemiebedingten Arbeitsmarktsituation kommen in Zukunft nachweislich sehr geburtenstarke Jahrgänge auf uns zu, die in Rente gehen. Nur ein Bruchteil an Nachwuchs steht dem gegenüber. Ausbildungsberufe sind nicht mehr so „sexy“, man möchte den Unicampus. Genau hier setze ich an: Es gibt so unfassbar spannende Ausbildungsberufe mit Karrieremöglichkeiten, die zum Beispiel einem studierten Ingenieur in nichts nachstehen. Speziell der Mittelstand hat so viele Vorteile für das Miteinander, die Sinnstiftung, die gemeinsame Freiheit und Verantwortung zu bieten. Das gilt es zu transportieren.

Was sind aktuelle Herausforderungen für den Mittelstand, wie gehen Sie damit um?

Eine weitere große Herausforderung ist derzeit das Thema Lieferketten und Beschaffungsengpässe. Konnten wir unser Material in der Vergangenheit strukturiert zweimal wöchentlich beziehen, gleicht die Beschaffung heute einem Basar, auf dem die Preise und Verfügbarkeiten stündlich wechseln. Wir können froh sein, wenn wir überhaupt die Produkte bekommen, die wir benötigen. Es gilt auch hier Ruhe zu bewahren, so schwer dies fällt, insbesondere weil die Aussichten eher bescheiden sind. Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, nicht aufzugeben, kreative Ideen einzubringen und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dabei stehen wir vor allem im engen Austausch mit den Geschäftspartnern, die auch vor der Lieferkettenkrise an unserer Seite standen, und finden gemeinsam Lösungen.

Spannend wird sicher auch die weitere Entwicklung der Energiebeschaffung. Es gilt nicht nur, die Preisentwicklungen aufzufangen, sondern im schlimmsten Fall überhaupt als mittelständisches Unternehmen am Netz zu bleiben. Ein Blackout in der Industrie würde zahlreiche Unternehmen in die Insolvenz treiben. Welchen Einfluss haben wir Unternehmer, der Mittelstand an so einer Stelle? Gerade wenn die Aufgaben fast unüberwindbar scheinen, habe ich die sehr positive Erfahrung gemacht, durch mein Netzwerk informiert zu bleiben und so wenigstens etwas vorbereitet zu sein. Ebenso versuche ich über diverse Ehrenämter im Mittelstand und in der Industrie sowie meine aktive Mitgliedschaft beim BVMW, die politische Stimme des deutschen Mittelstandes zu stärken.

Welche Botschaft möchten Sie anderen Unternehmerinnen mitgeben?

Das Wichtigste am Unternehmertum ist die Zusammenarbeit mit den Menschen und für die Menschen. Dabei ist es von großer Bedeutung, als Unternehmerin authentisch zu sein – eben auch mit Schwächen und Kanten. Ich beobachte immer wieder bei Unternehmerkollegen, dass oft noch ein Mythos des perfekten Chefs vorherrscht. Es ist meiner Meinung nach wichtig, als Chef die eigenen Stärken zwar zu fokussieren, aber eben auch die Schwächen zu managen. Es ist okay, nicht alles zu wissen und zu können, Verantwortung zu teilen und Enttäuschungen zu erleben. Es ist auch okay, in der Öffentlichkeit mal über Krisen zu sprechen. Dieser offene Umgang hat mir in erster Linie Freiheit geschenkt, ich selbst sein zu können und nicht dem Stereotyp eines perfekten Chefs hinterher zu jagen. Und genau das ist heute ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um Menschen zu begleiten und von Menschen
begleitet zu werden. 

Melanie Baum stieg 2009 in das Familienunternehmen Baum Zerspanungstechnik ein. 2014 wurde sie Teil der Geschäftsführung, und seit 2016 ist sie alleinige Inhaberin. Zudem ist sie Vizepräsidentin der IHK Nordwestfalen und als Markenbotschafterin der NRW.Bank tätig. 2020 erhielt sie die Auszeichnung als Unternehmensnachfolgerin des Jahres. Darüber hinaus ist sie Beiratsvorsitzende Kompetenzzentrum Frau + Beruf Emscher-Lippe und Referentin zu den Themen Unternehmensnachfolge und Personalentwicklung/Führung. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.

BVMW-Mitglied

www.baum-zerspanungstechnik.de