Weiterbilden - um jeden Preis!

Während der Corona-Pandemie hat die Weiterbildung im deutschen Mittelstand gelitten. Eine Studie der KfW Bank hat das untersucht und fragt: Wie gelingt der Weg aus der Weiterbildungsmisere?

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Das Research Zentrum der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW Bank) hat zum Jahreswechsel eine Studie veröffentlich, die die Weiterbildungsaktivitäten von KMU im Pandemiejahr 2020 untersucht. Das Ergebnis: Die Pandemie hat die Weiterbildung massiv einbrechen lassen. Doch auch unabhängig von Corona besteht dringender Handlungsbedarf.

Nur ein Drittel hat in Weiterbildung investiert

Von den 3,8 Millionen mittelständischen Betrieben haben lediglich 36 Prozent ihre Mitarbeiter weitergebildet, davon ein Viertel innerbetrieblich, 22 Prozent haben die Kosten übernommen, und fünf Prozent stellten ihre Beschäftigten frei. Pro Weiterbildungsteilnehmer wurden im Schnitt 1.300 Euro investiert, in der Summe belaufen sich die Weiterbildungsausgaben auf zehn Milliarden Euro, also fünf Prozent der gesamten mittelständischen Investitionen. Damit dürfte die Weiterbildungsquote um über 50 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau gesunken sein.

Unterschiede in Größe und Branche

Mit der Mitarbeiterzahl steigt auch die Weiterbildungsaktivität. Während knapp 90 Prozent der Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten weiterbilden, sind Kleinstunternehmen nur zu einem Drittel aktiv. Auch branchenspezifisch divergiert das Fortbildungsgeschehen: Bau und Handel hinken hinterher, das verarbeitende Gewerbe und der Dienstleistungssektor liegen mit einer Quote von jeweils knapp 40 Prozent vorne. Dabei herrscht der Transformationsdruck durch Digitalisierung und Klimawandel branchenübergreifend. Dr. Vivien Lo leitet das Team Mittelstand und Wettbewerbsfähigkeit bei KfW Research und hat folgende Erklärung: „Der Akademisierungsgrad im Bau und Handel ist geringer, weniger Beschäftigte nehmen an Weiterbildungen teil. Zudem werden im Bau weniger digitale Projekte realisiert; diese Branche ist seltener mit den entsprechenden Herausforderungen konfrontiert. Und Digitalkompetenzen dürften bei weniger Beschäftigten im Baugewerbe gefragt sein als in anderen Branchen."

Motivation in Kleinunternehmen größer

Kleinunternehmen bilden seltener weiter, aber wenn sie es tun, nehmen im Schnitt 61 Prozent der Mitarbeiter daran teil. Bietet ein Mittelständler mit über 50 Beschäftigten solche Maßnahmen an, sinkt die Teilnehmerzahl auf 26 Prozent. Nicht unbedingt ein Paradox, meint Dr. Lo: „Neben dem statistischen Effekt muss man die Branchen anschauen. Denken Sie an ein Steuerberatungsbüro – alle Mitarbeiter führen ähnliche Tätigkeiten durch, alle müssen entsprechend fortgebildet werden. In großen Unternehmen herrscht eine größere Diversifizierung von Tätigkeitsbereichen, entsprechender Qualifikationen und der Altersstruktur vor. Zudem fällt es großen Betrieben oft leichter, auf dem Arbeitsmarkt Fachkräfte zu finden. Kleine Unternehmen haben ein Interesse daran, ihre Mitarbeiter zu halten."

Weiterbildung in der Krise

Pessimistisch blickt die Studie auf das Weiterbildungsgeschehen insgesamt. Selbst eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau würde den Mittelstand nur unzureichend auf die Herausforderungen der Transformation zur klimaneutralen Wirtschaft und der Digitalisierung vorbereiten. Schließlich vermelden 80 Prozent der Unternehmen einen Notstand hinsichtlich der Digitalkompetenz ihrer Mitarbeiter. Doch der Weiterbildungsmarkt, so moniert die Studie, macht es Unternehmen nicht leicht, externe Bildungsanbieter zu finden. „Der Markt ist in der Tat intransparent, heterogen und zum Teil semiprofessionell", bestätigt Vivien Lo. „Unternehmen können das Niveau eines Bildungsanbieters oft nicht beurteilen. Wir müssen die Qualität des Bildungsangebotes sichern, das ist keine triviale Aufgabe!"

Eine neue Weiterbildungskultur

Die Studie ruft dafür nach der öffentlichen Hand; der Staat möge Bildungsanbieter validieren und zertifizieren. Dafür könnte man Berufs- und Hochschulen in die Pflicht nehmen – denn wer junge Fachkräfte erstausbildet, kann auch deren Weiterbildung qualitativ sichern. Beschäftigte und Arbeitgeber sollen während längeren Weiterbildungsmaßnahmen entlastet werden. Der bereits existierende Ansatz des Bildungsgutscheins soll ausgeweitet werden, weiter könnten „individuelle Lernkonten" eingerichtet werden, auf die Arbeitnehmer über Jahre und verschiedene Arbeitgeber hinweg Zeit ansparen, die sie dann individuell in Weiterbildung investieren – staatlich gefördert. Schließlich beklagen die Autoren, dass in einer Wirtschaftsnation, die der Digitalisierung hinterherhinkt, die Weiterbildung selber unter digitaler Inkompetenz leidet. Und schlussendlich müssen Arbeitnehmer Zeit zur Weiterbildung haben: Die Betreuungsinfrastruktur von Kitas, Ganztagsschulen und Altenpflege muss ausgebaut werden, um Zeitressourcen freizusetzen. Doch der Staat kann nicht alles regeln, findet Dr. Lo: „Unternehmen müssen über das Alltagsgeschäft hinausschauen und Freiräume schaffen, um ihre mittelfristigen strategischen Projekte anzugehen. Dazu zählt auch das Know-how der Mitarbeiter."

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

Gut zu wissen

■ Im Jahr 2020 haben 7,5 Millionen Beschäftigte an einer betrieblichen Weiterbildung teilgenommen, das sind 23 Prozent der 32,5 Millionen mittelständischen Mitarbeiter

■ Mittelständische Unternehmer geben zwischen 500 und 5.000 Euro pro weiterzubildendem Mitarbeiter aus. Zwei Prozent aller KMU investieren über 10.000 Euro

■ Bei 84 Prozent aller Weiterbildungsunternehmen stand die Erhöhung der digitalen Kompetenz im Vordergrund

■ Die Studie der KfW ist abrufbar unter: https://bvmw.info/kfw_weiterbildung_kmu