Mehr Praxisnähe in den Schulen

Die Bildungsallianz des Mittelstands, eine Initiative des BVMW, kämpft für die Modernisierung der deutschen Bildungspolitik.

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Ihr Generalsekretär Prof. Dr. Martin Wortmann erläutert im Interview, weshalb Bildung qualitativ hochwertig sein muss, und welche Maßnahmen nötig sind, um den Mittelstand auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu halten.

DER Mittelstand.: Die Bildungsallianz des Mittelstands setzt sich für eine Qualitätswende in der deutschen Bildungspolitik ein. Warum?

Martin Wortmann: Weil wir uns nicht damit abfinden wollen und dürfen, dass zum Beispiel bundesweit Millionen von Schulstunden ausfallen oder dass über zwei Millionen junge Menschen ohne Schulund Berufsausbildung sind. Es gibt durch die digitale Transformation erhebliche Veränderungen in der Gesellschaft, wir haben den demografischen Wandel und eine Wirtschaft, die sich entsprechend anpassen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben – deshalb brauchen wir eine modernisierte Bildungspolitik, die in der Lage ist, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Dafür ist unser gegenwärtiges Bildungssystem zu starr, zu bürokratisch und auch noch unterfinanziert.

Wie geht die Bildungsallianz vor, um die Qualitätswende im föderalen Bildungssystem zu schaffen? Was tragen Ihre regionalen Allianzen konkret dazu bei?

Vor allem versuchen wir, vor Ort Netzwerke aufzubauen, die aus Bildungsträgern, mittelständischen Unternehmen, Politik und Verwaltung bestehen. Ziel ist es, Einrichtungen zu schaffen, die einen niedrigschwelligen Zugang zu Bildung ermöglichen. Das können beispielsweise Ladenlokale in Fußgängerzonen sein, wo Betriebe interessierten Jugendlichen neue Technologien wie 3D-Druck oder Lasercutter vorstellen, aber auch klassische Techniken wie das Fräsen oder Drehen vermitteln. Hier sollen Mittelständler mit ihren künftigen Fachkräften in Kontakt kommen.

Nahezu zwei Drittel eines Schulabgänger-Jahrgangs nehmen aktuell ein Studium auf, nur ein Drittel entscheidet sich für eine berufliche Ausbildung. Das müsse – so steht es in einer These Ihres Zukunftsplans Bildung – schnellstmöglich geändert werden. Warum? Und wie wollen Sie das ändern?

Die deutsche Wirtschaft hat ihre Leistungsfähigkeit insbesondere durch Fachkräfte entwickelt, die in den Unternehmen jenen qualifizierten Mittelbau bilden, für den uns andere Länder bewundern. Zum weithin beklagten Fachkräftemangel kommt es auch deshalb, weil sich viele junge Menschen für eine berufliche Ausbildung nicht mehr so interessieren wie früher. Kann es daran liegen, dass die Curricula in der Fachkräfte-Ausbildung häufig uralt sind und nicht angepasst wurden? Dass Jugendliche keine Fantasie mehr für berufliches Weiterkommen entwickeln können? Das ist eine Herausforderung nicht nur für den Nachwuchs, sondern auch für den Mittelstand.

Eine Ihrer zentralen Forderungen ist die stärkere Vernetzung von Schulen und Wirtschaft. Wie sieht in Ihren Vorstellungen eine optimale Vernetzung aus?

Lehrende in Schulen, Berufskollegs, Berufsschulen oder Hochschulen haben kaum Erfahrungen in der Wirtschaft gemacht. Deshalb muss sich die Ausbildung der Lehrenden ändern, damit sie ihre Schüler und Studenten auf deren künftige Berufsausbildung vorbereiten können. Ich plädiere für Tandem-Projekte – dass also künftige Lehrende zur Hälfte in einem Unternehmen sind und zur Hälfte ihre Ausbildung zum Lehramt machen. Auch wenn das zeitlich befristet sein kann, entsteht hier eine Praxisnähe, von der Schulen und Wirtschaft gleichermaßen profitieren.

Wie können Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen verstärkt werden?

Schulen machen da schon eine ganze Menge. Sie haben ihre Praxiswochen oder bieten ihren Schülerschaften Exkursionen in Unternehmen an, kommen dabei aber auch schnell an ihre Grenzen. Deshalb brauchen wir eine höhere Kontinuität in dieser Zusammenarbeit, es muss gewährleistet werden, dass solche Kooperationen in den Lehrplänen verankert werden.

Nicht nur gute Meister, sondern auch gute Master sollen dafür sorgen, dass der Mittelstand weiterhin Motor der deutschen Wirtschaft bleibt. Was können die Universitäten und Fachhochschulen dazu beitragen?

Besonders die Hochschulen für angewandte Wissenschaften suchen den Kontakt zur mittelständischen Wirtschaft, um in der Zusammenarbeit mit Unternehmen angewandte Forschung und Lehre zu betreiben. Dafür müssen sie aber stärker als bisher auf Augenhöhe kommen, damit der Mittelständler nicht nach oben zur Hochschule und die nach unten auf den Mittelständler schaut. Wir brauchen auch da eine bessere Vernetzung, mehr Austausch und Kommunikation, um die jeweiligen Interessen an bestimmten Projekten zu identifizieren.

Das deutsche Bildungssystem – so Ihre Feststellung – sei chronisch unterfinanziert, und immer mehr Geld für Bildung versickere in der Bildungsbürokratie. Was schlagen Sie vor, damit mehr Geld in den Schulen und Bildungseinrichtungen vor Ort ankommt?

Wir müssen den Schulen und Bildungseinrichtungen mehr Verantwortung und Vertrauen geben. Bürokratie ist ja immer ein Zeichen von Misstrauen. Also braucht es mehr dezentrale Strukturen, damit Schulleiter und Lehrer eigenverantwortlich über ihre Finanzen entscheiden, um dadurch ihre Personal- und Investitionsplanung optimieren zu können. Darüber hinaus fordern wir, dass ein Prozentpunkt der Mehrwertsteuer zusätzlich in Bildung fließt. Das wären immerhin 100 Milliarden Euro in zehn Jahren.

 

Das Interview führte die Journalistin Almut Friederike Kaspar.

Gut zu wissen

■ In der Bildungsallianz des Mittelstands, einer Organisationseinheit des BVMW, sind 22 Verbände und Initiativen aus Bildung und Wirtschaft zusammengeschlossen. Damit ist die Bildungsallianz Deutschlands größtes Bildungsnetzwerk, dessen Mitglieder die Interessen von 380.000 Lehrenden und Erziehenden aus dem Bildungsbereich und rund 50.000 mittelständischen Unternehmen vertreten

■ Mit ihrem Zukunftsplan für Bildung will die Bildungsallianz des Mittelstands vor allem die Ausbildungsreife von Schulabgängern und die berufliche Ausbildung stärken: https://bvmw.info/positionspapier_bildung