Fachkräftemangel bekämpfen

Der Fachkräftemangel in Deutschland trifft den Mittelstand besonders hart. Zu Recht forderte Ende Juli der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Peter Wollseifer, die Politik zu einer „Bildungswende“ auf.

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Diese müsse alle Quellen der Fachkräftegewinnung nutzen.

Wollseifer kritisierte, dass der Staat die berufliche Bildung, Berufsbildungsstätten wie Berufsschulen, „als bildungspolitische Stiefkinder“ behandele. Er empfiehlt zur Überwindung des Fachkräftemangels und zur Bewältigung der Transformation entschiedene Schritte hin zu mehr Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. Einer Illusion unterliegt Peter Wollseifer aber doch. Er vertraut weiterhin allein auf die Berufsausbildung als dem traditionellen Weg gerade des Mittelstandes zur Gewinnung von Fachkräften. Ganz gleich jedoch, was die Politik unternehmen wird, um die Berufsausbildung zu stärken und deren Wertschätzung durch junge Menschen zu steigern: Die gesellschaftlichen Entwicklungen lassen sich nicht so einfach umkehren. An Versuchen des Gesetzgebers fehlte es nicht. Nachhaltige Erfolge blieben allerdings stets aus.

Erfolgsrezept: Weiterbildung im Unternehmen

Wichtig für den Mittelstand ist daher, sich alle Ressourcen zur Überwindung des Fachkräftemangels zu erschließen. Es geht dabei nicht nur um die jungen Menschen, die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch um die Berufserfahrenen, deren Arbeitsplätze im Zuge der Transformation gefährdet sind, die eine neue berufliche Perspektive suchen oder noch keinen Zugang zu einer beruflichen Tätigkeit als Fachkraft finden konnten. Der Mittelstand bedarf also gleichermaßen einer Bildungswende und sollte der beruflichen Weiterbildung einen vergleichbaren Stellenwert wie der beruflichen Ausbildung einräumen. Kleinen und mittleren Unternehmen wird der Zugang zur beruflichen Weiterbildung leider eher schwer gemacht. Zwar stellt der Staat für die Weiterbildung vielfältige Förderungswege zur Verfügung, etwa die Förderung Geringqualifizierter, die einen neuen Berufsabschluss benötigen, sowie die Förderung Beschäftigter. Weiterbildung bedeutet zudem eher selten eine mehrjährige Umschulung. Vielmehr kann es sich auch um eine zweimonatige berufsbildspezifische Teilqualifizierung handeln, die unmittelbar danach die Einsatzfähigkeit als Fachkraft im Betrieb gewährleistet. Dennoch stehen KMU, die weiterbilden möchten, vor vielfältigen rechtlichen, infrastrukturellen und organisatorischen Herausforderungen. Als Lösung bietet sich ein kooperatives Vorgehen mehrerer KMU in Form von regionalen „Weiterbildungsverbünden“ an. Als Beispiel dient hier der Weiterbildungsverbund Thüringer Mittelstand (WBV Thüringen), bei dem sich Der Mittelstand. BVMW als Kooperationspartner einbringt.

ESF-Sozialpartnerrichtlinie

Vor allem für den Aufbau und die Ergänzung solcher regionaler Weiterbildungsverbünde haben der Europäische Sozialfonds (ESF) und die Bundesregierung im Juni ein neues Förderprogramm aufgelegt, die „Sozialpartnerrichtlinie“. Ausdrücklich zielt die Förderung gerade auf KMU. Die berufliche Weiterbildung in KMU soll durch einen verbesserten Zugang und durch den Aufbau bedarfsgerechter Weiterbildungsangebote gestärkt werden. Der Mehrwert für den Mittelstand, der auf neue Wege zur Fachkräftesicherung und zur Bewältigung der Transformation angewiesen ist, liegt auf der Hand. Gefördert wird eine Art Rundum-sorglos-Paket für KMU: der Aufbau oder die Ergänzung regionaler Beratungsstrukturen und Netzwerke, die Erhebung des regionalen oder betrieblichen Fachkräfte- und Flexibilitätsbedarfs, die Identifizierung des branchen- oder berufsspezifischen Digitalisierungsbedarfs, die Entwicklung bedarfsgerechter Qualifizierungsangebote sowie die Erprobung von Konzepten zur Bindung von Fachkräften in den Regionen. Die Durchführung der Weiterbildungen selbst wird darüber hinaus über die bereits erwähnte Weiterbildungsförderung nach dem Sozialgesetzbuch III (ko-)finanziert. Für KMU dürfte sich aus der Sozialpartnerrichtlinie eine echte Chance ergeben, neue Ressourcen im Kampf gegen den Fachkräftemangel zu erschließen – Ressourcen, die ihnen ansonsten wohl verschlossen blieben.

 

Thiemo Fojkar
Vorstandsvorsitzender des Internationalen Bundes e. V., BVMW Präsidium, Vorsitzender der BVMW Bildungskommission
www.internationaler-bund.de

Carsten Hübscher
Beauftragter des IB-Vorstandes für Projektentwicklung
www.internationaler-bund.de 

Gut zu wissen

■ Der Europäische Sozialfonds (ESF) ist das wichtigste Instrument der Europäischen Union zur Förderung der Beschäftigung in Europa

■ Weiterbildung ist ein elementarer Schlüssel zur Überwindung des Fachkräftemangels

■ Die „ESF-Sozialpartnerrichtlinie" stärkt die Weiterbildungsbeteiligung in KMU im Zeitalter der Transformation