Wege aus dem Bildungsnotstand

„Deutschland kann Bildung.“ Diese Feststellung traf vielleicht früher einmal zu, heute nicht mehr. An den Universitäten liegt die aktuelle Abbrecherquote der Bachelor-Studierenden bei 35 Prozent.

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Gleichzeitig waren im ersten Quartal 1,74 Millionen Stellen unbesetzt, ein neuer Rekordwert. In der Konsequenz werden Studienabbrecher zur Zielgruppe vieler Betriebe, wenn es um Nachwuchskräfte geht.

Gescheiterte Ex-Studierende als neue Hoffnungsträger – diese bizarre Fehlentwicklung ist auf eine desaströse Bildungspolitik auf Bundes- und Landesebene zurückzuführen. Sie hat den Mittelstand in einen ruinösen Arbeitskräftemangel geführt und Millionen junger Menschen den direkten Weg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft versperrt. So stieg von 2001 bis 2022 die Zahl der Studierenden von 1,9 auf 3,0 Millionen, während die Zahl der Auszubildenden von knapp 1,7 Millionen auf 1,26 Millionen zurückging. Zum 1. August 2022 waren noch 207.000 Plätze oder 46 Prozent aller Ausbildungsstellen unbesetzt. 

Akademisierung kann Fachkräfteproblem nicht lösen Wer nun meint, dass die seit vielen Jahren forcierte Akademisierung mit einer deutlichen Steigerung der Absolventenzahlen unser Fachkräfteproblem lösen würde, irrt sich gewaltig: Lehrermangel, (Haus-) Ärztemangel und Ingenieurmangel sind der beispielhafte Nachweis dafür, dass das Bildungswesen am existenziellen Bedarf in Wirtschaft und Gesellschaft vorbeiqualifiziert. Die Folge: Laut einer Deloitte-Studie ist der Fachkräftemangel das größte Risiko der Wirtschaft – noch vor steigenden Rohstoff- und Energiekosten.

Deutschland hat ein generelles Strukturproblem, für das es keinen schnellen Lösungsweg gibt. Diese Situation ist nicht neu. In den 1960er-Jahren betrug die Abiturientenquote immer weniger als zehn Prozent, heute liegt sie bei 51 Prozent. Im Jahr 1964 wies Georg Picht in seinem Buch „Die deutsche Bildungskatastrophe“ eine breite Öffentlichkeit auf die Brisanz hin. Mit der Forderung „Bürgerrecht auf Bildung“ reagierte Ralf Dahrendorf 1965 auf Picht und brachte mit seinem „Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik“ eine Diskussion in Gange die in den 1970er-Jahren zu grundlegenden Reformen und erheblichen Investitionen in die Bildungs- und Hochschulsysteme führten.

Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Hier nur zwei aktuelle Beispiele für das krachende Scheitern der Bildungspolitik: Im Rahmen des Digitalpaktes der Bundesregierung sollten von 2019 bis 2024 insgesamt 7,15 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden, davon 6,5 Milliarden Euro Bundesmittel. In diese Zeit fiel auch die Corona-Pandemie, die digitale Lösungen unverzichtbar machte, um den Unterricht auch bei Schulschließungen aufrecht zu erhalten. Doch trotz Coronakrise flossen bis Ende 2021 lediglich 1,23 Milliarden Euro ab, davon 804 Millionen Euro an Corona-Hilfen. Das sind gerade einmal 17 Prozent des Digitalpakt-Volumens. Der Bundesrechnungshof sieht denn auch in der Nationalen Bildungsplattform des Digitalpakets eine „drohende Förderruine“.

Gleichzeitig werden die Schülerinnen und Schüler immer schlauer – auf den ersten Blick wenigstens. Es machen nicht nur immer mehr junge Menschen Abitur, auch die Abschlussnoten werden immer besser. Allein in Sachsen hat sich die Zahl der Absolventinnen und Absolventen mit der Traumnote 1,0 von 2013 bis 2022 verfünffacht. Angesichts dieser Entwicklung stellte der MDR die Frage: „Immer mehr Einser-Schüler: Inflation bei den Abiturnoten?“

Auf der anderen Seite bringen immer mehr Studienanfängerinnen und -anfänger nicht mehr das notwendige Vorwissen mit, um tatsächlich hochschulreif zu sein. Bereits 2017 schlugen Mathematiklehrer Alarm: „Die Schüler können immer weniger." Jürgen Böhm, der stellvertretende Vorsitzende unserer Bildungsallianz, stellt dazu fest: „Statt vielfältige differenzierte Bildungsangebote auszubauen, die den jungen Menschen individuelle Wege zum Bildungserfolg ebnen, verbindet man immer mehr Bildungswege mit dem Ziel des Abiturs, die viele junge Menschen vorzeitig aus dem Bildungssystem katapultieren und als Verlierer zurücklassen. Die Ausrichtung auf das Abitur für alle war definitiv der falsche Weg.“ Was also muss passieren, damit unser Bildungssystem wieder zukunftsfähig und damit den Ansprüchen aus Gesellschaft und Wirtschaft gerecht wird?

Hier einige grundlegende Forderungen:

1. Das Abitur muss wieder zur Hochschulreife im Wortsinn führen. Unser Land kann es sich nicht länger leisten, dass fast ein Drittel der Studierenden ohne Abschluss die Hochschulen verlassen. Daher müssen die Lern- und Leistungsanforderungen für den Erhalt der Hochschulreife wieder deutlich erhöht werden. Die Zahl der Studierenden wird mittel- und langfristig abnehmen. Somit geht die Zahl derer, die ein Scheitern an der Hochschule erleben müssen, ebenfalls zurück – verbunden mit der Chance, eine berufliche Karriere auch ohne Hochschule zu machen.

2. Die Meisterprüfung für qualifizierte Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung muss kostenlos werden. Das gilt ebenso für alle entsprechenden Qualifizierungen in diesem Bereich. Hier besteht eine Ungleichbehandlung zwischen Studierenden, die kein Studiengeld zu zahlen brauchen, und Fachkräften, die für ihre Meisterausbildung und -prüfung privates Kapital aufbringen müssen.

3. Alle Möglichkeiten müssen genutzt werden, um betriebliche Ausbildungsangebote attraktiver als bisher zu machen. Hier ist der Staat in der Pflicht, Betriebe zum Beispiel steuerlich zu entlasten, die in besonderer Weise durch ihre Ausbildungsangebote hervorstechen. Das können überdurchschnittliche Vergütungen, Angebote im Bereich des dualen Studiums oder innerbetriebliche Qualifizierungsmodule sein.

4. Schließlich führt kein Weg daran vorbei, dass Deutschland etwas werden muss, wovor es jahrzehntelang zurückschreckte – ein Einwanderungsland. Ohne gezielte, qualifizierte Zuwanderung lassen sich die vorhandenen Strukturprobleme nicht lösen und Fehlentwicklungen korrigieren. Wir müssen endlich die ideologischen Hürden überwinden, die in den vergangenen 40 Jahren verhindert haben, dass unser Land für dringend benötigte Fachkräfte zu einem attraktiven Zielland wird. Dazu bedarf es des Abbaus bürokratischer Hürden, einer positiven Willkommenskultur, offensiver Anwerbungskampagnen, einer aktiven Integrationspolitik und klarer Kriterien bei der Auswahl interessierter Fachkräfte aus aller Welt.

 

Michael Woltering
Mitglied der BVMW-Bundesgeschäftsleitung Ressort Marketing
michael.woltering@bvmw.de 

Gut zu wissen

■ Lern- und Leistungsanforderungen für den Erhalt der Hochschulreife müssen deutlich erhöht werden

■ Die Meisterprüfung für qualifizierte Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung muss kostenlos werden

■ Alle Möglichkeiten nutzen, um betriebliche Ausbildungsangebote attraktiver als bisher zu machen

■ Deutschland muss ein Einwanderungsland werden