Verfahrenstechnik - Made in Germany

Bereits während des Studiums gründete Axel Ebbecke seine erste Firma. Er erlernte Chemieanlagenbau und Pulververfahrenstechnik und leitet seit vielen Jahren sein Unternehmen, das sich der Verfahrenstechnik verschrieben hat.

.
Foto: © A. Ebbecke Verfahrenstechnik AG

Über das breite Spektrum dieser Technik und die verschiedenen Verarbeitungsmöglichkeiten spricht er im Interview.

 

Prof. Dr. Jo Groebel: Herr Ebbecke, zunächst einmal möchte ich gerne ein paar Begriffe klären, die für den Laien nicht ohne Weiteres verständlich sind. Als ich beispielsweise von Lohnfertigung oder Lohnmahlung las, musste ich an Gehalt denken. Das aber ist es ganz bestimmt nicht …

Axel Ebbecke: Der Begriff Lohnfertigung ist eigentlich schon veraltet, das Wort Pulver dagegen kennt jeder. Wir sind Verfahrensentwickler und Partner der internationalen Großindustrie. Diese stellen ein Produkt chemisch her. Für die verschiedenen Anwendungen muss es dann nicht zuletzt in Bezug auf Beschichtung und Oberfläche auf eine bestimmte Spezifikation gebracht werden. Dies fällt den Unternehmen aus Chemie, Pharma, Luftfahrt oft schwer, da sie auf Massenproduktion und standardisierte Verfahren ausgerichtet sind. Die Verfahren zur Herstellung individueller Spezifikationen entwickeln oft wir, um die vielfältigen Kundenwünsche zu erfüllen – wir sprechen hier von Partikeldesign. Dies erfolgt zum Beispiel über eigene Versuche im Technikum mithilfe unserer Technologien, die Ergebnisse werden dann in neue Verfahren und neue Maschinen umgesetzt. Sehr häufig gibt es diese Maschinen noch gar nicht auf dem Markt, sondern werden von uns für den Kunden entwickelt. Weltweit gibt es sehr wenige Firmen, die sich mit der Komplexität der Pulververarbeitung auseinandersetzen. Pulver werden übrigens in der Industrie meist höchst ungern hergestellt. Das Material ist sehr störrisch und reagiert in unterschiedlichen Zuständen völlig anders. Wir stellen über achthundert verschiedene Produkte her. Eine wirklich große Bandbreite.

All das erfordert umfangreiche Analysen und Analysemethoden. Die Kooperation mit Partnern und Kunden ist offensichtlich sehr intensiv.

Richtig. Wir sind meist Outsourcing-Partner für Großunternehmen. Zum Teil übernehmen wir komplette Werke von Firmen und entwickeln sie weiter. Ein Beispiel: Wir decken rund 70 Prozent des europäischen Marktes für Additive bei Automobilschläuchen und Kabeln ab, die von den führenden europäischen Herstellern selbst produziert werden. Wir haben Teile ihres Stammwerkes übernommen und gemeinsam mit deren Ingenieuren modernisiert, weiterentwickelt und erfolgreich auf den aktuellsten technischen Stand gebracht. Wir stellen dort um die 4.000 Tonnen bei minus 80 Grad mit Flüssigstickstoff auf sieben Produktionsstraßen her. Zudem mussten wir nach speziellen Vorgaben des Kunden noch ein Logistikzentrum errichten. Insgesamt ein hochkomplexes Projekt. In diesem Fall auch deshalb, da unser Kunde für sensible Branchen arbeitet.

Ihre gelungene Kommunikation bietet über Website und Ihren eigenen Blog exzellente Möglichkeiten, tiefer in die Themen rund um Ihr Unternehmen einzusteigen. Die AG trägt Ihren Namen, erzählen Sie gerne mehr zu Geschichte und zu den Schwerpunkten des Unternehmens.

Ein Schwerpunkt ist der Flugzeugbau. Unsere Oberflächenbearbeitung befindet sich auf Teilen der Maschinen von Boeing und Lockheed. Das Metier habe ich während meines Ingenieur-Studiums in Mannheim und der Spezialisierung auf Chemieanlagenbau und Pulververfahrenstechnik von der Pike auf gelernt. Zusätzlich absolvierte ich den Studiengang zum Diplom-Kaufmann, parallel zum Durchlaufen aller Abteilungen bis hin zum Vorstand bei dem damals bekannten Maschinenbauer im Bereich der Pulvertechnologie in Ludwigshafen zunächst als Werkstudent. Mit 22 Jahren habe ich meine erste eigene Firma gegründet. Zudem eröffnete ich mit Kommilitonen ein Handelsunternehmen für den Export nach Japan, zum Beispiel für Design- und medizinische Produkte.

Das klingt nach einem frühen Startup. Waren und sind Sie inspiriert durchs Elternhaus?

Mein Vater war selbstständig, er hatte ein Vertriebsbüro für die Maschinenindustrie. Das hat sicher meinen Wunsch nach Unabhängigkeit geprägt. Und die ganze Bandbreite unternehmerischen Schaffens faszinierte mich. So war ich während des Studiums auch noch Projektleiter für Millionenprojekte im Immobiliensektor. Das Unternehmen hatte mir im sechsten Semester bereits einen Vollzeitjob angeboten. Doch ich blieb selbstständig, setzte die Idee um, für bestimmte Herstellungsverfahren der chemischen Industrie eine Firma mit eigenen Maschinen zu gründen, die dann im Outsourcing für andere arbeitet. Wir fingen recht klein an, wuchsen dann aber kontinuierlich zusammen mit unseren Kunden. Anfang der 2000er-Jahre konnten wir in der Nähe von Frankfurt am Main als erster der Branche eine Bundeswehrkaserne kaufen und hatten so für unsere Zwecke geeignete und große Räume. Stolz bin ich auf unser Wachstum, aber auch darauf, noch nie Verluste gemacht zu haben. In diesem Jahr erwarten wir sogar ein Wachstum von 30 Prozent. Das steht im Zusammenhang mit vielen Großprojekten, die wir realisieren konnten.

Ihre Standorte sind im Rhein-Main-Gebiet. Spielt neben der Akquisition von Arbeitskräften die Region darüber hinaus eine Rolle?

Der Standort mit den 20 Hallen der früheren Kaserne war wichtig, 2006 kauften wir als Industriepark eine weitere Kaserne hinzu und etwas später, ebenfalls nicht weit entfernt, ein ehemaliges BuderusFoto: Gelände. Die Mitte Deutschlands und vor allem die Flughafennähe sind selbstverständlich sehr vorteilhaft. Die Kombination mit großen Flächen sind für uns zentral. Der Regionalbezug zeigt sich auch in der Tatsache, dass ich hier Mitglied der IHK-Vollversammlung bin sowie Sprecher der Wirtschaftsinitiative Mittelstand. Letzteres übrigens in enger Kooperation mit dem BVMW.

Für viele ist Fachkräftemangel ein Thema, sind auch Sie davon betroffen?

Wir haben drei Problemkreise, und der Fachkräftemangel ist einer von den dreien.

Und die anderen beiden?

Da wären noch die stabilen Supply-Chain-Ketten vor allem auf internationaler Ebene. Und schließlich führen wir einen ständigen Kampf gegen Auflagen und Anforderungen durch die Behörden.

Das Monster Bürokratie …

Kann man so sagen. Manche Zuständige sind unternehmensfreundlich, erleichtern Abläufe. Leider müssen wir aber auch feststellen, dass andere formalistisch handeln und zum Beispiel Baugenehmigungen unendlich lange dauern. Oder die im Prinzip nachvollziehbaren, dann aber häufig nicht mehr sinnvollen Auslegungen der Behörden für Gefahrenabwehr und so weiter …

Bürokratieabbau, auch ein großes Thema für den BVMW.

Auf jeden Fall. Häufig fehlt das Verständnis für den Mittelstand. Das Klima für uns alle scheint mir sogar schlechter geworden zu sein. Junge Menschen bekommen heute weniger von uns mit als noch zu meiner Jugendzeit. Viele suchen lieber einen sicheren Job bei einer Behörde. Es fehlt ihnen dann das Verständnis für unseren Sektor.

Immerhin schafft der BVMW eine recht hohe öffentliche Sichtbarkeit für die mittelständische Wirtschaft. Auch wenn das schwieriger erscheint als für Großindustrie, Startups oder eben öffentliche Institutionen.

Es fehlt bei den Letztgenannten die Vermittlung der harten Grundlagenarbeit. Etliche jüngere Leute erliegen der Illusion, man könne mal eben über Nacht als Startup Millionär werden oder schnell in den sicheren Schoß eines großen Unternehmens oder einer Behörde kommen. Sie scheuen die Mühe, da sich die Belohnungen erst nach Jahren einstellen.

Der BVMW setzt sich auch seit Jahren dafür ein, dass die Schulen stärker einbezogen werden.

Das ist gut so. Immerhin konnte hier das Fach Wirtschaft in die Lehrpläne aufgenommen werden. Verpflichtend als Unternehmensworkshop für alle Schüler. Unternehmerisches und kaufmännisches Denken soll hier vermittelt werden. Wir haben hier bereits vor sieben Jahren einen jährlich stattfindenden Unternehmensworkshop an Gymnasien unserer Region initiiert.

Wie steht es um die Verteilung in Forschung, Entwicklung und Herstellung im Unternehmen?

Die meisten Verfahren entwickle ich sogar selbst, ein kleines Team von etwa fünf, sechs Leuten unterstützt mich dabei. Zudem haben wir einen Expertenkreis aus ehemaligen Kunden, die bei Forschung und Entwicklung immer involviert sind. Dazu gehört auch mein Vater mit mittlerweile 83 Jahren. Mischtechnik und weitere Spezialthemen werden von Senioren-Fachleuten abgedeckt. Letztere haben ein unglaubliches Fachwissen.

Mir fiel der Begriff Schwarzprodukte auf. Das hat sicherlich nichts mit Schwarzpulver zu tun?

Nein, das Behandeln von Materialien mit schwarz pigmentierten Produkten stellt allerdings besondere logistische Herausforderungen dar, da Weiss-und Schwarzprodukte nicht vermischt werden dürfen.

Naiv würde man sich bei der Pulverproduktion eine Art mechanische Mahlmühle vorstellen. Aber dies ist wohl zu einfach.

Was es so spannend macht, sind die Details. Spezielle Eigenschaften wie spezifisches Gewicht, Porosität, Oberflächengröße und Vieles mehr stehen in einer jeweils eklatanten eigenen Wechselwirkung. Nachhaltigkeit schafft man dabei nur über die Partikeltechnologie. Bei der Herstellung von Turbinen im Flugzeugbau muss zum Beispiel das Dehnungsverhalten des Materials berücksichtigt werden. Unterschiede können hier bis zu zehn Prozent des Kerosinverbrauchs ausmachen.

Ganz andere Beispiele sind Spülmaschinentabs oder Haarconditioner. Wir stellen für solche Branchen Mikrogranulate her, das erfordert immer spezifische Analysen und Umsetzungen. 3D-Drucker benötigen passgenaue und konstante Pulverqualitäten, um beispielsweise Teile für Flugzeuge in hoher Qualität zu produzieren. Da müssen Pulvermischung und Partikelstruktur hundertprozentig konstant sein. Die Homogenität des Pulvers ist eine große Herausforderung bei den künftigen 3D-Druckern. Das Ergebnis sind dann thermisch und mechanisch hochfeste Bauteile.

Gründlichste Planung und ständige Überprüfung sind USPs Ihres Unternehmens. Auch der Einsatz von digital basierter Künstlicher Intelligenz?

Unsere Anlagen sind hochgradig automatisiert, die Datenanalyse und -dokumentation ist dabei unabdingbar. Nachhaltigkeit ist ein inzwischen immer einzurechnender Faktor, ständig entwickeln wir auch diesem Bereich neue Produkte mit spezifischen Materialmixes. Wir haben eine Formel erstellt, um das mittel- und langfristige, nie vermeidbare Risiko zwischen uns und einem Kunden je hälftig zu teilen. Wir selbst investieren in die neue Anlage und bauen sie innerhalb eines Jahres von der Planung bis zur Fertigstellung auf. Dafür würden Großfirmen aus der Chemie drei bis vier Jahre brauchen. Das verteilte Risiko hat hierdurch viele Produkte erst möglich gemacht.

Ein zentraler Begriff ist für Sie Innovative Green Technology. Ein weiterer Wert ist für Sie Partnerschaft. All das nicht Floskeln, sondern gelebte Unternehmenspraxis.

Naturschutz liegt uns am Herzen und war von Anfang an für uns ein bestimmendes Prinzip. Wichtig für unsere Herstellungsverfahren und wichtig für die Kooperation mit unseren Partnern. Auf unseren Hallen sind Nistplätze für Turmfalken, wir haben Bienenstöcke gebaut, große Wasserflächen angelegt für Zugvögel, wir pflanzen Bäume und haben eine Patenschaft für Monty – unsere Sea Turtle. Für mich als seit 35 Jahren begeisterten Sporttaucher spielt Meeresschutz eine wichtige Rolle, und als Jäger ist für mich die Bewahrung der Natur selbstverständlich.

Vieles verbindet sich dann auch mit Ihrer Familie.

Genau, zum Beispiel unsere gemeinsamen Törns mit eigener Tauchstation auf unserem Boot. Tauchen gehört jedenfalls zu meinen beziehungsweise zu unseren Leidenschaften.

Heißt Familie auch, dass eines Ihrer beiden Kinder eines Tages ins Unternehmen einsteigt, so wie Sie von Ihrem Vater übernommen haben?

Das gehört zum Plan, geschieht aber zugleich ohne Druck. Sollte es nicht passen, sind auch andere Führungskonstruktionen denkbar.

Ein wahrlich erfülltes Leben. Und eines, bei dem Sie häufig Arbeit, Familie und Freizeit miteinander verknüpfen können.

Und den Einsatz für Kultur und Allgemeinwohl. So tragen wir mit unserer Pulvertechnologie auch zur Restaurierung des hiesigen eigenen Barockschlosses bei, nicht zuletzt für eine optimale Wärmedämmung. Ich habe dafür etliche Stunden investiert.

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und die Tatsache, dass ich jetzt Pulvertechnologie noch viel interessanter und spannender finde als vor unserem Austausch.

 

Das Gespräch führte der Medienexperte Prof. Dr. Jo Groebel

VITA

Axel Ebbecke (51) studierte Chemische Verfahrenstechnik in Mannheim und Betriebswirtschaftslehre an der Johann-Gutenberg-Universität, Mainz. 2002 gründete er das Unternehmen A. Ebbecke Verfahrenstechnik AG und expandierte es zu einem der führenden Be- und Verarbeiter von pulverförmigen Produkten in Europa. Das Unternehmen verfügt über eine Vielzahl an Sonderanlagen, die ein breites Spektrum der Partikeltechnologie im Bereich der mechanischen Verfahrenstechnik abdecken.

A. Ebbecke Verfahrenstechnik AG

Rechtsform: Aktiengesellschaft

Gründung: 2002

Sitz: Bruchköbel (Hessen)

Vorstandsvorsitzender: Axel Ebbecke

Mitarbeiter: 120

Umsatz: 18 Millionen Euro

Branche: Contract Manufacturing/Contract Process Development

Produkte: Mikronisierung/Vermahlung, kryogene Aufbereitung, Mischung/Coating, Granulierung/Kompaktierung, Pastillierung, Siebung, Trocknung, u. a.

www.evt-ag.de