"Zukunftsfähigkeit professionell gestalten"

Die infoteam Software Gruppe realisiert seit fast 40 Jahren spezifische Softwarelösungen für ihre Kunden und wurde in diesem Sommer vom StMWi Bayern als eines von „Bayerns Best 50“-Unternehmen ausgezeichnet.

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Foto: © infoteam Software AG

Darüber hinaus erhielt infoteam 2020 den New Work Star Award zweimal in Gold und einmal in Silber. Das Unternehmen zählt zu den Top 100 innovativsten Mittelständlern hierzulande. Im Interview spricht Vorstandsvorsitzender Joachim Strobel über Herausforderungen und Chancen.

Prof. Dr. Jo Groebel: Herr Strobel, Ihr Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, eine Mitarbeitergesellschaft zu sein. Bitte erläutern Sie das.

Joachim Strobel: Dazu erzähle ich gerne die Geschichte unseres Gründers Wolfgang Brendel. Er war Abteilungsleiter in einer großen deutschen Elektronikfirma hier in der Nähe. Als sein kleiner Sohn ihn dort eines Tages besuchen wollte, wurde er vom Werkschutz aufgehalten. Daraufhin beschloss Wolfgang Brendel die Gründung eines mitarbeiterfreundlicheren Unternehmens, das in seinen Angestellten nicht nur Funktionserfüller sieht. Jeder sollte sich als Person vollständig einbringen können und genauso wertgeschätzt werden. Mit diesem Ethos, das die Werte unseres Gründers beschreibt, entstand infoteam. Bis heute kann jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter in einer Führungsposition oder mit einer Betriebszugehörigkeit von mehr als zehn Jahren vinkulierte Namensaktien erhalten. Damit kann der Vorstand Einfluss darauf nehmen, wer Aktien kaufen darf und wer nicht. Alle Aktien sind somit in den Händen von aktiven oder ehemaligen Angestellten – immerhin gibt es infoteam inzwischen schon seit fast 40 Jahren, also seit 1983.

Die Schwerpunkte Ihres Softwareunternehmens liegen in den Bereichen Industry, Infrastructure, Life Science und Public Service. Erzählen Sie gerne mehr über Ihr Kerngeschäft.

Das technische Spektrum unserer Dienstleistungen im Software Engineering beginnt sehr hardwarenah mit der Entwicklung sogenannter „Embedded Software“, also Software in kleinen automatisierten Schaltungen, die der Normalverbraucher meist gar nicht wahrnimmt. Im kommerziellen Umfeld sprechen wir von Sensoren und Steuerungen, bei denen immer auch Daten anfallen. Diese Daten lassen sich dank der Software intelligent weiterverarbeiten, indem sie in der Middleware oder in der Cloud gesammelt und analysiert werden. Die Begriffe Data Science und Data Analytics dürften viele schon gehört haben. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer ganzen Kette verbundener Leistungen: Datenerfassung, Datensammlung, Speicherung und schließlich der Anwendung intelligenter Algorithmen, um die in den Daten verborgenen Aussagen herauszuarbeiten. Ein Teil dessen ist auch das User Interface, die Benutzerschnittstelle, und schließlich die Visualisierung der Ergebnisse auf mobilen Endgeräten. All das bringen wir zur Anwendung in unseren Märkten Life Science und Industry, im Maschinenbau und in der Laborautomatisierung. Zudem sind wir seit einigen Jahren auch in der Verwaltung im Bereich Public Service aktiv.

Ein Organisationsbereich Ihres Unternehmens nennt sich „Expert House“. Können Sie sagen, worum es sich dabei handelt?

Das von Ihnen angesprochene Expert House ist ein organisatorischer Teilbereich unserer Personalabteilung. Neue Mitarbeitende ohne viel Berufserfahrung werden über ein Grundcurriculum in die Praxis eingeführt, beispielsweise Informatiker, die direkt von der Hochschule zu infoteam kommen. Mit dieser internen Ausbildung bieten wir die optimale Kombination aus Theorie und Praxis. Weiterhin helfen wir den Berufseinsteigern durch engere Betreuung, den Einstieg ins Berufsleben reibungsloser zu gestalten.

Sie stehen mit Ihrem Unternehmen auch für den guten Ruf Deutschlands, was die Verbindung exzellenter Ingenieursleistung mit der digitalen Welt betrifft – Stichwort Industrie 4.0. Wie kann unser Land noch besser werden?

Vermutlich setzen wir zu sehr auf die akademische Bildung als angeblich einzige hochwertige Basis zur Berufsvorbereitung. Selbstverständlich braucht man Forscher und Denker. Aber man braucht auch Praktiker auf hohem Niveau. Daran jedoch hapert es in Deutschland zunehmend. In der Schweiz absolvieren beispielsweise nur 25 Prozent eines Jahrgangs das Abitur. Eine wissenschaftliche Qualifikation sollte zunächst zu wissenschaftlicher Arbeit führen. Die meisten Absolventen sind deshalb für andere Jobs nicht qualifiziert, um bewusst nicht zu sagen: überqualifiziert. Es fehlt an Digitalexperten, IT-Leuten für die Praxis, übrigens nicht zuletzt auch Facharbeitern. Was wir brauchen, ist praktische Berufsausbildung auf höchstem Niveau und eine gute berufliche Weiterbildung.

Welche Rolle spielt der BVMW für eine Verbesserung der Situation?

Eine sehr wichtige. Und er handelt ja auch seit Langem entsprechend. Seine guten Verbindungen zu Ministerien und seine Entscheidungen tragen zu einer viel stärkeren Bewusstseinsbildung bei – und auch zur Bereitschaft, Strukturen und Mentalitäten zu ändern. Das Engagement zeigt Wirkung.

Wie selbstverständlich ist heute bei Ihren Kunden, Ihren Partnern, dass das Digitale strategisch auf der Vorstandsebene angesiedelt ist?

Unsere Ansprechpartner sitzen in der Regel in der IT-Abteilung und dort dann meist auf der Ebene der Abteilungsleiter, deutlich seltener auf der Vorstandsebene. Mit unserem Angebot denken wir über die reine Umsetzung im funktional-betrieblichen Sinne hinaus. Unser wesentlicher Wert besteht darin, das involvierte Personal, unser eigenes und das der Kunden und Partner, auch in Soft Skills zu schulen. Gemeinsam mit dem Kunden erarbeiten wir die optimalen Lösungen. Am Anfang steht häufig ein punktuelles Problem, das in Workshops analysiert wird. Diese Analyse führt dann nicht nur zu einer besseren Lösung, in der Regel können wir mithilfe digitaler Kompetenz auch zu grundlegenderen Antworten auf strukturelle Herausforderungen beitragen. Unter dem Stichwort Value Proposition wird dann eine integrierte Software entwickelt oder weiterentwickelt.

Das scheint mir mit der Feststellung zu korrelieren, dass in vielen Unternehmen noch verborgene Schätze in Form aller möglichen Arten von Daten schlummern. Sie nennen es Data Analytics: die intelligente Auswertung von vorhandenen Daten zu Betriebsabläufen.

Ich schätze, dass lediglich ein Prozent der wertvollen Daten entsprechend verarbeitet wird. Ein Grund dafür ist, dass diese Daten in sehr vielen unterschiedlichen Töpfen vorliegen oder abgespeichert werden, die so gut wie gar nicht integriert und aufeinander bezogen werden. Der Aufwand, dieses Sammelsurium an Daten in einer verwertbaren Form zusammenzubringen, wird schlicht gescheut. In vielen Fällen begeben wir uns deshalb mit unseren Kunden erst einmal auf die Suche, wo Daten anfallen und wie sie in eine auswertbare Form gebracht werden können.

Was wäre ein anschauliches Praxisbeispiel für Data Analytics?

Die Ausfallvorhersage von Gerätekomponenten anhand von Betriebsdaten ist ein schönes Beispiel. Nehmen wir einen Computertomografen. Dort wird über ein Gestell mit sehr hohem Gewicht ein Patient zwecks Messung langsam durch eine Röhre bewegt; dabei spielt der C-Bogen eine wichtige Rolle. Die bewegliche Schiene läuft über Kugellager, die einer extremen Dauerbelastung ausgesetzt sind – irgendwann sind sie verschlissen. Der plötzliche Ausfall ist mit hohen Kosten verbunden. Mittlerweile sind aber in die C-Bögen Mikrofone eingebaut, die die Geräusche der Kugellager erfassen. Die entsprechend gemessenen und in mp3-Dateien gespeicherten Töne und deren Veränderungen erlauben durch die Analyse und den Vergleich mit vorhandenen Daten ziemlich genaue Voraussagen darüber, wann in den nächsten wenigen Wochen ein Ausfall zu erwarten ist. Der rechtzeitige Austausch der Kugellager kann diesen Ausfall und damit hohe Kosten verhindern.

Viele haben Angst, menschliche Entscheidungen würden durch KI, also Künstliche Intelligenz, ersetzt werden.

Meist können wir eher von einer Erweiterung und Unterstützung menschlicher Analyse sprechen als vom Totalersatz einer Arbeitskraft. Zu Veränderungen mancher Arbeitsgestaltung wird es aber sicherlich kommen. Die EU hat nun Initiativen rund um „Explainable and Trustworthy Artificial Intelligence“ gestartet. Demnach sind Normen für KI künftig so zu gestalten, dass sie nachvollziehbar und vertrauenswürdig kommuniziert werden. Wir sind in diversen Arbeitsgruppen vertreten und können so zur Vertrauensbildung beitragen. Das Gleiche gilt für mein Engagement in der Bundesfachkommission Künstliche Intelligenz des Wirtschaftsrates der CDU.

Die Nachvollziehbarkeit digitaler Abläufe auch für den Laien gehört für Sie also zu den Grundwerten Ihrer Tätigkeit?

Ja, selbstverständlich. Damit wird Menschen zugleich die Angst vor dem Digitalen und vor scheinbar unkontrollierbarer, in Wirklichkeit aber gesteuerter und unterstützender Technik genommen. Datensicherheit ist ein großes Thema für Sie. Absolut! Aber hier müssen wir unterscheiden: Safety bezieht sich auf funktional sichere Systeme; klassisches Beispiel: die Totmannschatung beim Lokführer, die eine Notbremsung auslöst, sobald die Hand einen Knopf loslässt. Das System muss immer funktionieren und wird ständig durch zwei völlig unabhängige Regelkreise überprüft. Security hingegen heißt Sicherheit der Daten vor unbefugtem Zugriff. Beides ist unabdingbar.

Gehört Cyber Security auch zu Ihrem Kerngeschäft?

Sie läuft selbstverständlich immer mit. Als eigenständiges Geschäftsmodell zählt sie allerdings erst seit ein paar Jahren zu unserem Angebot. Viele unserer Kunden betrachten Cyber Security immer noch als selbstverständlich vorhanden. Dass es sich dabei aber um eine Kernaufgabe für jedes Unternehmen handelt, diese Erkenntnis setzt sich erst allmählich durch. In dem Bereich haben wir mittlerweile eine große Kompetenz entwickelt, vor allem was intensive Beratung betrifft. Das Stichwort lautet wieder integrierte Lösungen. Unsere ISO27001 Zertifizierung steht für ein sehr hohes Maß an Datensicherheit, egal für welche Anwendungen wir aktiv werden. Leider kommt das Bewusstsein für den Bedarf an einer guten grundlegenden Sicherheitsarchitektur immer erst dann auf, wenn es wieder irgendeinen Skandal gab, irgendein spektakuläres Hacking stattfand.

Woran liegt die Ignoranz?

Der simple Grund ist eine klassische Vogel-Strauß-Mentalität, da man nach wie vor in traditionellen Strukturen verhaftet ist, auch in der Medizintechnik. Das macht die Branche leider häufig noch sehr vulnerabel mit verheerenden Konsequenzen.

Vermutlich vor allem zutreffend für mittelständische Unternehmen?

Die ganz Großen haben sich hier abgesichert, aber kleinere und mittlere Unternehmen sind häufig immer noch auf die nur kurzfristige Kosten-Nutzen-Frage fixiert. Wir haben uns zur Überprüfung unserer eigenen Qualität mehrmals selbst hacken lassen – bis hin zu Tricks mit gefälschten Mitarbeiterausweisen, wie es eben auch in der Realität passieren könnte. Wir waren schon sehr gut geschützt, aber auch wir konnten irgendwann ausgetrickst werden. All dies half selbstverständlich, weitere Schwachstellen auszuschalten.

Noch eine Frage zur Bilderkennung: Welche Rolle spielt sie?

Wir haben dazu aktuell ein Forschungsprojekt in der Schweiz: Auf Nebenstrecken fährt mit langsamer Geschwindigkeit ein führerloser, automatisierter Zug. Bilderkennung muss nicht nur einen Menschen auf den Schienen erkennen, sondern auch andere Hindernisse, und das in Bruchteilen von Sekunden. Das muss dann zu direkter Abbremsung führen.

Ein ganz anderes, aber wichtiges Thema sind Ihre zahlreichen Auszeichnungen. Welche sind Ihnen besonders wichtig?

Wir freuen uns über alle, daher erwähne ich stellvertretend an dieser Stelle die Auszeichnung „Bayerns Best 50“, mit der uns Ende Juli dieses Jahres das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie ausgezeichnet hat. Darüber hinaus erhielten wir im vergangenen Jahr den Top 100 Innovation Award und im Jahr 2020 den New Work Star Award zweimal in Gold und einmal in Silber für unsere Leistungen zur Arbeitsgestaltung während der Pandemie.

 

Das Gespräch führte der Medienexperte Prof. Dr. Jo Groebel

VITA

Joachim Strobel (56) ist gelernter Industriekaufmann und studierter Betriebswirt und war vor seinem Einstieg bei der infoteam Software AG zuletzt bei einem Finanzunternehmen in der Schweiz tätig. Im Jahr 2014 startete er als Kaufmännischer Leiter beziehungsweise CFO bei infoteam, seit 2018 ist er CEO. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder aus erster Ehe.

infoteam Software AG

Rechtsform: Mitarbeiter-AG

Gründung: 1983

Sitz: Bubenreuth (Metropolregion Nürnberg)

Vorstandsvorsitzender: Joachim Strobel

Mitarbeiter: 344

Umsatz: rund 30 Millionen Euro

Branche: Software Engineering/Softwaredienstleistungen

Produkte: Softwarelösungen und Consulting

www.infoteam.de