50 Jahre Biotechnologie in Penzberg

Hätte man den Penzberger Bürgern vor 50 Jahren prophezeit, wie sich ihre kleine, südlich von München gelegene Stadt in den nächsten Jahrzehnten entwickeln würde, sie hätten einen ausgelacht.

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Fotos: © Roche Diagnostics GmbH

Dass dieses 170 Jahre lang vom Bergbau geprägte Städtchen später Sitz eines der größten Biotechnologie-Zentren Europas sein würde, war damals absolut nicht vorstellbar.

Das Besondere an Penzberg ist sicher auch die Lage im Voralpenland mit seinem hohen Lebens- und Freizeitwert“, sagt Dr. Johannes Ritter, Kommunikationschef am Standort. „Betrachtet man aber die Besonderheit des Standorts, dann liegt diese in der einzigartigen Verzahnung von Forschung, Entwicklung und Produktion in den Bereichen Pharma und Diagnostics. Ganz im Sinne der personalisierten Medizin bedeutet das kurze Wege und ressortübergreifende Zusammenarbeit. Und das wiederum ist die Basis unseres Erfolges.“

Größter Arbeitgeber, größter Ausbilder

Dass dieser Erfolg auch die Berufsausbildung bei Roche sehr interessant macht, zeigt die beeindruckende Zahl 100: So viele junge Menschen fangen alljährlich in Penzberg unter anderem als Biologielaboranten, Chemielaboranten, Chemikanten oder als Kaufleute für Büromanagement an. Und noch eine Zahl: Im Jubiläumsjahr 2022 arbeiten hier mehr als 7.200 Beschäftigte. Das hat auch positive Auswirkungen auf das Geschäftsleben in der Stadt und im Umland. Denn Roche nutzt die Ressourcen der Region und arbeitet eng mit Zulieferern, Handwerksbetrieben und Baufirmen aus der Umgebung zusammen.

1972 kam Boehringer Mannheim

Dabei fing alles mit einem Zufall an. Als die Dependance von Boehringer Mannheim im nahegelegenen Tutzing aus allen Nähten zu platzen drohte, eine Betriebserweiterung in der Starnberger-See-Gemeinde aber nicht möglich schien, machten sich die Verantwortlichen auf die Suche nach einem neuen Produktionsstandort. Man stieß zufällig auf das seit Jahren brachliegende Gelände des ehemaligen Bergwerks in Penzberg. Bei der Besichtigung im Winter soll die Sonne geschienen haben, der Himmel blau gewesen sein, und reichlich Schnee habe die Ödnis des Geländes kaschiert. Boehringer Mannheim schlug zu – und am 29. Juni 1972 wurde der Grundstein gelegt: sowohl für das erste Gebäude als auch, visionierend, für ein großes Werk und zudem hoffend auf großen Erfolg. Und genau so kam es. Die erste Belegschaft bestand bei Inbetriebnahme 1974 aus 125 Mitarbeitenden.

Boehringer Mannheim baute Penzberg zum Forschungs- und Produktionsstandort aus, entwickelte die industrielle Biotechnologie im - mer weiter, schaffte die Meisterleistung einer Enzym-Klonierung und brachte unter anderem Medikamente für die Behandlung von Blutarmut und bei Herzinfarkten auf den Markt. Der Standort Penzberg erlangte internationales Renommee.

Dann kam Roche

Im Jahr 1997 erwarb der Schweizer HealthcarePharma-Konzern Roche das Unternehmen Boehringer Mannheim mit all seinen Werken. In Penzberg machte man sich Sorgen, wie es nun weiterginge. Es gab sogar eine Demonstration der bisherigen Boehringer-Belegschaft, weil es die Befürchtung gab, dass der Standort Penzberg aufgege - ben würde. Eine Sorge, die sich sehr schnell als haltlos erwies. Roche investierte, stellte ein, optimierte das Werk „in Greater Munich“, wie der Slogan lautete. Und man setzte Zeichen. Zum Beispiel mit der Produktion eines Medikaments zur Bekämpfung von Hepatitis B und C, mit der Entwicklung gentechnisch erzeugter Antikörper gegen Brustkrebs, der Entwicklung von Biomarkern zur Tumorbekämpfung, der Erforschung, Entwicklung und Produktion des „SARS-CoV-2-An - tigentests“ während der Corona-Pandemie und jüngst mit der Erfor - schung, Entwicklung und Produktion eines spezifischen Antikörpers zur Behandlung der feuchten altersbedingten Makula-Degeneration sowie des diabetischen Makulaödems. 50 Jahre nach der Grundsteinlegung für die Biotechnologie in Penzberg gilt der Penzberger Roche-Standort als herausragende Größe im internationalen Pharma- und Diagnostik-Geschehen.

Nicht nur Rückschau, sondern auch Zukunftsperspektive

Fragt man heute bei Roche, welche Schwerpunkte für die Zukunft gesetzt werden, bekommt man mehrere genannt. Es gehe darum, Schnittstelle höchster wissenschaftlicher und technischer Kompe - tenzen zu sein. Man möchte weiterhin beste Ausbildungs- und Ent - wicklungsmöglichkeiten in vorbildlicher Mitarbeiter- und Führungs - kultur bieten. Großes Augenmerk gelte bewusster Nachhaltigkeit und zukunftsorientiertem Handeln. Die bedeutsamste Aussage aber ist wohl die: Roche will „immer dem weltweiten Wohl der Patientinnen und Patienten verpflichtet sein“.

 

Stefan König
Freier Autor
mittelstand@bvmw.de