Filmtipp: Herr Bachmann und seine Klasse

Mathe, Englisch, Deutsch. Geduld, Zuhören und Empathie. Maria Speths Dokumentarfilm sucht die Balance zwischen PISA und Charakterbildung.

Foto: © Madonnenfilm
Foto: © Madonnenfilm

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ schrieb Seneca vor über 2.000 Jahren. Ein seither tausendfach bemühter Satz im Lichte der jeweils vorherrschenden Lehr- und Lernpsychologie mal mehr, mal weniger zielführend. Die Dokumentarfilmerin Maria Speth hat mit „Herr Bachmann und seine Klasse“ das Porträt eines Grundschullehrers einer sechsten Klasse im hessischen Stadtallendorf gezeichnet, der Senecas Diktum mit Hingabe, Empathie und vor allem Zeit füllt. Maria Speth folgt Bachmann und seiner Klasse dabei unaufdringlich und zwingt die Zuschauer zu ebendieser Empathie und Geduld: Dreieinhalb Stunden dauert ihre Dokumentation.

Integralrechnung und Weltschmerz

Dieter Bachmann trägt Hard-Rock Hoodies, selbst gestrickte Wollmützen und macht überhaupt den Eindruck eines tiefenentspannten Altlinken. Die Biografie klingt danach: studierter Soziologe, ehemaliger Steinmetz und Folksänger. Erst mit 40 schlug er die Pädagogenlaufbahn ein, Mathematik und Geografie sind seine Fächer. Doch genau das sieht man ihn selten unterrichten. Seine sechste Klasse in der Gesamtschule versammelt Kinder aus zwölf Nationen, alle in der frühen Pubertät. Da muss der krude Lernstoff manchmal hintanstehen – etwa zugunsten von Ferda, die traurig ist und getröstet werden muss.

Bachmann lässt Integralrechnung und den Rest der Klasse warten, setzt sich zu Ferda. „Ich bin da. Ich höre dir zu.“ Oder die quirlige Stefi, die erst unlängst aus Bulgarien kam. Sie findet Liebe zwischen Frauen „eklig“. Warum, will Bachmann wissen. „Ist halt eklig!“. „Aber warum? Erklär‘s mir.“ „Weiß auch nicht ...“ „Schon besser.“

Manchmal kann man auch nur jonglieren

Überhaupt wird viel geredet und musiziert – und jongliert. Das Klassenzimmer ist voller Instrumente, Kinder- und Jugendbüchern, Spielzeug. Jeder darf sich an einem Instrument ausprobieren, Rock-Klassiker aus Bachmanns Jugend werden einstudiert. Irgendwann muss er selber sagen: „Wir machen ja nicht nur Musik hier, auch Mathe und Englisch.“ Schließlich wird in Hessen nach dieser sechsten Klasse über die weitere Schulform entschieden: Haupt-, Realschule oder Gymnasium.

Bei so viel Zuwendung, Trost, Gesprächen über gleichgeschlechtliche Liebe, Identität und Herkunft verliert Bachmann den harten Bildungsauftrag nicht aus den Augen: Die Hälfte wird es auf das Gymnasium schaffen, fünf auf die Realschule und zwei werden die Hauptschule besuchen. Und am Ende eines Schuljahres, komprimiert auf drei Stunden, lieben wir „seine“ Kinder genau wie er. Und ihn auch.

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@ bvmw.de