Sinkendes Bildungsniveau in Deutschland wird zum Problem für KMU

Mit welchen Problemen haben kleine und mittlere Unternehmen auf der Suche nach Auszubildenden zu kämpfen? Und wie gelingt es, die zahlreichen freien Stellen mit kompetenten Bewerbern zu besetzen? DER Mittelstand. hat im BVMW nachgefragt.

Qualität der Bewerber nimmt ab

Die Qualität der Bewerber nimmt ab, weil die besser Ausgebildeten entweder ein Studium oder eine Ausbildung in einem großen Konzern beginnen. Dort sind die Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen größer als bei einem Mittelständler. Hinzu kommen Incentives wie Jahresprämien und geldwerte Vorteile, von denen die großen Konzerne einfach mehr anbieten können als Mittelständler. Ein Lösungsvorschlag könnte sein, dass kleine und mittlere Unternehmen Sachzuwendungen mit geringerem Aufwand umsetzen können, als das für einen großen Konzern möglich ist.

Was die Qualität der Bewerber betrifft, so ist grundsätzlich zu sagen, dass diese in den letzten zehn Jahren durchweg schlechter geworden ist. War vor zehn Jahren eine Durchschnittsnote zwischen zwei und drei normal, so liegt der Durchschnitt heute bei drei bis vier. Die mathematischen Anforderungen in unserem Unternehmen sind aber gleich geblieben. Wir können die Stellen zum Teil nicht besetzen, weil die Bewerber einfach zu schlecht sind. Darum halten wir es für absolut angebracht, dass der Mathematikunterricht in den Schulen mit mehr praktischen Anwendungen verbunden wird. Auch die Umgangsformen der Jugendlichen haben sich gewandelt. Die meisten haben heute weniger Respekt vor Vorgesetzten.

Will man die Situation der Bewerber heute erklären, so muss man feststellen, dass sie wissen, dass sie Mangelware sind. Das senkt dann auch die Motivation, sich an einer Stelle durchzubeißen. Den jungen Menschen ist bewusst, dass es auch andere Optionen gibt. Lösen kann man dieses Problem nur, indem man Fachkräfte aus dem Ausland zu uns holt und auch für Deutsche den Stellenwert eines Jobs wie den eines Metallbearbeiters oder einer Fleischereifachverkäuferin erhöht.

Andrew Taupitz, Geschäftsführer Taupitz Laser- und Umformtechnik, Großenhain (Sachsen)

Eklatantes Bildungsgefälle

Der aktuelle Bildungsbericht zeigt: Das Bildungsniveau der Schulabgänger sinkt. Somit fehlen dem Mittelstand geeignete Schulabgänger und zukünftige Fachkräfte. Um den Berufsabschluss zu erreichen, brauchen 60 Prozent der Azubis Nachhilfe in Deutsch und Mathematik: Der Ausbilder wird so zum Nachhilfelehrer der Azubis.

Solange in diesem Land junge Menschen, die sich für eine Lehre entscheiden, als Bildungsabsteiger angesehen werden, läuft generell etwas falsch. Deswegen muss endlich die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung hergestellt werden. Die mittlere Bildung könnte helfen: In allen Bundesländern mit einer starken Realschule ist der Fachkräftemangel im Mittelstand weniger stark.

Wir können als Mittelstand nicht tolerieren, dass wir 60.000 offene Ausbildungsstellen haben und zugleich 2,3 Millionen junge Menschen bis 35 Jahre ohne Abschluss. Und zudem haben wir mit 2,7 Millionen Studierenden, aber nur 1,1 Million Azubis das krasseste Missverhältnis in der Geschichte der Bundesrepublik.

Dazu kommt das eklatante Bildungsgefälle zwischen den Ländern, die auf differenzierte Bildung setzen, und den Ländern, die mit Gemeinschafts- und Einheitsschulen experimentieren. Wenn zwischen Bayern und Bremen beim mittleren Bildungsabschluss oder beim Abitur bis zu drei Jahre liegen, dann benachteiligen wir junge Menschen. Wir müssen in den Schulen wirtschaftliche Kompetenzen vermitteln, wir brauchen mehr Unternehmer an den Schulen – und wir müssen mit den zahlreichen Schulexperimenten aufhören und die Schulen endlich in Ruhe ihre Arbeit machen lassen.

Mario Ohoven, Präsident BVMW, Berlin

Azubis fehlt es an Sozialkompetenz

Wir stellen fest, dass sich auch unser Schulsystem nicht in der wünschenswerten Form und Geschwindigkeit den neuen, der Digitalisierung geschuldeten Anforderungen anpassen konnte. Die Quittung: Auszubildende, denen es laut Umfragen nicht nur an Ausdrucksvermögen in Wort und Schrift (auch WhatsApp & Co sei Dank!), Grundrechenfähigkeiten (ist Integralrechnung wirklich so wichtig fürs Leben?) und Allgemeinwissen, sondern vor allem auch an der reinen Sozialkompetenz fehlt.

Überforderte Eltern und ein Schulsystem, das treu den 1980ern verpflichtet scheint, sind offenbar keine gute Basis zur Vermittlung von Werten wie Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein oder den im Berufsleben so wichtigen, einfachsten Umgangsformen. Von Werten also, die trotz der immer rasanteren Entwicklung unserer Arbeitswelt immer wichtiger werden.

Was tun? Geben wir Nachhilfe in Mathe, Deutsch, Sozialkompetenz oder Umgangsformen. Intern, oder mit externer Hilfe. Die jungen Menschen können am wenigsten für die aktuelle Situation. Sie brauchen Hilfe.

E. Stefan Biggeleben, Human Resources Coach, Leverkusen

Unternehmer in die Schulen

Nach gegenwärtigem Stand werden 2019 über 2.000 Ausbildungsplätze allein in Thüringen unbesetzt bleiben. Die Auswirkungen bei der Auftragsrealisierung werden immer unlösbarer. Jeder dritte Unternehmer beklagt den Fachkräfteverlust. Seitens des BVMW registrieren wir einen besorgniserregenden verschärften Wettbewerb im Lehrstellenmarkt zu Ungunsten des Mittelstands. Heute werden häufig Jugendliche im Unternehmen angenommen, auch wenn wichtige Grundlagenfächer Zensuren aufweisen, die Bildungsdefizite erkennen lassen. Diese Bildungslücken erschweren oftmals eine optimale theoretische und berufspraktische Ausbildung. Sowohl die Lehrer der Berufsschule als auch die Ausbilder in den Unternehmen stehen vor der Aufgabe, diese Defizite abzubauen und einen erfolgreichen Facharbeiterabschluss zu sichern.

Der Bildungsbericht des Jahres 2018 zeigt, dass sich besonders bei 15-jährigen Schülern die Kenntnisse in naturwissenschaftlichen Fächern verschlechtert haben. Vor zehn Jahren lag die Messlatte bei der Einstellung von Auszubildenden noch bei einem Durchschnitt zwischen zwei und drei. Heute, so berichten die Unternehmen, erfolgen Abschlüsse von Lehrverträgen bereits eine Notenstufe schlechter.

Eine zielführende Methode ist das BVMW-Projekt „Unternehmer in die Schulen". Hier haben Mittelständler bekannter Unternehmen der Region Gelegenheit, vor Schülern ihr Unternehmen vorzustellen und über die Lehrstellen und Anforderungen zu informieren. Auf diese Weise wird hervorgehoben, welche Lernanstrengungen sich lohnen, um einen attraktiven Beruf zu erlernen. Ein kleiner Schritt, um Bildungsdefizite zu verkleinern.

Günther Richter, Berufsschullehrer a. D. BVMW-Landesgeschäftsführer Thüringen

Noch nicht reif für die Ausbildung?

Im Jahr 2017 haben wir den gemeinnützigen Verein zur Förderung der Bildung im mittleren Ruhrgebiet (kurz VFB-MR) gegründet. Unser Ziel ist es, junge Menschen früh mit moderner Technik in Kontakt zu bringen und ihr Interesse für die MINT-Fächer zu wecken. Die Mitglieder des VFB-MR sind junge Unternehmer aus dem mittleren Ruhrgebiet. Eine der treibenden Kräfte des Vereins ist Tomas Staroscik, CEO der RuhrIT und Mitglied im BVMW.

Auf Berufsinformationsmessen bietet der VFB-MR moderne Technik zum Staunen, Anfassen und Ausprobieren an. Dabei ergeben sich zwischen Interessenten und Arbeitgebern viele spannende Gespräche, und viele junge Menschen haben die Chance, sich über die jeweiligen Berufsfelder zu informieren. Die Arbeit im Verein ist auf verschiedene Projekte aufgeteilt. Bei der Aktion 3D beispielsweise können die Azubis verschiedener Unternehmen in AGs das Zeichnen in 3D erlernen. Die Ergebnisse werden am 3D-Drucker bildhaft. Das Projekt bringt Schüler und Azubis verschiedener Firmen zusammen und ist bei allen sehr beliebt. Neben eigenen Projekten beteiligt sich der VFB-MR an deutschlandweiten Großprojekten wie beispielsweise an der Aktion „1000 Chancen – Ein Tag Azubi".

Thomas Ludwig, BVMW-Repräsentant, Bochum