Verband deutscher Realschullehrer: Mehr Realschulen braucht das Land

„Wo sind sie eigentlich, die guten Realschüler?" Eine Frage, die so banal wie verheerend klingt. Sie wurde von einem Unternehmer in Schleswig-Holstein gestellt – einem Bundesland, das vor über zehn Jahren das differenzierte Schulwesen abschaffte.

Nach der Einführung eines Einheitsschulsystems mit Gymnasium fehlten dem Unternehmer im Norden der Republik die hochwertigen Bewerbungen von Schülern, die für viele mittelständische Betriebe wie gemacht sind. Realschüler vereinen Praxis- und Theoriewissen und bewähren sich als Mitarbeiter vor allem in den mittleren Abteilungsleiterschichten.

„Eine Klasse, in der Schüler mit bis zu acht unterschiedlichen Leistungsniveaus gleichzeitig unterrichtet werden sollen, überfordert jede Lehrkraft."

Landauf, landab hatten die anerkannten Realschulen in den vergangenen Jahren mit einer Schulreformitis zu kämpfen, die vor allem in rot-(rot)-grün regierten Ländern Einzug halten wollte. Sie sorgte dafür, dass eine Gleichmacherei im Land begann, die den Akademisierungswahn nicht für einen Wahn, sondern für ein erstrebenswertes Ziel hielt.

Eltern wurde suggeriert – oder sie redeten es sich vielleicht sogar selbst ein –, dass ein Leben erst mit dem Abitur beginne. Gemeinschaftsschulen wurden mancherorts aus dem Boden gestampft. Alle Schüler sind gleich, wenn man sie nur auf die gleiche Schule schickt? Eine fatale Fehleinschätzung. Eine Klasse, in der Schüler mit bis zu acht unterschiedlichen Leistungsniveaus gleichzeitig unterrichtet werden sollen, überfordert jede Lehrkraft. Dass eine Binnendifferenzierung dasselbe leisten könnte, was eine äußere Differenzierung mit seinen unterschiedlichen, passenden Schularten zu erreichen vermag, ist ein Traum, den noch immer viele Reformer träumen. Aber es bleibt ein Traum – und wird zum Albtraum für die jungen Menschen, die in ihm letztlich gefangen sind.

Lehrerbildung braucht Differenzierung

Nur in einem differenzierten System mit differenziert ausgebildeten Lehrkräften können Kinder und Jugendliche bestmöglich hinsichtlich ihrer Talente und Fähigkeiten gefördert und gefordert werden. Wer Förderschulen abschafft und den Wert des Hauptschulabschlusses und der dualen Berufsausbildung missachtet, braucht sich nicht zu wundern, wenn am Ende die jungen Menschen orientierungslos auf Berufsziele schielen, die jenseits jeglicher Realität und Praxis liegen.

Unsere Schüler müssen es uns wert sein, dass man sich mit Können, Wissen und Persönlichkeit um sie kümmert. Eine schulartbezogene Lehrerbildung trägt den unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen der Schüler Rechnung und hilft dabei, ständige Misserfolge zu vermeiden.

Lehrkräfte leisten Besonderes, wenn es darum geht, die jungen Menschen auf ihr berufliches Leben vorzubereiten. Die berufliche Orientierung nimmt eine zentrale Stellung an der Realschule ein. Mit Projekten wie „Schüler im Chefsessel", Projektwochen für Berufsorientierung, hauseigenen Berufsmessen, Projekttagen für Gastro-, Pflege- oder IT-Berufe, Anleitungen zu Bewerbungsschreiben, Assessment Centern, Vorstellungsgesprächen, begleitenden Potenzialanalysen und nicht zuletzt Kniggekursen bieten insbesondere Realschulen Maßnahmen, die sich sehen lassen können. Dass manche Schüler immer noch nicht die nötige Ausbildungsreife mitbringen, liegt womöglich nicht an der Schule, sondern an anderen soziokulturellen Größen.

Digitalisierung ersetzt kein Wissen

Die Schüler müssen sich wieder konkretes Wissen aneignen, um in der Welt von morgen bestehen können. In Alltagssituationen ist es müßig, nur zu wissen, wo man nachsehen könnte, wenn man eine Adhoc-Entscheidung hier und jetzt treffen muss. Als Lehrerin kann man sich ein Vertrösten und ein „Da-muss-ich-erst-Nachschauen" vielleicht einmal leisten. Dem Ansehen dient es jedoch nicht, wenn man Eltern zu einem neuen Gesprächstermin bitten muss, weil man gerade keine Ahnung hat.

Da hilft auch ein endlich durchgeboxter Digitalpakt nicht. Viele denken nach wie vor, dass in einer guten Infrastruktur eine seligmachende Wirkung liegt. Mal ganz abgesehen davon, dass die bereitgestellten Gelder hinten und vorne nicht reichen werden, um die tausendfach angeschafften Endgeräte zu erhalten und zu warten.

Und: WLAN, Tablet und Co. ersetzen niemals die Persönlichkeit und Interaktion der Lehrkraft.

Medienbildung und -ethik werden in den kommenden Jahren massiv an Bedeutung zunehmen. Verantwortliche tun gut daran, schon jetzt eine Vorstellung zu entwickeln, wie mit Sozialen Medien, Fake News und einer Überflutung mit Informationen umgegangen werden soll. Wie die ideale Schule von morgen aussehen wird, weiß wohl niemand. Sicher ist nur eins: Menschen und nicht Maschinen werden auch in Zukunft die Hauptakteure sein.

Gut zu wissen

Die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen halten bislang am dreigliedrigen Schulsystem fest

Die östlichen Bundesländer, die Stadtstaaten, das Saarland, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein haben ein zweigliedriges Schulsystem

In Niedersachsen wurden Haupt- und Realschulen teilweise zu Oberschulen zusammengefasst

www.vdr-bund.de

 

Waltraud Erndl

Stellvertretende Schulleiterin einer Realschule in Bayern, Pressesprecherin des Verbands Deutscher Realschullehrer (VDR) und der Bildungsallianz, Botschafterin des Bundes-Berufswahlsiegels

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Soli muss weg für alle!

 

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