Klartext: Steuer – die Kolumne von Guido Augustin

Der Bierdeckel und die Bauern: Neulich musste ich weinen, als ich mit offenem Dach durch ein Dorf fuhr und die Häuser betrachtete. In einer großen Kurve direkt vor mir lag das Zehnthaus.

Das heißt so, weil die Bauern hier ihre Abgaben zu entrichten hatten: Ein Zehntel brachten sie hierher, um die gierigen Fürsten zu füttern. Ich musste an meine Gewerbesteuervorauszahlung denken, an die Lohnnebenkosten, die Künstlersozialkasse, an die Versicherungssteuer, an all die anderen kleinen und großen Steuern, Gebühren und Abgaben, die ich so zahle – und an die Rechnung meines Steuerberaters, der das meiste dankenswerterweise für mich regelt.

Da gab es kein Halten mehr, und ich schluchzte hemmungslos in mein weißes Kunstlederlenkrad. Um nicht am Torbogen der Einfahrt des Zehnthauses in Gram zu zerschellen, hielt ich meinen Wagen an und ließ meinem Schmerz freien Lauf. Zehn Prozent Steuern, was ein Witz!

Da kam eine Greisin auf mich zu. Sie hatte auf einer Bank vor dem Zehnthaus in der Sonne gesessen und ihr Haupt auf einen Stock gestützt. Besorgt erkundigte sie sich nach dem Grund meiner tränenreichen Traurigkeit. Ich erzählte ihr von der Steuerlast der mittelständischen Unternehmer, von Paragraphenreitern in Europa, Steuervermeidern aus dem Silicon Valley und all dem. Sie hatte eine beruhigende Art an sich, und so gewann ich meine Fassung wieder zurück. Wie lange sie denn schon da säße, fragte ich sie schließlich.

So 350 Jahre sitze sie nun schon auf der Bank vor dem Zehnthaus, verriet sie mir. Und dann berichtete sie von den Bauern, die hierherkamen, um abzuliefern, von den Pächtern des Zehnthauses, die eintrieben. Klang irgendwie idyllisch: zehn Prozent Steuern!

Während die Alte eine Pause machte und selig in die Sonne blinzelte, erinnerte ich mich: Ich hatte immer große Sympathie für den „Professor aus Heidelberg“ und Friedrich Merz den Jüngeren gehegt, die unser Steuerwesen radikal vereinfachen und die Steuererklärung auf den Bierdeckel bringen wollten. Seinerzeit hatte ich unter Jungunternehmern eine Initiative gestartet, Finanzbeamte anzustellen, die bei einer solchen Reform beschäftigungslos geworden wären. Jeder, den ich ansprach, wollte gerne mindestens zwei von ihnen aufnehmen.

Da hob das Mütterchen wieder an: Jaja, manche Pächter des Zehnthauses hätten gar die Hälfte aller Ernten verlangt. Huch? Das hatte ich mir in meiner ZDF-Fernsehspiel-Romantik-Phantasie ganz anders vorgestellt. Aber womöglich hatten die glücklichen Bauern dieser Zeit einfach noch keine Bierdeckel.

 

Guido Augustin

BVMW Pressesprecher Rheinhessen

Kommunikationsberater

ga@guidoaugustin.com

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