Sterben uns die Unternehmer aus?

Jahr für Jahr werden in Deutschland mehr Betriebe geschlossen als neue eröffnet. Mit vielfältigen Maßnahmen, wie zum Beispiel der Initiative „Junger Mittelstand“, wirbt der BVMW für die Selbstständigkeit.

Der erfolgreichen Arbeit der Millionen Unternehmer und ihrer Mitarbeiter ist es zu verdanken, dass Deutschland weltweit zu den größten Wirtschaftskräften gehört. So liegt die Bundesrepublik, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, auf dem vierten Rang hinter den USA, China und Japan. Das ist eine Leistung, die maßgeblich von den rund 3,6 Millionen mittelständischen Unternehmen erbracht wird. Damit ist der Mittelstand Deutschlands wichtigster Wirtschaftsmotor.

Wachsende Schieflage

Doch ungeachtet des verdienten Lobes für unsere Unternehmerinnen und Unternehmer gibt es eine anhaltende Tendenz, die dem Mittelstand Sorge bereitet. Denn während anderswo Unternehmen wie Pilze aus dem Boden schießen, werden in Deutschland immer weniger Unternehmen gegründet. Zeitgleich schließen jedes Jahr über hunderttausend Betriebe. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Gehen Deutschland à la longue die Unternehmen aus? Seit Jahren ist der Saldo von Existenzgründungen und Liquidationen negativ, oder anders gesagt: Seit Jahren werden mehr Unternehmen geschlossen als gegründet. So standen beispielsweise im ersten Halbjahr 2019 den 142.000 Gründungen rund 147.000 Schließungen gegenüber. Dieses Missverhältnis bestand nicht immer. Wie sehr der Unternehmergeist an Kraft verloren hat, zeigt ein Blick in die Statistik. Im Jahr 1998 belief sich die Zahl neu gegründeter Betriebe auf 513.000, das waren 100.000 mehr, als es Liquidationen im selben Jahr gab.

Nachfolgeproblem verschärft Situation

Angesichts bevorstehender Nachfolgeregelungen, die für viele Mittelständler eine große Herausforderung darstellen, dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Immerhin müssen in den kommenden zehn Jahren etwa eine Million Mittelständler ihren Nachfolger finden. Allein in den nächsten zwei Jahren sind laut IfM Bonn rund 150.000 Familienunternehmen betroffen. Unter anderem mit seinem Expertenkreis Nachfolge unterstützt der BVMW deshalb Unternehmer dabei, die Nachfolge bestmöglich zu bewerkstelligen. Wichtig ist es deshalb, den Unternehmergeist wiederzubeleben. Es kann nicht sein, dass die Gründungsquote in Ecuador (29,6 Prozent) um ein Vielfaches höher ist als in Deutschland (5,3 Prozent). Und es kann nicht sein, dass Deutschland im Ranking der Weltbank zur Gründungsaktivität auf lediglich Platz 107 abgerutscht ist.

Angst vorm Scheitern

Zu den objektiven Hemmnissen einer Unternehmensgründung zählen unter anderem die im EU-Vergleich hohen Kosten einer Gründung und der bürokratische Aufwand. Dass es auch anders gehen kann, zeigen unter anderem Großbritannien, wo Gründungen deutlich günstiger durchzuführen sind, oder Estland, wo es häufig nicht einmal einen Tag dauert, bis ein Unternehmen gegründet ist. Doch es gibt auch subjektive Faktoren. So hält viele Menschen die Angst vor dem Scheitern davon ab, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Diese Angst gilt es zu überwinden, und es sollte sich vielmehr ins Bewusstsein gerufen werden, dass mehr als drei Viertel der Deutschen sagen, dass erfolgreiche Gründer ein hohes Ansehen in der Gesellschaft genießen. Es ist unbestritten, dass der Weg zum eigenen Unternehmen steinig sein kann, doch am Ende winkt die Chance zum Aufstieg in die erste Liga der Wirtschaft mit der Freiheit der Arbeitswahl und unternehmerischer Entfaltung. Soll Unternehmertum wieder zu einer Tugend werden, müssen die Weichen früh gestellt werden. Schon in der Schule müssen Kinder lernen, was es heißt, Unternehmer zu sein und welche Bedeutung ihnen in Wirtschaft und Gesellschaft zukommt. Aus diesem Grund bringt der BVMW auch seit mittlerweile 20 Jahren Unternehmer in die Schulklassen, um dort für die Selbstständigkeit zu werben. Zudem haben der BVMW und die renommierte Staatliche Universität für Wirtschaft Sankt Petersburg (UNECON) ein internationales Studienprogramm zur Förderung des mittelständischen Unternehmertums in Russland vereinbart.

"Seit Jahren werden mehr Unternehmen geschlossen als gegründet."

Entscheiden sich junge Menschen, ein Unternehmen zu gründen oder ein bestehendes zu übernehmen, lässt der BVMW sie nicht allein. Mit der Initiative „Junger Mittelstand“, der mittlerweile über 3.200 Unternehmerinnen und Unternehmer angehören, wird dem Nachwuchs nicht nur eine hörbare Stimme verliehen, sondern die Gründerinnen und Gründer profitieren ganz konkret von einem starken Netzwerk. Doch hier ist in besonderer Weise die Politik gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Nachfolgeregelungen erleichtern und jungen Menschen Anreize zur Selbstständigkeit bieten, Gründungsvorhaben fördern und beschleunigen sowie finanziell und bürokratisch entlasten. Nur so wird es langfristig gelingen, mehr Existenzgründungen als Liquidationen zu erzielen und somit die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland nachhaltig zu stärken. Es gilt: Das Land der Dichter und Denker muss auch (wieder) zum Land der Gründer werden.

 

Gut zu wissen:
Deutschland weist seit Jahren einen negativen Gründungssaldo auf

Die Situation dürfte sich angesichts bevorstehender Nachfolgeregelungen weiter verschärfen

Nachwuchsunternehmer erhalten Unterstützung im Jungen Mittelstand des BVMW (https://www.bvmw.de/junger- mittelstand/)

Markus Jerger

BVMW Bundesgeschäftsführer
mittelstand@bvmw.de

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