New Work – neue Chancen für KMU

Freelancer, flexible Arbeitszeiten, Jobsharing: Die Arbeitswelt hat sich grundlegend verändert. Wir sprachen mit Herrn Kiedrowski, Geschäftsführer bei ACT – Advanced Coaching and Training darüber, wie der Mittelstand von den Trends profitieren kann.

DER Mittelstand.: Der Begriff New Work wird häufig verwendet, aber oft falsch verstanden. Was verstehen Sie darunter?
Roland von Kiedrowski: Der Begriff wird häufig einfach mit modernen Formen von Arbeitsorganisation assoziiert im Sinne von flexiblen Arbeitszeiten oder Homeoffice. Das alleine ist es natürlich nicht. New Work umfasst alle Bereiche, die im Prinzip die Gestaltung von Arbeit und neuen Arbeitswelten betreffen. Dazu gehören die Themen: Arbeitsorganisation, Organisationsentwicklung, Kultur, Führung, Weiterentwicklung, und zwar sowohl die persönliche wie auch die fachliche sowie die Karriereentwicklung. Natürlich fließt auch das Image des Arbeitgebers ein, Stichwort Employer Branding. Das alles und noch viel mehr umfasst der Begriff.

Bislang fast ausschließlich von Großunternehmen bespielt, ist New Work auch für mittelständische Unternehmen relevant?
Unbedingt. Aber ich würde vor hektischem Aktionismus warnen. Ich habe den Eindruck, dass der Mittelstand mit seinem Anspruch zwischen zwei Strömungen zerrieben wurde: Großunternehmen und Start-ups. Großunternehmen in puncto Gehälter, Boni oder anderen Benefits, Start-ups in puncto Flexibilität, flachen Hierarchien, Tischtennisplatte und Kicker, also bei einer Kultur des Machens und Ausprobierens. Und zwischen den beiden Extremen ist dann die große Frage: Wo positioniert sich der Mittelstand? Immer mehr mittelständische Unternehmen stellen sich diese Frage und überlegen, wie man sich in diesem Spannungsfeld bewegen kann. Und da gibt es natürlich Möglichkeiten, die verschiedenen Maßnahmen sollten aber zum Unternehmen passen.

Wie sind diese Maßnahmen im Mittelstand umsetzbar?
Man sollte auf jeden Fall pragmatisch vorgehen. Es kann sein, dass Mitarbeiter zufrieden sind, aber nicht engagiert arbeiten und auch nicht loyal sind. Das kann aber auch umgekehrt der Fall sein. Und das zu unterscheiden, halte ich für sehr wichtig. Ganz einfach gesagt: Nur weil ich eine Tischplatte hinstelle, wird nicht automatisch die Kündigungsrate runtergehen. Wenn man Großunternehmen und

„Es geht darum, die eigenen positiven Merkmale im Unternehmen herauszufinden."

Start-ups anschaut, so wird deutlich, dass sie viel aus ihren Stärken gemacht haben. Die Einen haben Ressourcen und finanzielle Mittel, die Anderen haben mit Arbeitsumfeld und flexiblen Jobs gepunktet. Der Mittelstand muss ebenfalls einen Weg finden, wie er sich gut positionieren kann. In kleinen und mittleren Betrieben haben wir häufig ein familiäres Miteinander, eine gewachsene Unternehmenskultur, die Unternehmen werden in der Regel nachhaltig gemanagt, und die Loyalität gegenüber den eigenen Mitarbeitern ist sehr ausgeprägt. Das sind gute Beispiele, wie man am Markt punkten könnte. Nun geht es darum, die eigenen positiven Merkmale herauszufinden. Im nächsten Schritt sollte man die Mitarbeiter befragen, vor allem jene, die das Unternehmen schon lange begleiten. Was hat den Mitarbeiter bewogen, sich für dieses Unternehmen zu entscheiden? Was gefällt ihm noch heute daran? Natürlich sollte in dieser Befragung auch Kritik geäußert werden dürfen. Wenn man im Anschluss die Antworten zusammenträgt, hat man bereits die Grundlage für ein eigenes Employer Branding und ist somit schon ein großes Stück weiter in Richtung New Work.

„Jobattraktivität hat heute einen viel höheren Stellenwert als noch vor einigen Jahren."

Wäre es mit der Babyboomer-Generation (Mitte der 1950er Jahre bis Ende 1960er) unter gleichen Umständen zu ähnlichen Veränderungen gekommen?

Absolut nein. Es ist ja gerade für gestandene Mittelständler schwer, neue Ansätze zu denken. An der Spitze des Unternehmens stehen oft große Ikonen, die die Geschicke über viele Jahre erfolgreich bestimmt haben. Ich gehöre beispielsweise zur letzten großen Welle der Generation, die froh war, wenn sie ein unbezahltes Praktikum bekommen haben und sechs Monate arbeiten durften, um überhaupt eine Unternehmensreferenz zu haben und um dann den nächsten Schritt zu gehen. Das wäre heute überhaupt nicht mehr denkbar.

Welchen Nutzen kann New Work im Kampf um Fachkräfte haben?
Den Begriff gibt es bereits seit den 1970er Jahren, aber erst durch den Fachkräftemangel und die Suche nach hochqualifizierten Talenten hat er an Bedeutung gewonnen. Jobattraktivität hat heute einen viel höheren Stellenwert als noch vor einigen Jahren. Natürlich, es ging schon immer um die Optimierung von Arbeitsplätzen, und es ging immer um Produktivität. Das wird auch nie anders sein, da Sinn und Zweck einer Unternehmung am Ende natürlich die Erwirtschaftung von Gewinn ist. Aber mittlerweile geht es auch um die Attraktivität eines Unternehmens. So hat der Fachkräftemangel letzten Endes auch viel Positives in Bewegung gesetzt, von dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren.

Das Interview führte Amelie Heindl, BVMW Referentin für Arbeit, Soziales und Gesundheit.
 

Roland von Kiedrowski

Geschäftsführer Firmenbereich, ACT – Advanced Coaching and Training, Trainer, Berater und Coach in den Bereichen Leadership, Sales und Organisationsentwicklung

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