Bargeldlos in die Zukunft?

Die Politik möchte den Abschied vom Bargeld. Doch die Deutschen tun sich schwer, von Münze, Schein und Portemonnaie zu lassen. In anderen Ländern hat man weniger Bedenken.

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Deutschland ist ein Paradies für Bargeldzahler. Nirgendwo wird die Brieftasche öfter gezückt als im einstigen Land der harten D-Mark: 58.000 Geldautomaten stehen zur Verfügung, die Banken halten mittlerweile 37,4 Milliarden Euro Bargeld vor. 2019 ist das im Umlauf befindliche Bargeld auf einen Rekordbetrag von 247 Milliarden Euro angewachsen.


Die Diskussion um das Bargeld


Doch seit April 2019 wird der 500-Euro-Schein nicht mehr gedruckt. Die Politik fürchtet das Bargeld, schließlich können Transaktionen in cash der Schattenwirtschaft, der Geldwäsche oder dem Drogen- und Waffenhandel dienen. Dagegen hoffen die Anbieter von Kreditkarten, Bezahl-Apps und Internet-Bezahldienstleistungen auf Gewinne und Kundendaten, während die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds ihre Null- und Negativzinspolitik fortsetzen möchten. Doch kostet das Geld auf der Bank Geld, werden Kunden ihre Konten leerräumen. Deshalb misstrauen die Währungshüter der klingenden Münze. Schlussendlich sind zahlreiche Verbraucher vom bargeldlosen Zahlen schlicht überzeugt: Es ist schnell, bequem und übersichtlich. Aber es formiert sich Widerstand: Bargeld sei geprägte Freiheit, hört man von den Gegnern, und „Was passiert mit meinen Daten?“


Ein Blick auf die anderen


In anderen Ländern sind die Verbraucher entspannter. Vor allem die nördlichen Nachbarn sind neuen Technologien zugeneigt. Die Norweger bezahlen ihre Lachsschnitte in der Regel mit Karte oder per App. Bei nur elf Prozent aller Zahlungen geht Bargeld über den Tisch. In dünn besiedelten Regionen wie Lappland gibt es kaum Geldautomaten, die Netzabdeckung indes ist flächendeckend gut. Die Bezahl-App „Vipps“ erlaubt mobiles Bezahlen auch dort, wo keine Kartenlesegeräte vorhanden sind. 3,2 von 5,3 Millionen Bürgern haben sich die App geladen, über hundert Banken akzeptieren das System.
Ähnlich Schweden: Von den 1.500 Bankfilialen halten 900 kein Bargeld vor, in vielen sucht man einen Automaten vergebens. Stockholms Metro und Busse akzeptieren gar kein Bargeld mehr. Dort und in den meisten Geschäften zahlt man mit der App „Swish“, die schon 2012 von sechs schwedischen Banken entwickelt wurde.

"Norwegen: Keine Geldautomaten, dafür perfekte Netzabdeckung auch im hintersten Lappland."

Unter komplett anderen Vorzeichen entwickelt sich der Zahlungsverkehr in Kenia: Wie viele strukturschwache Länder in Afrika hat Kenia einen Technologieschritt übersprungen: Bankhäuser gibt es kaum, da die Infrastruktur nie entwickelt genug war. Stattdessen greift die Bevölkerung gleich zum Handy und nutzt M-Pesa, eine Art Agentur, die Bezahlvorgänge und Geldsendungen organisiert. Pro Jahr verwaltet M-Pesa knappe zwei Milliarden Transaktionen. 49 Prozent des Bruttoinlandproduktes werden über das Handy umgesetzt, 93 Prozent der knapp 50 Millionen Einwohner nutzen den mobilen Zahlungsverkehr. Anzahl der Geldautomaten in Kenia: 2.000, Tendenz sinkend.

Gefahren für Volkswirtschaft und Privatsphäre


Doch Bargeldrestriktionen, vor allem staatlich durchgesetzte, können auf Widerstand treffen. Indiens Präsident Narendra Modi erklärte 2016 alle 500- und 1000-Rupien-Scheine für ungültig. Lange Schlangen bildeten sich vor den Geldautomaten, denn Indiens Binnenwirtschaft beruht wesentlich auf Bargeld. Aus diesen beiden Banknoten bestehen 86 Prozent des Bargeldumlaufes. Chaos war die Folge, denn Kartenzahlung oder Bezahl-Apps sind in Indien unüblich; in den abgelegenen ländlichen Regionen gibt es keine Lesegeräte. Da helfen auch die 300 Millionen kostenlose Konten, die Modi eigens für seine Bürger einrichten ließ, nichts: Nur die Hälfte wird genutzt. Indien ist ein Bargeldland.


Die Kritiker der Bargeldabschaffung beobachten auch die Entwicklung in China sehr genau. Bezahldienstleister wie Alipay oder Wechat Pay treiben mobiles Zahlen aggressiv voran. Mit Erfolg: Auch in der entferntesten Provinz wird auf dem Dorfmarkt mobil bezahlt, Bettler bitten nicht per Pappschild um eine Gabe, sondern halten ihr Handy mit dem QR-Code hoch. Mobile Transaktionen erreichten 2018 ein Volumen von 41,3 Milliarden Dollar. 525,1 Millionen Chinesen nutzen dafür ihr Handy. Immer populärer wird „Smile to pay“, hier erfasst eine 3-D-Kamera die biometrischen Daten des Kunden, das Geld wird abgebucht. Das Gesicht ersetzt immer öfter auch die Bordkarte für das Flugzeug, den Zimmerschlüssel im Hotel, das U-Bahn Ticket und natürlich die Kreditkarte. Ein Albtraum für Datenschützer und Menschenrechtler, in China kommen auf 1.000 Einwohner mehr als 100 Überwachungskameras.

Geld stinkt nicht, ist aber dreckig


Davon ist Deutschland noch weit entfernt, genauso wie von der kompletten Abschaffung des Bargeldes. Und das ist gut so, denn nur die Barzahlung hinterlässt keine Spuren. Doch wer deshalb konsequent auf Kreditkarte und mobiles Bezahlen verzichtet, sollte genau so konsequent die Hände waschen: Auf 80 untersuchten Banknoten fanden Forscher pro Schein 3.000 verschiedene Bakterientypen.

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

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