China: Vom Partner zum Wettbewerber

Mit dem internationalen Handelsnetzwerk „Neue Seidenstraße“und dem Masterplan „Made in China 2025“ will die Volksrepublik zur technologischen Supermacht aufsteigen. Wie kann Chinas wichtigster Handelspartner Deutschland davon profitieren?

In der Antike und im Mittelalter war die Seidenstraße – ein Netz von Karawanenstraßen mit einer 6.400 Kilometer langen Hauptroute – die wichtigste Verbindung zwischen China und Europa. Gen Westen wurden auf der Seidenstraße nicht nur Seide, sondern auch Gewürze, Glas oder Porzellan gehandelt, gen Osten vor allem Gold, Silber und Wolle. Wenn die Kaufleute ihre Waren, transportiert zumeist auf Kamelen, nicht bereits unterwegs an Zwischenhändler weiterverkauften, brauchte eine Karawane über die gesamte Strecke bis zu zwei Jahre.

"Der deutsche Mittelstand ist die tragende Kraft in dieser Handelsbeziehung."
Wenhai Wang, BVMW China

Mit dem Jahrhundert-Projekt Belt and Road Initiative will China, wo die Anzahl der Corona-Neuinfizierten schon wieder massiv zurückgeht, nun mit einer Neuen Seidenstraße ein gigantisches Handelsnetzwerk zwischen Asien, Afrika und Europa spannen, investiert massiv in neue Häfen, Flughäfen, Bahnstrecken und Straßen. Finanziert werden diese Infrastrukturprojekte – Gesamtvolumen: rund eine Billion US-Dollar – vor allem durch Kredite chinesischer Staatsbanken, weshalb bis zu 90 Prozent aller Seidenstraßen-Projekte an Unternehmen aus China gehen. Gleichzeitig will die Volksrepublik mit dem Hightech-Masterplan „Made in China 2025“ zu den stärksten Wirtschaftsmächten der Welt aufschließen und zum Vorreiter der nächsten industriellen Revolution werden – und spätestens bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik China, soll das Land mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern zur technologischen Supermacht aufgestiegen sein.

China als Konkurrent


Diese gewaltige Kraftanstrengung hat für ausländische Unternehmen, Verbände und Regierungen die Sicht auf China verändert. Denn nun gilt das bevölkerungsreichste Land der Erde nicht länger nur als Partner, sondern zunehmend auch als Konkurrent und Wettbewerber. Zentraler Bestandteil der chinesischen Industriestrategie ist die intelligente und automatisierte Fertigung, und dazu braucht China vorerst noch umfangreiche Technologie-, Industrie- und Innovationskooperationen. Angesichts des von den USA angezettelten Zoll- und Handelskrieges mit China beurteilen mittlerweile 30 Prozent der deutschen Mittelständler China als „verlässlichen“ oder „sehr verlässlichen“ Geschäftspartner, nur 17 Prozent sprechen diese Vertrauenswürdigkeit den USA zu. Das ist eines der Ergebnisse einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts forsa im Auftrag der Commerzbank. Befragt wurden zwischen November 2018 und Februar 2019 rund 2.000 Eigentümer und Manager der ersten Führungsebene aus mittelständischen Unternehmen aller Größenklassen und Branchen.

Prosperierende Partnerschaft


Im Jahr 2018 betrug der Wert deutscher Importe aus China 106 Milliarden Euro und der Wert deutscher Exporte nach China 93 Milliarden Euro. Zehn Jahre zuvor waren es noch Importe im Wert von fast 61 Milliarden und Exporte im Wert von 34 Milliarden. Damit bleibt China – Exporte und Importe zusammengenommen – das dritte Jahr in Folge der wichtigste Handelspartner für Deutschland. Mein Kollege Wenhai Wang, BVMW-Beauftragter für die Auslandsrepräsentanz China, ist überzeugt, dass Deutschland auch weiterhin ein wichtiger Handelspartner bleiben wird – und zwar mit zunehmender Bedeutung. Neben Anlagen, Maschinen, Autos und, im Konsumbereich, hochwertigen Produkten wie beispielsweise Marken-Messer oder -Armaturen werde auch der Export von Nahrungsmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln steigen, die einer hohen und konstanten Qualitätskontrolle unterliegen.

Deutscher Mittelstand gut aufgestellt


„Der deutsche Mittelstand ist die tragende Kraft in dieser Handelsbeziehung“, sagt Wenhai Wang. Schon vor Jahren hat der BVMW begonnen, Infrastrukturstützpunkte in China aufzubauen – Ansprechpartner für deutsche Mittelständler, die den Markteintritt planen oder ihre Geschäfte ausweiten wollen. Zudem sind nicht nur in der BVMW-Zentrale in Berlin, sondern auch in den großen chinesischen Städten mit den meisten Verbrauchern wie Shanghai, Changzhou, Chengdu oder Shenzen Kompetenzcenter errichtet worden. Die Kollegen vor Ort arbeiten dort mit der lokalen Wirtschaftsförderung zusammen und sind bestens vernetzt mit Politik, Justiz, Finanzbehörden und Unternehmensverbänden. Wer sich Sorge um den Schutz einer deutschen Erfindung oder Technologie macht, kann sich an die BVMW-Kollegen in Shanghai und Shenzen wenden, die lokal mit darauf spezialisierten Kanzleien verbunden sind.
Im Rahmen seiner Innovationsoffensive ist China aber auch selbst darauf bedacht, seine Erfindungen zu schützen: Allein 2018 wurden 1,54 Millionen Patente angemeldet – mehr als in den USA, Japan, Korea und der EU zusammen.

Gut zu wissen
Chinas Bruttoinlandsprodukt erreichte im Jahr 2018 mit rund 13 Billionen US-Dollar einen neuen Rekordwert. Damit hat sich die Wirtschaftsleistung der Volksrepublik innerhalb von zehn Jahren nahezu verdreifacht. China ist somit die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Markus Jerger
BVMW Bundesgeschäftsführer
mittelstand@bvmw.de