Big Data entscheidet keine Wahlen

In den Zeiten von Big Data und der grenzenlosen Individualisierung von Kommunikation in den sozialen Netzwerken, werden unseren Daten wundersame Kräfte Daten zugesprochen. Ist das wirklich so?

Jeder Politiker weiß aus eigener An­schauung: Wichtiger als seine Taten selbst sind die Berichte über seine Ta­ten. Dies gilt – so die weit verbreitete Mei­nung – um so mehr in den Zeiten von Big Data und der grenzenlosen Individualisierung von Kommunikation in den sozialen Netz­werken. Wundersame Kräfte werden den Herrschern über unsere Daten zugespro­chen; so sollen sie – Stichwort Cambridge Analytica – sogar die letzten US-Präsident­schaftswahlen zugunsten Donald Trumps entschieden haben.

Ein aktuelles Beispiel ist die Kampagne des New Yorker Milliardärs Michael Bloomberg zur Erringung der Präsidentschaftskandida­tur der Demokraten. Bloomberg war erst zum Super-Tuesday in den Wahlkampf gegen Bi­den und Sanders eingestiegen, weil er sich auf seine Daten-Hexenküche namens Hawkfish glaubte verlassen zu können. Wie schon bei Cambridge Analytica verspricht Hawkfish, an die Wähler individuell zugeschnittene po­litische Botschaften mundgerecht zu vermit­teln und damit unvergleichlich erfolgreich zu sein. Dazu wurden nicht nur riesige Datensät­ze aufbereitet, sondern auch jede Menge In­fluencer eingekauft, um auch junge Zielgrup­pen zu erreichen, sowie massenhaft Filmchen über den Kandidaten-Kandidat Bloomberg bei Social-Media-Kanälen eingespeist.

Angesichts eines schier unerschöpflichen Wahlkampfetats wurde Bloomberg vorge­worfen, er wolle sich mit seinen Milliarden den Wahlsieg kaufen. Das ist falsch, Bloom­berg hat sich für Millionen Dollar Daten ver­schafft, mit deren Hilfe er die Wahl gewinnen wollte. Das Beruhigende daran: Es ist gründ­lich schief gegangen. Am Tag nach dem Su­per-Tuesday gab Bloomberg auf und stellte sich hinter Joe Biden – den Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur mit dem im Ver­gleich zu Sanders oder Bloomberg kleinsten Wahlkampfbudget.

Welche Lehren kann man aus all dem zie­hen? Ja, Daten, also Informationen über Wähler, sind wichtig. Deswegen gibt es ja schon lange Wählerumfragen. Und ja, Social Media werden für Wahlkämpfe immer wichti­ger, da viele Wähler sich aus den klassischen Medien ausgeklinkt haben.

Der Voodoo-Glaube von Politikern und Me­dien an die Macht der Daten vernachlässigt den menschlichen Faktor. Wichtiger als das Medium ist die politische Botschaft eines Bewerbers und sein Charisma. Trump hat die Wahl gewonnen, weil er mit seinen zentra­len Botschaften – America First, Rückbesin­nung auf klassische Industrien, Schutz der eigenen Märkte durch Zölle, Rückzug aus der Rolle des Weltpolizisten – einen Nerv bei vie­len Wählern traf. Ihm trauten sie zu, sich mit seinem Programm gegen das Washingto­ner Establishment durchzusetzen – gerade wegen seiner auf viele Europäer ungehobelt wirkenden Sprache. Für seine Wähler klingt sie vor allem glaubwürdig.

DAS ist für mich die Lehre aus dem spekta­kulären Scheitern des Michael Bloomberg: Daten und Medienkanäle ersetzen nicht ei­nen starken Charakter und gute Ideen für die Zukunft eines Landes. An Daten-Hexenkü­chen wie Hawkfisch und Cambridge Analyti­ca glauben vor allem schwache Kandidaten.

 

Michael Backhaus
Journalist
BVMW Berater Medien

mittelstand@bvmw.de

 

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