Corona hat unsere Welt kälter gemacht

Im Vordergrund der Bewältigung der Coronakrise steht die Gesundheit der Bürger und die Wirtschaftlichkeit des Landes. Doch wie steht es um das zwischenmenschliche Miteinander?

Es ist natürlich vollkommen richtig, dass im Vordergrund der Bewältigung der Coronakrise die Gesundheit der Bürger
und das Überleben der Wirtschaft stehen – first things first! Doch das Virus verändert auch unsere Art zu leben, das menschliche
Miteinander ebenfalls nachhaltig.


Nur ein Beispiel: Als ich vor einigen Wochen morgens auf dem Weg zur Arbeit in mein Auto einsteigen wollte, fiel wenige Meter neben mir
eine alte Frau wie vom Schlag gerührt der Länge nach hin. Ich bin natürlich sofort zu ihr gegangen, um ihr zu helfen, habe sie angesprochen,
ob sie aufstehen könne. Das verneinte die Frau. Sie bat mich, ihr aufzuhelfen. Doch genau das durften weder ich noch ein ebenfalls
anwesendes Paar tun. Denn in Zeiten von Corona soll man ja gerade älteren Menschen nicht zu nahe zu kommen, schon gar nicht ohne
Atemschutz. Ich habe dann einen Krankenwagen herbeigerufen, der sich der deutlich über 70-Jährigen angenommen hat.


So kompliziert ist unser Leben seit Ausbruch der Pandemie geworden. Corona zwingt uns eine ungewohnte Distanz zum Nächsten auf, so dass man von einem Trennungs-Virus sprechen könnte. Es trennt nicht nur Menschen, es trennt auch die Völker, wie man in
Europa sehr gut beobachten kann. Nicht genug, dass 35 Jahre nach dem ersten Schengener Abkommen die Reisefreiheit in der EU
weitgehend außer Kraft gesetzt wurde. Seither wachsen die nationalen Vorurteile unter den Europäern; in Italien sind jetzt die Chinesen
deutlich beliebter als wir Deutsche. Und selbst andere Kontinente wie Amerika oder Asien sind uns ferner geworden und wir ihnen.
Doch in der Politik ist es so wie im Spital: Corona ist besonders gefährlich für Opfer mit Vorerkrankungen. Das gilt für die schon seit
der Euro- und Flüchtlingskrise schwer angeschlagene EU ebenso wie für das seit längerem brüchige transatlantische Verhältnis.
Von der NATO ganz zu schweigen.


Corona macht die Welt zu einem kälteren Ort, es trennt die Alten von den Jungen, die Infizierten von den Nicht-Infizierten. Jungen und
Mädchen werden sich, wenn wir die Pandemie nicht schnell unter Kontrolle bringen, vor dem ersten Kuss künftig ganz andere Fragen
stellen als ihre Eltern. Auch Umarmungen und der Wangenkuss zur Begrüßung sind bei vorgeschriebener Corona-Distanz schwer möglich. Selbst der klassische Händedruck ist in Verruf geraten. Und was ist mit den vielen digitalen Partnervermittlungen?


Im Mittelalter löschte die Syphilis-Seuche zusammen mit den weit verbreiteten Badefreuden ein Lebensgefühl und ein Körperbewusstsein
aus. Das darf sich mit der Corona-Seuche nicht wiederholen. Wenn die Pandemie unter Kontrolle gebracht ist, müssen
wir uns die menschliche Nähe zurückerobern. Auch dafür lohnt es sich, Risiken einzugehen.


Michael Backhaus
Journalist
BVMW Berater Medien
mittelstand@bvmw.de

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