Die Bürokratie frisst Innovationen

Im Interview spricht Carl Andres Schiefer, Bereichsleiter für Administration der GMT Gummi-Metall-Technik GmbH, über die Belastung der Bürokratie für kleine und mittlere Unternehmen.

DER Mittelstand.: Die Innovationskraft mancher Unternehmen wird schwächer. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Carl Andres Schiefer: Der Mittelstand hat ein wesentliches Problem: die Vielzahl an Vorschriften und Normen. Sie ist nicht kleiner als die der großen Unternehmen, jedoch müssen diese durch die Spezialisten und das mittlere Management abgefangen werden und nicht von spezialisierten Abteilungen, wie bei den Konzernen. Somit ist die relative Last im Verhältnis für den Mittelstand um ein Vielfaches höher. Zusätzlich bindet man auch noch die wahrscheinlich wichtigsten Mitarbeiter, wenn es um das Thema Innovation in Prozessen und Produkten geht.
Wie viele Mitarbeiter bindet das Thema Vorschriften und Bürokratie in Ihrer Produktion, und wie viele Vorschriften müssen sie dabei beachten?
Die Zahl der Vorschriften geht in die Tausende. Generell gilt: Je kleiner das Unternehmen, desto höher ist prozentual der Anteil, der für den Aufwand der Bürokratie gebunden wird. Das Spezialwissen der Mitarbeiter muss ständig geschult werden. Hinzu kommen externe Berater und im schlimmsten Fall die Strafen für Versäumnisse. Jede Führungskraft ist zu einem guten Anteil in diesen Prozess eingebunden. In der GMT haben wir zusätzlich noch eine Handvoll Mitarbeiter, die sich ausschließlich mit diesen Themen beschäftigen.


Können Sie eine besonders komplexe Thematik skizzieren?
REACH ist eine EU-Chemikalienverordnung und steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals. Für uns bedeutet das nicht nur differenzierte Kenntnisse und Vorschriften. Wir müssen selbst viele Versuche durchführen, ehe wir zur Fertigung eines Produktes kommen. Hinzu kommt, dass man dabei einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren im Voraus planen muss. Besonders gut kann man das am Beispiel der Verwendung von Kadmium sehen. Für vergleichbare Produkte, die wir für die Bahn bauen, ist es verboten, und für die Luftfahrt ist es noch weitere fünf Jahre erlaubt. Diese Differenzierung klingt einfach, führt aber in Einkauf, Lagerhaltung, Produktion und Umweltthematik zu vielen Vorschriften.


Welche Beispiele gibt es noch?
Natürlich ist auch die Datenschutzgrundverordnung ein dickes Paket. Bewerbungsunterlagen können nicht mehr per Mail weitergeleitet werden, sondern müssen in ein neues PDF-Format gebracht werden, das nicht gedruckt und gespeichert werden kann. Papierbewerbungen können nicht mehr weitergegeben werden, müssen ebenfalls gescannt werden. Das kostet alles zusätzliche Zeit und damit Geld.
Als Vater von drei Kindern habe ich natürlich Verständnis für familienfreundliche Maßnahmen. Dadurch, dass Väter in Elternzeit gehen können und das Elterngeld über die Landeskreditbank Baden-Württemberg beantragt werden muss, hat sich bei uns die Anzahl der Vorgänge verdreifacht.
Darüber hinaus gibt es immense Anforderungen, was die Aufbewahrungspflicht angeht. Die Aufbewahrungsform muss manipulationssicher, jederzeit verfügbar und lesbar sein, und das bis zu 36 Jahre lang. Aber es ist leider auch so, dass eine Zertifizierung nach einer Norm den meisten Kunden nicht reicht. Obwohl wir ISO-zertifiziert sind, kommen die Kunden selbst auch noch einmal zum Auditieren. Somit haben gerade wir mit vielen verschiedenen Kunden aus vielen Branchen einen regelrechten Audit-Tourismus.


Welche Rolle spielt der bürokratische Aufwand und die Audits zwischen Ihnen und Ihren Geschäftspartnern?
Da das Funktionieren unserer Bauteile natürlich sicher sein muss, sind die Anforderungen hoch. Diese werden allerdings über verschiedene Normen gestellt, unter anderem durch Sicherheitsvorschriften seitens des Bundes. Dann gibt es eine Fülle an deutschen Industrienormen und ISO-Zertifizierungen. Außerdem verfasst der potenzielle Kunde natürlich ein ausführliches Anforderungsprofil in punkto Materialeigenschaften, technischer Funktion, Umweltverträglichkeit usw. Wir haben hier bei uns im Schnitt täglich mehr als zwei Audits durchzuführen, entweder durch Kunden und Zertifizierer, bei Lieferanten oder durch interne Stellen. Inklusive der Vor- und Nachbereitung der Ansprechpartner und deren Schulung sind das sieben bis zehn Jahre. Um wieder mehr Innovation aus dem Mittelstand zu erreichen, müssten wir diese Themen der Audits und der Bürokratie in den Griff bekommen, damit unsere
Spezialisten und die mittlere Führungsebene wieder Zeit für Innovationen bekommen.


Das Interview führte Dr. Ulrich Köppen, BVMW Pressesprecher Baden-Württemberg.

GMT Gummi-Metall-Technik GmbH
Das Unternehmen mit Firmensitz im badischen Bühl wurde
1968 gegründet. GMT ist weltweit mit über 1000 Mitarbeitern
als globaler Industriepartner bei der Lösung schwingungstechnischer
Herausforderungen auf Land, auf See und in der
Luft vertreten. Die Anwendungsbereiche der Produkte reichen
von Schienen-, Bau- und Nutzfahrzeugen über den allgemeinen
Maschinenbau zu Schiffs-, Luft- und Raumfahrttechnik.
Heute ist die GMT-Gruppe mit Produktionsstandorten in
Deutschland, Indien, Irland, Malaysia, der Schweiz und den
USA sowie Vertriebsniederlassungen in Frankreich, Österreich
und Großbritannien weltweit vertreten.
BVMW-Mitglied
www.gmt-gmbh.de

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