Mittelstand braucht sichere und bezahlbare Energieversorgung

Die Bewältigung der Energiewende mit Atom- und Kohleausstieg stellt vor allem kleine und mittlere Unternehmen vor große (finanzielle) Herausforderungen. Die Politik muss die Weichen stellen, damit die gesetzten Ziele erreicht werden können.

Nach einer langen und intensiv geführten Debatte ist die Energiewende nun eine beschlossene Tatsache. Die letzten Atomkraftwerke werden bis 2022 abgeschaltet, und auch die Kohleverstromung – über Jahrzehnte das Rückgrat der deutschen Stromversorgung – ist in Deutschland perspektivlos. Eine vorschnelle Umstellung auf Erneuerbare Energien führt zu Versorgungsunterbrechungen und hohen Kosten. Um seine Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft aufrecht zu erhalten, braucht der deutsche Mittelstand darum eine sichere und bezahlbare Energieversorgung.

Wasserstoff wird Vorreiter-Technologie

Eine Schlüsseltechnologie zur Dekarbonisierung ist die Nutzung und Herstellung von Wasserstoff. Bereits heute sind gasförmige und flüssige Energieträger ein wichtiger Bestandteil für unsere Energieversorgung. Der Mittelstand ist sowohl Abnehmer für neue Wasserstoff-Technologien als auch Innovator und Vorreiter, wenn es um die Entwicklung geht.
Bei der Verbrennung von Wasserstoff entstehen keine Kohlenwasserstoffe, keine Schwefeloxide, kein Kohlenmonoxid, nicht einmal Kohlendioxid, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger freigesetzt wird. Um jedoch eine klimafreundliche Alternative darzustellen, sollte aber auch bei der Erzeugung von Wasserstoff kein CO2 ausgestoßen werden. Eine Möglichkeit, Wasserstoff herzustellen, ist die Elektrolyse. Bei der Elektrolyse wird Wasser mithilfe von Strom in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt, stammt dieser Strom von Erneuerbaren Energien, wird auch vom grünen Wasserstoff gesprochen.
Die Nutzung von grünem Wasserstoff bietet nicht nur die Chance, die Sektorenkopplung in Deutschland voranzutreiben, sondern ein globales und nachhaltiges Energiesystem aufzubauen. Grüner Wasserstoff könnte künftig in Regionen mit besonders viel Wind oder Sonne produziert und in die ganze Welt exportiert werden. Dabei könnte auch auf die bestehende Gasinfrastruktur zurückgegriffen werden.
Aktuell gibt es jedoch noch keine nennenswerte Produktion von grünem Wasserstoff. Ein Grund dafür liegt in den hohen Stromkosten für die Elektrolyse. Doch die Bundesregierung hat die Bedeutung von Wasserstoff erkannt und will Deutschland zum Vorreiter der Wasserstoff-Technologie machen. Die nationale Wasserstoffstrategie soll dafür den notwendigen Rahmen schaffen. Bis 2030 möchte die Bundesregierung rund 20 Prozent des Wasserstoffbedarfs in Deutschland mit CO2 -freien Wasserstoff decken. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste eine Erzeugungspotenzial in der Höhe von drei bis fünf Gigawatt Elektrolyseleistung bereitgestellt werden.

"Die Refinanzierung der Investitionen auf Basis funktionierender Geschäftsmodelle kann nur gelingen, wenn Planungssicherheit für die Unternehmen herrscht."

Abstandsregelung bremst Energiewende

Ursprünglich sah das Kohleausstiegsgesetz die stark umstrittenen Mindestabstände zwischen Windkraftwerken und Wohnbebauungen vor. Diese hätten die gesamte Windbranche und den Schritt Richtung Energiewende enorm eingeschränkt. Bundeswirtschaftsminister Altmaier erntete harsche Kritik für seinen Vorschlag, dass Windräder einen Mindestabstand von 1.000 Metern zu Wohnbebauung haben sollen.
Die 1.000 Meter entsprechen zwar einem Beschluss der Koalition, jedoch definiert Altmaier bereits eine Ansammlung von fünf Häusern als Wohnbebauung und weicht somit von der gängigen Definition ab. Die Konsequenzen der Verschärfung wären eine Reduktion der Planungs- und Bauflächen durch den pauschalen Siedlungsabstand um 20 bis 50 Prozent, juristische Streitigkeiten, Projektverzögerungen und hohe Beschäftigungsverluste, wie auch das Verfehlen des Ökostrom-Ziels der Bundesregierung bis zum Jahr 2030.
Aus der Sicht des Mittelstands wären die 1000 Meter Pauschalen außerordentlich hinderlich für die Durchsetzung der Energiewende. Daher ist die kurzfristig beschlossene Länderöffnungsklausel, die die endgültige Entscheidung über die 1000-Meter-Abstandsregelung den Bundesländern überlässt, ein wichtiges Signal. Hierdurch wird es den Ländern ermöglicht, eigene Mindestabstände von Windkraftanlagen zur Wohnbebauung festzulegen.
Die Windkraft gilt in Deutschland als wichtigste Energiewende-Technologie und stellte mehr als 40 Prozent des erzeugten Ökostroms des Jahres 2019 her, dennoch verlor die Branche im vergangenen Jahr Zehntausende Arbeitsplätze. Deshalb liegt es nun an den Landesregierungen, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, um viele deutsche KMU in der Windenergiebranche vor dem Untergang zu bewahren.

Kommt die rechtzeitige Abschaffung des Solardeckels?

Die 52-Gigawatt-Grenze (auch Solardeckel genannt) wird voraussichtlich im April 2021 erreicht – somit entfällt auch die staatliche Förderung von Solarstrom. Durch die Coronakrise rückt die Abschaffung jedoch in den Hintergrund, wodurch die Wirtschaft noch stärker geschwächt wird.
Der Solardeckel ist eine im Erneuerbare–Energien-Gesetz (EEG) verankerte Obergrenze, welche die deutschlandweite Einspeisung von Solarenergie begrenzt. Sobald die Grenze von 52 Gigawatt überschritten ist, entfallen die Einspeisevergütungen. Somit erhalten die Nutzer von zukünftigen Photovoltaik-Anlagen künftig für überschüssigen Strom, der in das Netz eingespeist wird, kein Geld mehr, was die Refinanzierung deutlich erschwert.
Während der Stromanteil Erneuerbarer Energien über die letzten Jahre kontinuierlich gestiegen ist, sanken gleichzeitig die Anschaffungskosten. Die Auftragslage der Anlagen ist jedoch seit Ende 2019 rückläufig, da das zeitnahe Eintreten des Solardeckels Investoren abschreckt.
Der Rückgang in der Nachfrage behindert nicht nur die Energiewende, sondern auch den technologischen Fortschritt in Deutschland nachhaltig. Durch die geschaffene Solarkrise auf dem deutschen Markt können heimische Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig agieren. Während 2011 noch circa 155.000 Arbeitnehmer in Deutschland im Bereich Solarenergie beschäftigt waren, waren es 2017 nur noch etwa 42.000 – ein Rückgang von 72 Prozent.
Zwar wurde die Abschaffung des Deckels bereits beschlossen, doch nun bleibt die Frage nach dem Zeitpunkt offen. Derzeit wird eine Anpassung des EEG im Zusammenhang mit einer Verschärfung der Windkraft-Abstandsregelung diskutiert.
Ob der Gesetzgeber noch zeitnah handelt, bleibt abzuwarten. Der BVMW hat sich bereits im Februar an einem durch den Bundesverband der Solarwirtschaft initiierten offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten beteiligt, in dem eine zeitnahe Abschaffung des Deckels gefordert wird. Denn gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist die Stärkung heimischer, nachhaltiger Branchen wichtiger denn je. Die Zeit drängt.

Mit Sektorkopplung die Energiewende bewältigen?

Die Sektorkopplung kann für kleine und mittlere Unternehmen einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Energiewende leisten. Zur Umsetzung der Energiewende ist der Energieendverbrauch ein wichtiges Maß. Endenergie bezeichnet die Energie, die aus Primärenergieträgern wie Braunkohle, Steinkohle, Erdöl, Erdgas, Wasser oder Wind durch Umwandlung gewonnen wird. Die Primärenergieträger werden hierbei in eine für den Verbraucher nutzbare Form wie beispielsweise Wärme oder Kraftstoffe umgewandelt.
Die Wärme- und Kälteerzeugung in Haushalten und Unternehmen sowie der Verkehr weisen hier im Vergleich mit der Stromenergie immer noch einen sehr hohen Anteil an fossilen Energieträgern auf. An dieser Stelle setzt die Sektorkopplung als Verknüpfung der Wärme-, Strom- und Verkehrssektoren an. Denn damit die Energiewende auch auf lange Sicht erfolgreich wird, muss nicht nur der Stromsektor auf Erneuerbare Energien umgestellt werden.
Auch im Wärmeund Verkehrsbereich ist die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energieträger ein wichtiger Schritt. Hier können die Erneuerbaren direkt eingesetzt werden, indem beispielsweise Häuser mit Solarenergie geheizt werden. Die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energieträgern hilft jedoch auch dabei, die Energiewende in den anderen Sektoren voranzutreiben. Wird der „saubere“ Strom genutzt, um in anderen Sektoren den Einsatz von fossilen Energieträgern zu reduzieren, spricht man von Sektorkopplung.

Technologien intelligent zusammenführen

Auf diese Weise können durch Erneuerbare Energien alle Sektoren der Wirtschaft dekarbonisiert werden. Die intelligente Kopplung der Sektoren mithilfe bestimmter energieeffizienter Technologien wie Wärmepumpenheizungen, Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen oder Elektroautos können eine deutliche Senkung des Energieverbrauchs bewirken. Das Ziel, mehr Erneuerbare Energien in die Sektoren Wärme, Mobilität und Strom zu bringen, bedeutet jedoch auch, dass der Stromverbrauch, trotz der Anstrengungen zur Verringerung des Energiebedarfs, steigen wird. Vor allem stromintensive Technologien wie die Elektromobilität und der Einsatz von Wärmepumpen beschleunigen diese Entwicklung.
Zur mittelstandsfreundlichen Umsetzung der Sektorkopplung ist es unabdingbar, dass Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Noch sind die Versorgungsunterbrechungen im internationalen Vergleich gering, doch die Kosten für Abregelung und Redispatch, sprich: die Anpassung der Leistungseinspeisung von Kraftwerken, erhöhen die Netzentgelte und belasten insbesondere die mittelständische Wirtschaft – auch im internationalen Vergleich. Neben dem Einsatz von Speichern kann auch die Sektorenkopplung ihren Beitrag zur Versorgungssicherheit und zur Kostendämpfung in einem System mit steigendem Anteil Erneuerbarer Energien leisten. Dafür muss die Sektorkopplung bidirektional betrachtet werden, denn auch die Stromerzeugung dezentraler Systeme im Wärmemarkt kann einen Beitrag zur Stromerzeugung in Zeiten geringer Einspeisung von Erneuerbaren Energien leisten.

Stromüberschüsse speichern

Hier bietet sich die Nutzung großer und deutlich günstigerer Energiespeicher außerhalb des Elektrizitätssektors an. Diese bewirken eine große Flexibilität in der Nachfrage nach elektrischer Energie. Die Sektorkopplung sorgt damit für Energiesicherheit, da die Schwankungen von nicht dauerhaft nutzbaren Energien wie Windenergie oder Solarenergie ausgeglichen werden können. So kann der Strom aus Erneuerbaren Energien in Zeiten des Überschusses systemdienlich verwendet und in der vorhandenen Gas- oder Wärmeinfrastruktur für Zeiten der Dunkelflaute gespeichert werden. Dies ist sinnvoller und kostengünstiger als das Abregeln der Anlagen mit entsprechenden Zahlungen an die Anlagenbetreiber. Gleichzeitig steigt der Anteil der Erneuerbaren Energien am Energiebedarf.
Sektorenkopplung kann zudem nur dann erfolgreich sein, wenn sie sich betriebswirtschaftlich rechnet. Die Refinanzierung der Investitionen auf Basis funktionierender Geschäftsmodelle kann nur gelingen, wenn Planungssicherheit für die Unternehmen herrscht. Daher müssen die Rahmenbedingungen für die Sektorkopplung glaubhaft stabil und langfristig angelegt sein. Wichtig ist zudem ein technologieneutraler Ansatz. So wird gewährleistet, dass im Wettbewerb die effizienteste und kostengünstigste Technologie zuerst eingesetzt wird. Das Setzen gleicher Rahmenbedingungen für verschiedene Technologien (level-playing-field) ist erfolgversprechender als ein Masterplan für bestimmte Technologien. Um ein unbürokratisches Experimentieren mit neuen Geschäftsmodellen im Bereich der Sektorenkopplung zu ermöglichen, sollten jedoch Bagatellgrenzen eingeführt werden, damit Start-ups und neue Geschäftsideen nicht sofort in das Blickfeld der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht geraten.

Gut zu wissen

Mitgliedsunternehmen des BVMW sind als Innovationstreiber bei der Umsetzung der neuen Technologie ganz vorne mit dabei. So hat die Viessmann Group schon Ende Februar 2016 eine Power-to-Gas-Anlage installiert, die Strom in Gas umwandelt.
www.viessmann.de

Auch Werner & Mertz – bekannt für Marken wie Erdal, Frosch oder tana – setzt als innovatives Unternehmen auf die Sektorkopplung. Hier werden im Verwaltungsgebäude die verschiedenen Energieträger Wasser, Wind und Sonne optimal eingesetzt.
www.werner-mertz.de

 

Kilian Harbauer
BVMW Referent für Energie, Nachhaltigkeit, Mobilität und Logistik

kilian.harbauer@bvmw.de